Weihnachten wie bei dem Edeka-Opa

Ach, schön, dass Du da bist! Seit gestern spinnt unser Internet irgendwie. Kannst Du mal schauen…?“

Ich hasse es. Ich hasse es wie die Pest durch die Tür meiner Eltern zu gehen und zu hoffen, nein – zu beten! – , dass deren Internet und der PC und überhaupt die ganze wenige Technik im Hause funktioniert. Ich bekomme es ja schon bei mir Zuhause kaum hin, meine Freunde richten mir meinen Drucker und mein neues Handy ein. Bei meinen Eltern bin ich der gescheiterte Techniker.

Über die Adventszeit bauen wir sehr intensiv unsere Weihnachtsgefühle aus. Wir backen und essen viele Kekse, zünden Kerzen an, tun so, als würden viel Ruhe und das Lesen von neuen Büchern genießen. Das alte („Ach ja so turbulente!“) Jahr ist vorüber, das neue („Das wird mein Jahr!“) steht bevor. Und dann kam der Edeka-Spot, der alles veränderte. Alle starrten mit Tränen in den Augen auf den Bildschirm:

Dieses Jahr, nein wirklich jetzt!, wird alles anders laufen, denke ich jedes Jahr. Ich werde ausschlafen, mich schick machen, ich backe vielleicht einen Kuchen und ignoriere Kommentare zu meinen neuen Schuhen und Sätze wie „Du bist ja auch keine einundzwanzig mehr, was machst du eigentlich genau…?“. Ich bleibe cool. Ich werde schweigen, bloß keine politischen Diskussionen anfangen und mich freuen, jede Sekunde mit meiner Familie genießen. Der Edeka-Opa schafft es doch auch, und ich will ja nicht so ein Scheißkind sein, dass die Eltern nur kurz vor dem Tod sieht und erst dann einsieht, wie sehr man sich geliebt hat. Nein, nein, ich werde es besser machen.

Und kaum betrete ich die Wohnung meiner Eltern, werde ich zum Kind. Meine Mutter ist gestresst und kocht und backt. Als hätte sie zehn Kinder und nicht nur zwei. Mein Vater läuft hektisch durch die Wohnung, scheint euphorisiert und in Hektik, aber ich verstehe nicht, warum eigentlich. #Kleinumrik ist aufgeregt und gespannt auf die Geschenke.

Ich muss nur noch etwas zu Ende basteln!“, ruft sie aus dem Kinderzimmer. Oh Gott, selbst das Kind ist schon im Stress.

Ich nicht. Noch nicht. Innerlich verdrehe ich die Augen und halte kurz die Luft an.

Den Druck, die Erwartungen und die Hollywoodstreifen, die „wie-es-geht“ vormachen, machen mich fertig. Ist das Geschenk angemessen oder ist es zu billig? Ist das Quatsch oder ist das genau richtig? Bin ich zu empfindlich, wenn ich auf kleine Kommentare einsteige oder ist es mein gutes Recht auch am 24. Dezember Dinge klar zu stellen und sich nicht alles bieten zu lassen?

Weihnachten ist ein von Kerzen beleuchteter Schrei nach Liebe. Sei ruhig, sei lieb, schweig und genieße. Ja, meine Fresse, darf man denn an diesem Tag keine Unterleibschmerzen haben und sich etwas schlecht fühlen? Ist man dann gleich ein schlechter Gast oder Gastgeber?

Ach egal, ich bin ja schon ruhig. Geschenke sind da, der Kuchen ist fertig, ich bin ausgeschlafen und fit. Mir kann nichts passieren.

Den Druck der guten Laune und des Friedens nutzen vor allem Eltern und Schwiegereltern aus, um Dinge loszuwerden, die sie ja schon länger auf dem Herzen haben. Sie werden persönlich, unfair, distanzlos und dreist. Von persönlichen Kommentaren wie „Wärst du mal kein Vegetarier!“ und „Du hast ja immer noch keinen Freund / keine Freundin. Was ist da los?“ kommt es zu politischen Diskussionen. Über die FDP zu SPD zu AfD. Flüchtlinge, Russlanddeutsche und Behinderte …und von A kommt man zu F und von F zu W und endet bei Z, aber dann ist es eigentlich schon zu spät. Wir fressen Fleisch und trinken Glühwein, während Kinder ertrinken. Ja, wer ist denn nun Schuld an all dem Desaster?!

Und dann rutschen Sätze raus wie:

Ach, Putin meinte das gar nicht so… und ich flippe leider aus.
Scheiße, ich bin eine schlechte Tochter.

Ich werde es irgendwann bereuen nicht die Klügere gewesen zu sein!“, denke ich, aber es ist dann schon zu spät.

Irgendwann, man hat zu dem Zeitpunkt schon die verschiedenen Streitebenen durch

  1. Ausraster,

  2. danach rasten alle aus, alle heulen oder knallen die Türen,

  3. einer macht dann den Schlichter und dann sagt jeder nochmal alles, was man schon gesagt hat

  4. und dann is‘ auch gut!, liegt man dann im Bett und ist einfach nur noch froh, dass der Abend überstanden ist, freut sich (hoffentlich) über die Geschenke und manchmal ist man traurig, dass man wieder mal nicht cool genug war, um die Diskussionen und die Piksereien zu ignorieren. Man hat auch noch mitgemacht, wie ein Teenie!

Und, wie war’s bei euch?“
Oh es war soooo schön!“

Immer. Bei den Anderen ist immer mehr Lametta. Auf Facebook logge ich mich aus Prinzip schon nicht mehr ein.

Gestern habe ich meinen Vater gesehen. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte:
Lass‘ uns dieses Jahr nicht streiten, okay?“

Ich nickte und hoffe nur noch, dass das Internet diesmal nicht rumspinnt.

Foto: mopo.de

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
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