Ich erntete viel Unverständnis, als ich vor drei Jahren angekündigt habe, dass ich mich aus der Inklusionszene – so will ich sie mal bezeichnen – zurückziehe. Mehr oder weniger über Nacht habe ich meine Initiativen einschlafen lassen, sanft mit einem Kuss auf die Stirn. Es waren zum Teil persönliche, gesundheitliche Gründe, über die ich sicherlich auch demnächst berichten werde, weil sie den Hauptteil zu meiner Wandlung beigetragen haben. Jedoch waren es auch strukturelle und emotionale Gründe, die mich darin bestärkt haben, den Schritt zu gehen. Ach, und dann war da noch die Schublade.

Nach mehreren Jahren intensiver Arbeit an den Projekten, nach viel Herzblut und Mühe, nach so vielen Zweifeln, nach… ach, ist doch heute auch egal!, merkte ich ganz einfach: Es ist vorbei. Es ist alles gesagt, es ist alles gegeben.

Alles, was ich hätte weiterentwickeln oder darauf aufbauen können, wäre einfach nicht mehr ehrlich, noch weniger authentisch und ein billiger Abklatsch einer einst genialen Sache. Warum sollte man längst durchgekaute Sachen nochmal und nochmal an die Menschen weitergeben? Irgendwann wird der Inhalt nicht genießbar. Alles was bleibt ist der Rest vom Rest – das wollte ich nicht.

Abklatsch und Billigkram gibt es auf der Welt genug. Die Tatsache, dass Menschen mit Themen nur ihr Geld machen wollen, obwohl es sie im Kern nun wirklich nicht die Bohne interessiert, ist nicht aus meiner wilden Phantasie hervorgezogen. Das wissen wir alle, das fühlen wir, wenn jemand etwas sagt, was er oder sie nicht so meint.

Menschen, die sah ich auf fast jeder Veranstaltung auf der ich früh war, die nur das sagen, was gut ankommt, was die Masse hören will, was wiederum keiner hinterfragt, wogegen nur selten jemand widerspricht, außer ein paar „Idioten“, die eh keiner ernst nimmt.

Inhalte, die weder wirklich erlebt noch gefühlt wurden, die jeder vom jedem abguckt, umschreibt und selbst wiedergibt.

Applaus.
Gut gemacht.
Ich gähne.
Gibt es denn wirklich nichts Neues?!

Theorie, die sich wie Geplätscher anfühlt und alle nicken im Takt der gewollten inklusiven Gemeinschaft, weil man es halt so macht, ohne das Gesagte zu hinterfragen. Ohne einmal inne zu halten und sagen: „Hm? Wirklich?“ Oder ohne auch etwas dafür zu tun, denn nach dem berieseln lassen gehen doch eh alle in ihre heile Welten zurück und joa, so ist es halt – die Politik ist Schuld oder die Ärzte.

Es störte mich zu sehen, dass das gesamte Potenzial der starken Menschen im Sande verlief, so in der Weite verstreute. Ein paar Leute bewegen was, alle anderen wissen nicht, ob sie böse twittern oder doch lieber durch die Stadt fahren sollen und die Blicke der Menschen zählen sollen (um dann darüber zu bloggen).

Dass wir alle gleich sind, stimmt schlicht und einfach nicht.
Dass jeder alles haben kann, auch.
Dass wir alle gleich wert sind? Doch, das unterschreibe ich.
Alles andere ist Geplänkel von Leuten, denen nichts anderes Gutes einfällt.

Ich war am Ende meiner Projekte nach einigen Jahren auch so, mir fiel nichts mehr Gutes ein und ich spulte nur noch meine Schleifen ab. Stand auf der Bühne, natürlich selbstbewusst und schick, und erzählte etwas über… das weiß ich schon gar nicht mehr, denn ich war schon längst nicht mehr bei der Sache.

Ich beobachte viel Unwahrheit, viel Getue. Nicht nur in der „Inklusionszene“, überall. Aufregung, ganz viel Wut, die nicht immer förderlich ist, die nicht immer als Motor dient. So viel verpuffte Energie für eigentlich ziemlich gute und wichtige Sachen – schade eigentlich.

