Nicht nur der Podcast, auch mein Angebot für die Vorträge, Keynotes und Coaching hat einige Zeit gebraucht, bis es in die Welt rauskonnte und ich mich endlich bereit dafür fühlte.
„Seltsam“, dachte ich, „du hast alles – das Equipment, die Bereitschaft und viele Geschichten, um loszulegen. Endlich loszulegen! Worauf wartest du eigentlich noch immer?!“
Als Antwort kam nichts außer der üblichen Leere, die immer auf den inneren Druck folgt, bis die Erkenntnis „Es ist noch nicht soweit, es kommt, wenn es bereit und fertig ist.“ nur sehr sehr langsam durch den Nebel nach Außen kommt.

Dieser Gedanke, diese Erkenntnis, hat mich durch die letzten Jahre, aber insbesondere durch das letzte getragen. Dinge kommen, entstehen und zeigen sich, wenn sie bereit sind. Da hilft kein Druck, da hilft kein Zwang und auch nicht noch mehr Seminare und Schulungen, wie man endlich die Dinge tut, die man tun will.

Die Kreativität ist eigen, fast schon tückisch – versucht man es auszuquetschen, geschieht einfach mal nichts oder die Ergebnisse machen nicht glücklich. Alles für die Katz – das will man dann ja auch nicht.

Also was tun? Wie geht man mit den Zeiten des Wartens um und dem Fass voller Ideen und Tatendrang und der gleichzeitigen Gewissheit: Es ist noch nicht soweit.

Ich möchte mit euch eine Geschichte aus meinem Leben teilen. Ich habe eine großartige Cousine, die sehr hübsch ist, intelligent, zielstrebig. Eine Frau, die straight ihre Sachen durchzieht, die gutes Abitur hatte, die im Studium immer fokussiert war, die nach Außen hin immer gute, normale, aber recht zufriedene Beziehungen geführt hat. Sie war mein Vorbild. Weil meine Mutter mich immer mit ihr verglichen hat. Die Cousine steht für mich für die Eigenschaften, an denen es in meinen Augen immer mangelte. Sie war das, was ich nie war, wie ich aber gern wäre – so unaufgeregt gut.

Ich habe mich mein Leben lang mit der Cousine, später auch mit anderen Frauen verglichen und kam immer wieder zu dem Entschluss, dass ich – im Vergleich zu diesen talentierten Menschen – einfach nicht gut genug bin.

Nach Außen hin sind alle mit ihrem Business oder anderen Lebenszielen am Expandieren. Zwar ist ihr Wachstum unterschiedlich schnell, aber stets nach oben.
Während meine Ernte mich eher an die einer wilden Blumenwiese erinnerte – nichts passt zusammen. Es ist zwar ein Blickfang, doch wirkt es eher wie ein Produkt von jemandem, der einfach keine Ahnung von einer Blumenwiese hat.
Ich wollte doch so gerne einen Blumenstrauß wie die haben, bei denen es stets ordentlich ist, sauber, passend und irgendwie professioneller, geplanter, geordneter. Hübsch, schlicht, von den Farben her passend.

Bei jeder meiner Ernte, die oft recht üppig war!, hatte ich oft ein schlechtes Gefühl. Es war nicht so wie bei meiner Cousine, es war wild, so ungeordnet, so unterschiedlich lang, so intensiv duftend, so auffällig, so viel. So typisch ich! Nichts worauf jemand stolz sein könnte. Dachte ich.
Viele Jahre sind vergangen, die Ernte ließ nicht nach, fiel noch immer sehr üppig aus, und eines Tages saß ich erneut vor meinem wilden Blumenstrauß und widmete meine Aufmerksamkeit jeder Blüte, jedem individuellen Grashalm. Nach wie vor passte nichts zusammen und doch lächelte mich alles an. Ich begriff, dass all das, all diese bunte, verrückte, nicht zusammenpassende Ernte – all das bin ICH. Alles Wilde ist meins. Nicht nachstellbar, ohne Geheimrezept, anders als die Ernte aller anderen Menschen. All das hier – das bin ich.

Etwas löste sich in mir und ich atmete auf. Leise, denn auch das bin ich, und mit Freudentränen in den Augenwinkeln. Es tat mir so für meinen Blumenstrauß Leid, dass ich mein Leben lang etwas haben wollte, was andere säen, während ich meine eigenen Pflanzen und die Farbpracht so sehr vernachlässigt habe. Und es blühte trotzdem mühelos weiter, beschenkte mich mit allem, was es nur zu geben hatte.

