Als ich nach diesem besonderen Abend im Bett lag, dachte ich: „WTF, was war DAS?!“ und konnte noch lange nicht einschlafen. Schon vorher habe ich gefühlt, dass es mein Leben verändern könnte, dass es ein neues Kapitel aufschlagen wird. Ich habe geahnt, dass es irgendwie besonders werden wird. 

Ich würde es in etwa so zusammenfassen: Es ist fast eine Woche her, und ich bin immer noch glücklich.

Ja, ich war nervös. Sehr! Und dennoch war ich die Ruhe selbst. (Gleichzeitig!) Dieser Abend, dieses bisher größte Ereignis in meinem Leben, zeigte mir, wie sinnvoll, notwendig ALLE meine Erlebnisse bis zu diesem Moment gewesen sind. 

Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet: Unzählige Krisen, schlaflose Nächte, das Nichtwissen was ich will. Wie viel Jahre war ich genau im Nebel?! Wie viele Liter Tränen habe ich herausgeweint? Wie oft habe ich genau gedacht, dass ich niemals meinen Platz in dieser Gesellschaft finden werde, dass mich niemals jemand verstehen wird, was ich genau zu sagen habe? Ich fühlte mich immer alleine. Einsam. Anders. Und plötzlich stehen da dreihundert (300!) Menschen und sie sind alle wegen MIR da? 

An dem Abend, als ich mein wunderschönes Kleid angezogen habe, und den neuen roten Lippenstift, den mir meine Mutter extra für die Premiere geschenkt hat, aufgetragen habe, fühlte ich: Es ist dieser Neubeginn, von dem ich immer so schwärme. Da ist er. Los geht’s!

„Schön bin ich geworden.“, dachte ich und lächelte mich selbst an.
Ich fühlte Stolz.
Ich fühlte meine eigene Größe. 

„Wie machst du das?“, fragten mich schon viele. Teilweise wusste ich es nicht, zwischendurch sagte ich, es wäre das positive Denken. Doch heute weiß ich ganz genau, wie ich zu diesem Spiegelbild gekommen bin: Es war das tiefe Tauchen in die Scheiße. Nicht schön, nicht angenehm, kein Grund, um mich darum zu beneiden. Aber ich kann es selbst nicht von der Hand weisen, dass ich mich nun mal viele Jahre meinen Themen gewidmet habe, dass ich irgendwann aufgehört habe mich für meine Hässlichkeit zu schämen – herausgekommen ist genau das Gegenteil: die Schönheit. 

Während ich das sage, denkst du wahrscheinlich, dass ich übertreibe. Nein, nein, vielleicht hast du mich nur falsch verstanden. Mit Hässlichkeit meine ich das empfundene Unglück, mit Schönheit die echte Zufriedenheit.

Etwas ist in mir vorsichtig, und gleichzeitig unzerbrechlich geworden.
Das ist das neue Ich.
Anastasia 2.0 könnte man sagen. 

Doch zurück zu diesem besonderen Abend. Es fand am 10. November 2021 auf Kampnagel in Hamburg statt. 

(Wer diesen Ort nicht kennt, dem möchte ich kurz erklären weshalb ich überhaupt so begeistert und aufgeregt bin: es ist einer der aller coolsten Orte in Hamburg, an dem Veranstaltungen stattfinden können.)

Ich hatte die Halle K2 zunächst bekommen, allerdings waren die Tickets innerhalb weniger Tage ausverkauft. Die Lesung wurde in die K6, die allergrößte Halle, verlegt. Das hat mein Nervensystem nicht unbedingt beruhigt, doch nach einer Nacht drüber schlafen, wusste ich, dass ich das wuppen und die Energie halten können werde. Das war auch so. Was gibt es für einen Menschen zu verlieren, der einst fast gestorben ist? Dieses bisschen Nervosität, diese dumme Angst, nicht zu gefallen? Diese Argumente schienen mir dumm.

Manchmal gibt es Momente im Leben, in denen sich alles fügt. Als wäre es eine Bestimmung, und es würde so oder so genau so stattfinden, ohne dass ich etwas dafür oder dagegen tun kann. So fühlten sich die letzten Wochen für mich an. Alles stimmte einfach. Was für ein Geschenk an diesem Ort lesen zu dürfen, was für ein Geschenk von diesen Menschen umgeben zu sein:

Mareice Kaiser: Sie begleitete mich und das großartige Publikum durch den Abend mit größter Sicherheit, mit Liebe und Feingefühl. Was für ein Segen!

Julia Santoso: Eine meiner Assistentinnen, die „im echten Leben“ eine Fotografin ist. Und was für eine! In den letzten Monaten hat sie so einige Bilder von mir geschossen (u.a. das Buchcover) und so auch an dem Abend. Was für ein Glück solche talentierte Menschen zu kennen.
Team Kampnagel: Ganz ehrlich, ich kann euch nicht genug danken. Es war mir ein Fest mit euch zusammenzuarbeiten. Hoffentlich nicht das letzte Mal – vielen, vielen Dank!

Natürlich das Publikum: Wow. Danke. Für alles!!! 

Ah, ich habe ganz vergessen über das Highlight zu sprechen. Ich war nämlich wirklich, wirklich mutig. Als wäre der Auftritt mit allem nicht schon genug, habe ich beschlossen eine live Meditation mit 300 Menschen durchzuführen. Es hat mich ein wenig Überwindung gekostet, weil ich Angst hatte, dass ich vielleicht noch nicht gut darin bin, Menschen zum Meditieren und zum Atmen anzuleiten. Doch eins wusste ich: das werde ich in Zukunft öfter machen, das wird mein Leben sein.

Ich habe es auf dieser Bühne probiert – und was soll ich sagen, ich glaube, das war schon ziemlich gut. Es war die Art von Magie, die ich in meine Arbeit einbauen werde. 

Immer mehr bekomme ich Lust auf das Leben. Auf mein Leben. An diesem Abend durfte ich lediglich meine Sinnlichkeit, meine Lust auf dieses Sein verkörpern und es für alle sichtbar machen.

„Ich bin bereit.“ lautete mein Mantra während ich auf die Bühne fuhr.
Ich wusste: Ich will mir selbst nicht mehr im Weg stehen.

 

Ein paar Impressionen (gemacht von Julia Santoso):

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