In meiner Phantasie ist oft alles ganz simpel.

Wenn Götter und Göttinnen erwachen, werden sie von heroischem Gesang, Lichtflut und sphärischer Musik begleitet. Sie strecken ihre Brust aus, entfalten ihre volle Größe und schreiten erhobenen Hauptes, erfüllt mit Stolz und Tatendrang vorwärts. Ihr Blick gilt dem Vorne, zurück schauen sie nicht. Ihr Haar weht im Takt des Windes der Motivation, die Kleidung tanzt mit.

Es gibt nichts, was sie aufhalten kann.
Niemanden, der sie aufhalten wird.

Auf diesen Moment und dieses Gefühl habe ich viele Jahre gewartet. Doch die Realität war eine andere.

Im echten Leben war es meistens genau das Gegenteil von dem oben beschriebenen Bild.

Kermit, der Frosch, der war eigentlich immer da, seit ich denken kann. Kermit spricht immer ein bisschen zu schnell, der ist immer ein Tick zu hektisch, ist meistens „auf dem Sprung“ und setzt sich selten einfach nur mal in Ruhe hin, um seinen Ostfriesentee zu genießen.

Also, für’s Verständnis, es ist beides gleichzeitig in mir und präsent: Kermit, der Frosch und eine Göttin mit wehendem Haar und einem klaren, entschlossenen Blick.

„Datt passt alles vorne und hinten nicht zusammen!“, wusste ich und das fühlten auch die Anderen.

Das zu begreifen war für mich nicht erlösend. Im Gegenteil. Das ist doch furchtbar, wenn du mal sehr gut, schnell, klar, professionell und „on point“, wie man so schön sagt, bist und mal… mal geht gar nichts. Mal ist Kermit da, der völlig verrückt spielt, der herumhoppst, der sich auf den Boden wirft und kreischt, tobt, sich total der Leistung verweigert, der nicht funktionieren will, der die „Göttlichkeit“ auslacht und einfach nur seinen Roller fahren will.

Weil ich Kermit ziemlich oft weggesperrt habe, weil ich, komme was wolle, auf Biegen und Brechen, funktionieren wollte, ist er umso stärker und sturer geworden und hat mir irgendwann einen Vogel gezeigt. Er ließ sich nicht mehr einsperren und ich weigerte mich auf die Bühne zu gehen, wenn Kermit für mein Publikum sichtbar war.

Deshalb verbrachten wir zu dritt viel Zeit miteinander – im Backstage meines Lebens. Zu dritt, das ist die Göttin in mir, Kermit und natürlich ich.

Ich musste nachdenken, denn es lag ein Problem vor, mit dem ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas zu tun hatte und nicht wusste, wie ich es lösen soll:

Die Göttin ging nicht ohne mich auf die Bühne; Kermit durfte auf gar keinen Fall, es war mir zu peinlich, er wollte aber unbedingt. Ich musste aufpassen, dass Kermit nicht einfach hinter den Vorhang springt und irgendeinen Quatsch veranstaltet, für den ich dann wiederum grade stehen müsste, und hielt ihn mit der ganzen Kraft an der Gurgel fest. Aus diesem Grund war ich wiederum völlig handlungsunfähig. 

Die Göttin in mir ist weise, sie spricht nicht viel, nur das sagte sie:

„Du bist nicht immer eine gute Gastgeberin für die unterschiedlichen Charaktere deiner Persönlichkeit. Kermit hat es nicht verdient von dir so behandelt zu werden, nur weil du eine andere Vorstellung von deiner Wirkung hast. Außerdem, während du mit Kermit beschäftigt bist, komme auch ich nicht auf die Bühne. Eine Göttin Backstage könnte auch eine Magd sein. Dafür bin ich nicht geschaffen!“

Ich riss die Augen vor Verwunderung auf. Und gleichzeitig Angst, denn das würde bedeuten, dass…

„Danke!“, krächzte Kermit in Richtung der Göttin. Sie nickte, was als „Gern geschehen“ verstanden werden sollte. Die Göttin hat sich doch tatsächlich mit dem Kermit verbündet.

Vorsichtig machte ich den schweren, wirklich sehr schweren, Bühnenvorhang einen Spalt auf, und wagte einen Blick raus ins Publikum. Es waren viele, die warteten.

Und statt wie sonst zu denken: „Oh Gott, es sind so viele gekommen, es darf nichts schief gehen!!!“ wandelte ich meine Angst um in die Überzeugung: „Wie schön, es sind so viele da, die neugierig auf das sind, was wir zu sagen haben!“ und merkte, wie sich alles in mir entspannte. Wie weich meine Stimme und die Muskeln wurden, wie sanft mein Blick auf Kermit.

„Hauptsache das Licht ist richtig eingestellt!“, dachte ich mir noch und kicherte vor mich hin, so ein bisschen Sorge darf ja auch bleiben.

***

Die oben beschriebene Geschichte ist wahr. Es gab noch einige mehrere TeilnehmerInnen am Gespräch und der hitzigen Diskussion. Es flossen Tränen, es wurde gerangelt und gekratzt, es wurden Vorwürfe gebrüllt und Türen geknallt. Am Ende standen wir alle da, mutig und zusammenhaltend, und ich durfte sein, so wie ich bin, mit allem was dazu gehört. Ich zeigte mich in allen meinen Facetten, denn all das bin ich.

Nicht nur die Göttin, voller Anmut und Schönheit, nein. Es gibt da auch Anteile in mir, die schreien, rebellieren und – entschuldigung, aber – NERVEN mich einfach nur unendlich! Wenn es gar nicht mehr geht und Kermit und ich uns nicht einigen können, dann setze ich ihn an den von ihm ausgesuchten Platz und biete ihm eine Zigarette an. Bisher funktioniert das ganz gut, mal gucken, ob es so bleibt oder ob wir eine neue Lösung brauchen.

 

***

Für Sie:

Diskutieren Sie mit Ihren Anteilen. Verhandeln Sie. Gehen Sie Kompromisse ein und lösen Sie sich von den Vorstellungen, wie es sein müsste. Sie müssen nicht ausschließlich und ewig meditieren, um sich zu entspannen – es reicht, wenn Sie lernen Ihre Anteile (so oft es geht) bedingungslos anzunehmen.

Wenn Sie sich Unterstützung dabei wünschen, schreiben Sie mir. Ich bin gerne da, begleite und teile mit meinen persönlichen Erfahrungen.

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