In dem Moment wusste ich: ich bin bereit. Der Podcast ist bereit, ich bin bereit, um auf die Bühne zu gehen, um zu schreiben. Meine Geschichten können es nicht mehr aushalten nicht mehr gehört und nicht gesehen zu werden, auch sie sind bereit, reif für die Welt.

Der Moment, in dem ich aufhörte mich mit den Samen und der Ernte der anderen Menschen, die eine komplett andere Geschichte haben, zu vergleichen, mich gegen die Mühlen abzukämpfen, nur um mit ihnen in einer Liga spielen zu können, befreite mich und ließ mich aufatmen. Ich verstand, wir können gar nicht jemals in einer Liga spielen, weil wir zwei völlig unterschiedliche Sportarten ausüben, wir sind in zwei unterschiedlichen Welten. Man könnte sagen, wir sind in zwei völlig unterschiedlichen Gewichtsklassen – wir können gar nicht die gleichen Ergebnisse erzielen.

Einer wird immer das Gefühl haben nicht zu genügen. Ich wollte nicht mehr diejenige sein. Ich wollte mir selbst genug sein.

Übrigens, auch das war meine Erkenntnis, nur weil jemand stark nach oben wächst, nach oben sprießt, höher, weiter, schneller, der hat noch lange kein gutes Wurzelwerk. Natürlich ist die Freude immer groß, wenn man im Winter oder Frühling einen kleinen Samen in die Erde pflanzt und schon bald die ersten grünen Blätter kommen. Aber jetzt mal ehrlich – einen starken Windstoß wird das Pflänzchen nicht überleben. Ich wollte keine grüne, hübsche, immer aufrechtstehende Pflanze sein. Ich wollte verwurzelt sein, gewappnet sein für jedes Wetter. Ich wollte nicht von Fremden bewundert werden, gar angefasst und gestreichelt, ich wollte Tiefe, Stabilität und Kraft – in der Erde, dort, wo es keiner sieht, nur ich fühle und darum weiß.

Ich schlug Wurzeln. Ich verankerte mich selbst an dem Platz an dem ich stehen geblieben bin und konzentrierte mich auf das, was mich stärkt. Die Tiefe, das Vergraben in der Erde, das sich festhalten an dem, wo ich gerade stehe. Nicht wegen der Unfähigkeit loszulassen, viel mehr aus dem Bedürfnis heraus Kraft zu tanken aus der Quelle, die ich in der Stille anzapfte.

„Ich bin bereit!“, spürte ich glasklar und lud das Leben ein in mir Platz zu finden. Das Nichtwissen was kommt oder wegbleibt durfte auch bleiben, die Angst, das mulmige Gefühl mich erneut zu übernehmen – auch. Denn auch das ist ein Teil der Nahrung für die Wurzeln, neben der Leichtigkeit, dem Wahnsinn und der Lust auf Kreativität, die Schöpfung und der Gewissheit, dass alles gut wird, so wie eben meistens.

Ich bin bereit in meinem eigenen Tempo zu wachsen. Ich möchte nur die Früchte zur Ernte frei geben, nur den Blumenstrauß binden, dessen Samen ausschließlich von mir kommen – nicht durch eine Kreuzung der Kreation anderer Menschen, keine Einmischung derer Geschichten und in meiner.
Ich tue alles für die Stärkung meiner eigenen Wurzeln, denn ich möchte möglichst lange stabil bleiben, für jede Witterung gewappnet zu sein.

Eine Idee ist der Samen, aber die Nahrung des Samens kommt aus dem Inneren, geprägt durch die Erfahrung aber auch in letzter Konsequenz einer Entscheidung.
Sobald du weißt, was du willst und alles an dir sagt ein deutliches „JA!“ zu dem, was kommen soll, dann darfst du dich zurücklehnen und erstmal einen Tee trinken. Denn die Klarheit und deine Bereitschaft ist der Dünger für dein Vorhaben. Da kann nichts mehr passieren.

Du brauchst keine Ratgeber mehr lesen, du weißt all das bereits. Du brauchst nicht noch mehr Fortbildungen, nicht noch mehr Zertifikate, um die Gewissheit zu haben, dass du all das bereits kannst, worauf du Lust hast. Kündige alle Abos, die dich nur noch unter Druck setzen und dir suggerieren, dass du nichts schnell genug wächst und dass deine eigene Blumenwiese nicht der deines Nachbarn entspricht.