Jetzt im Nachhinein ist es mir schleierhaft und sogar etwas peinlich, dass ich die GANZE Zeit betont habe, dass ich nicht nur behindert sei, dass in mir noch so viel anderes stecken würde, noch unendlich viel Potenzial, und überhaupt, ich habe noch viele Seiten, die nichts mit der Behinderung zu tun haben! Und dazu die Vermischung der Melancholie mit dem Wunsch, endlich meine vielfältigen und bunten Facetten zeigen zu dürfen. Wenn ich doch nur aus der Schublade herauskäme, wenn ich doch nur dürfte! Dann würde ich… oh ja, dann würde ich, und wie!

Wo ist sie denn nur, die andere Seite?
Die anderen vielen Seiten?
Warum verbergen sie sich und halten die Hände vor sich, um nicht gesehen zu werden?
Habe ich es mir etwa zu einfach gemacht und habe mich viele Jahre hinter der Opferrolle bequem gemacht?!

Uiuiui! Ja, ich fühlte mich sogar recht wohl in der Opferrolle. Darin kannte ich mich aus, wusste was zu tun ist.
Das zuzugeben war und ist mir ziemlich unangenehm.

Für mich stand es fest: Ich möchte weiterkommen als nur dorthin, wohin ich gesteckt wurde.  Wohin ich mich stecken lassen habe. Nämlich in eine Schublade.
Schublade der behinderten Frau.
Später die Schublade der behinderten Frau, die unbedingt aus der Schublade der behinderten Frau ausbrechen wollte.

Ich wütete in der Schublade sitzend, schlug um mich, schrie wie am Spieß. Alle nickten anerkennend, klatschten Beifall. Während ich an Kraft und Energie verlor, die Schublade wollte einfach nicht. Und keiner verriet mir den Trick, wie ich herauszukommen könnte.

Ermüdet und schlapp versuchte ich eine neue Taktik, die sanfter und mit mehr Gefühl war und…  Überraschung, die Schublade öffnete sich! Zunächst einen kleinen Spalt, dann immer mehr, bis ich begriff: Die Schublade war gar nicht verschlossen. Sie reagierte lediglich nicht auf wütende und energische Bewegungen. Ich ruckelte und tobte völlig umsonst. Ich machte sie auf, steckte meinen Kopf raus, schaute mich neugierig in der neuen Umgebung um und stieg aus der viel zu engen Schublade aus. Alleine. Mich hat keiner erlöst, befreit, und die Kommode musste für den Ausstieg nicht gesprengt werden.

Ich klopfte mir die verstaubten Sachen ab, zog das umgehängte Schild mit vielen seltsamen Zuschreibungen an meine Person (behindert, stark, schlau, vom Leben gebeutelt, witzig, immer motiviert, kreativ, melancholisch, Arbeiterkind) vom Hals ab, und ging einfach mal los. Neugierig, wer ich sein kann, wenn ich mich selbst in keiner Schublade halte, wenn ich es mir selbst erlaube mehr zu sein, als je zuvor.

Wer bin ich denn dann?
Wer erlaube ich mir zu sein?

2 Idee über “Ich, das tobende Schubladenkind

  1. isserstedt.dorothea59@gmail.com'
    Dorena sagt:

    Mir es in der Opferrolle bequem machen, ja, da erwische ich mich auch immer wieder. Die Folge : Resignation, Unbeweglichkeit, Mutlosigkeit….und das,obwohl ich glaube, ich bin Gottes Kind.
    Ich gehe genau wie du immer wieder auf die Suche, wer bin ich,wie bin ich und wo will ich hin ?
    Freundliche Grüsse Dorena

  2. alexandra.friese@me.com'
    Alexandra Friese sagt:

    Liebe Anastasia, ich fand schon immer, dass Du leuchtest. Und dass Du sehr sichtbar bist. Nicht easy
    mit dem Rollstuhl und Deiner Erkrankung. Aber was man nicht ändern kann muss man so gut es geht annehmen lernen. Du machst es großartig und reflektiert – toll. Lebe und liebe und vielleicht kreuzen sich unsere Wege mal wieder ❣️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.