Scheitern wirst du so oder so, das musst du wissen und darfst aufhören zu versuchen es zu vermeiden. Die Angst vor dem Scheitern hilft dir jedoch nicht weiter, leg sie in die Erde zu deinen Wurzeln dazu, dort kann sie sich in die Nährstoffe deines Ichs verwandeln.

Tja, was bleibt noch zu sagen? Ich freue mich! Ich freue mich jetzt hier zu sitzen und diesen Text für euch einzusprechen. Ich bin stolz auf mich, dass ich nicht mehr erwarte, dass irgendjemand anders stolz auf mich ist und dass mein Wert davon abhängt. Ich freue mich, dass ich gelernt habe auf meinen Körper zu hören, dass ich meine Grenzen ernst nehme und sie nicht mehr allzu oft überschreite. Das macht mich glücklich und hinterlässt den Geschmack von Zuversicht noch lange kreativ sein zu können.

Wie gefällt euch eigentlich dieser Blog und der Podcast? Natürlich würde ich mich auch freuen, wenn ihr den Podcast auf iTunes bewertet, damit auch andere Menschen sehen, dass es hier etwas hörenswertes gibt.

Schreibt mir doch bitte auch eure aktuellen Themen: Was beschäftigt euch, was treibt euch um, an welchem Platz steht ihr gerade? Und: Wo zieht eure Sehnsucht euch hin?

Ich wünsche uns allen ein großartiges neues Jahr, in dem wir alle die Wurzeln noch tiefer in die Erde graben können, in dem wir eine klare Antwort finden. Ein Ja ist gut, ein Nein aber auch. Ein Blick voller Klarheit nach vor und den Mut, den Fuß in die Richtung zu setzen, wohin die Sehnsucht zieht.

Ich bin bereit und voller Vorfreude auf 2020!

Wir hören uns und ich hoffe viel von euch zu lesen.

5 Idee über “Altneujahrgruß: Über das Ende und den Beginn

  1. fraujulek@gmail.com'
    Frau Jule sagt:

    oh, was für ein guter text. wie persönlich. wie immer ;) danke! bei dem blumenstrauß musste ich schmunzeln, ich erkannte mich so sehr wieder. und wo du fragst, wo deine lesenden stehen: beim selbst gut und wertvoll finden, aber verwirrt sein, dass andere das nicht so sehen… vor allem dann schwierig, wenn es menschen sind, die ich eigentlich gerne in meinem leben hätte. in einer guten position… verwirrt sein macht wirr…. danke für dich!
    liebst,
    jule*

    • Anastasia Umrik sagt:

      Liebe Jule, danke für dein Kommentar! Wenn dich jemand blöder findet als du selbst, dann ist er oder sie doch richtig… äh, blöd. Ich wünsche dir, dass es dir einfach EGAL wird, wer dich wie findet. Hauptsache du verlierst dich selbst nicht. <3

  2. hello@pani-agata.com'
    Pani Agata sagt:

    Das mit der Kreativität ist so wahr. Sie ist eigen und oftmals bringt es nichts, Dinge auf Teufel komm raus zu erzwingen. Ich merke selber, dass viele richtig gute Ideen einfach von alleine kommen – beim Frühstück, beim Spazieren, beim Lesen.
    Ich finde schön, dass du dazu anregst, in den richtigen Moment und vor allem in sich selbst zu vertrauen.
    Auch ich setze diese Jahr auf stärkeres Wurzelwerk als Wildwuchs.

  3. fafnoer@gmail.com'
    Michael Siedel sagt:

    Da war alles fort! Also von vorne… Danke Liebe Frau Anastasia für den sehr schönen Text! und der wildblumen Strauß ist die höchste form Floristik eben weil alles nicht gleich ist nur mit der liebe und dem Herz zum Tun ergibt es eine schöne komposition, so wie ihr Text! Wünsche Ihnen ein schönes Jahr… PS bitte die Sache mit groß klein und anderes zu entschuldigen sie sitzen unten fest ich oben auf der wolke über dem Everest mit IDC 10 FG 84.5 Spektrum irgendwas weil gestört sind die anderen und X17 sowie IQ Wert X macht es alles nicht so einfach! PPS: Da es hier bei mir nichts barrierefreies gibt schlagen sie bitte einen Ort vor wo Sie so Sie den Mögen mit mir ein Heißgetränk trinken und wir ein Gespräch am Rande der Welt über die Welt führen könnten? gez. Michael Siedel #fafnör (bin auf twitter über sie gestolpert…)

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