Über das Schreiben – online und offline

Es war eine dieser Deutschstunden mit einem Lehrer, der mehr von sich und seinem Leben sprach, als uns etwas beizubringen. Ich hatte mal wieder Liebeskummer und saß ganz hinten. Ich saß in der Schule immer gern ganz hinten, damit keiner sehen konnte, was ich in den Ringblock kritzelte: „IluvU“, gebrochene Herzen und meine Übungsunterschrift für den Perso, den ich erst in drei Jahren bekommen sollte.

„…eine Kurzgeschichte über die Liebe. Bis nächsten Dienstag!“, hörte ich wie aus einem kaputten Lautsprecher vom Weiten. Ich schaute nur kurz hoch, bevor ich mich wieder meiner Liebeskummerkunst widmen konnte.

„Yeah!“, freute ich mich, „meine Deutschnote ist gerettet!“

Am nächsten Dienstag sollten wir unsere Geschichten vor der Klasse vortragen. Es war das Übliche: Er guckte sie an, sie guckte weg. Und dann traute er sich, sie anzusprechen, aber sie gab ihm einen Korb, obwohl sie doch eigentlich wollte. Dann wollte sie doch, aber er starb plötzlich, so dass sie ihm das nicht mehr sagen konnte. Damit musste sie nun klarkommen.

Dann war ich an der Reihe. Ich schrieb über mich – und meine damalige Verliebtheit. Was es mit mir machte, wie ich litt, wie ich mich freute ihn auf dem Schulhof zu sehen. Wie mein kleines Herz jedes Mal für ganze drei Sekunden aufhörte zu schlagen, wenn er auch nur in der Nähe war – und wenn er mich (wahrscheinlich eher zufällig) anlächelte, dann schwebte ich mindestens vier Tage durch die Luft, die nach 8×4-Deo roch und knall rosa war.

Es war keine lange Geschichte, es war eher ein kurzer Einblick in meine Seele. Als ich fertig war, blickte ich hoch – und alle weinten. Die Jungs guckten in ihre Blöcke, rieben sich die Augen, nuschelten etwas von „Scheiß Allergie!“ und taten so, als hätten sie nicht zugehört.
Alles war still. Ich hielt den Atem an – ich dachte, es war SO schlecht, dass sich keiner traute auch nur einen Ton von sich zu geben.
Jemand applaudierte und die Anderen schlossen sich an. „Bravo!!“ schluchzte das Mädchen, das mit dem Weinen nicht mehr aufhören konnte. Ich traf aus Versehen ins Schwarze und berührte die Herzen meiner damaligen Klassenkameraden.

„Sag mal, schreibt du oft? Oder hast du Hilfe bekommen?“, fragte mein Deutschlehrer, der schon kurz vor der Rente war.
„Weder noch.“, antwortete ich. „Es ist einer meiner ersten Texte – und der kam einfach aus mir heraus. Ich weiß auch nicht…“
„Bitte hör niemals auf. Aus dir wird mal was.“, sagte der alte Mann und klopfte mir ermunternd auf die Schulter. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.

Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal einen eigenen Text produzierte und es jemandem gezeigt habe. Ich weiß auch nicht woher diese Vorliebe für das Spiel mit den Buchstaben kommt. In meiner Familie gab es weder einen Dostojevski, noch Pushkin. Vielleicht ist es meine russische, alte Seele, die nach Ausdruck gesucht hat, nach Mitteln die Kreativität und die Melancholie auszuleben. Ich habe schon als Kind einen ausgeprägten Beobachtungssinn gehabt, habe die Situationen mit meinen Emotionen durchdrungen und nahm alle Informationen auf wie ein Schwamm. Wohin damit? Und dann entdeckte ich das Schreiben. Während mein Kinderkörper die Energie aufgrund der Muskelerkrankung nicht auspowern konnte und es sich immer mehr im Bauch- und Brustraum staute, fand ich mein Ventil in den Worten, die wie von alleine auf das Blatt Papier flossen. Immer öfter, immer schneller, immer intensiver. Ich konnte nicht mehr aufhören.

Als ich 2011 mit dem Fotoprojekt „anderStark – Stärke brauche keine Muskeln“ begonnen habe, entwickelte sich auch das Bloggen. Zunächst schrieb ich nur im Rahmen des Kunstprojekts über meine Erlebnisse als Frau mit einer körperlichen Behinderung. Ich erzählte ehrlich, manchmal politisch unkorrekt, etwas überspitzt, manchmal derb über das was ich erlebe, was ich denke, wie ich empfinde. Dabei sprach ich im Namen vieler Frauen mit einer Muskelerkrankung, ich entwickelte mich zu einem Sprachrohr in dem ich meine Gefühle ausformuliert veröffentlichte und dafür viel Zustimmung bekam. Es pushte mich, denn es gibt (für mich) kein größeres Glück, als zu sehen, dass meine Worte etwas bewegen, vielleicht sogar im kleinen Rahmen die Gesellschaft verändern – es gab noch so viel zu sagen! Die Worte, die Geschichten, meine Gedanken sprudelten heraus, ich war im Flow. Die Zeit war reif und deshalb war alles ganz ohne Anstrengung.

Der Zustand des „Flows“ ist einer, den sich sehr viele Kunstschaffende und Kreative wünschen. Ein Gefühl in dem man aufgeht, alles fühlt sich leicht an, obwohl der Kalender aus allen Nähten platzt. Nachts einen Text schreiben? Kein Problem!

Das nenne ich ‚Erfüllung‘, richtig platziert, die Quelle der Kreativität geht niemals leer, solange man sich an ihr bedient. Verliert man den Bezug zur Quelle, schläft die Produktivität und die Kunst ein. Danach könnte man die Uhr stellen.
Ich bin der Überzeugung, dass speziell das Schreiben nicht als ‚anstrengend‘ und ‚zäh‘ empfunden darf. Man kann die Worte, die Kreativität in der ‚Wortbranche‘, so nenne ich es mal, nicht erzwingen. Es fließt, wenn es frei sein darf, wenn genug Raum dafür geschaffen wird.

Schreiben ist dennoch Arbeit. Wer das als ‚Hobby‘ oder ’nett‘ tituliert, der ist ein richtiger Dummkopf. Das Schreiben ist Seelenstriptease, es ist ein gewolltes Nacktmachen, es ist das Eingehen der Gefahr der Bloßstellung, es ist an die eigene Grenze heranführend. Durch das Schreiben kommen nicht nicht nur die hellen, schönen Seiten ans Tageslicht, sondern auch die düsteren Gedanken, die Trauer, die Wut. Die Dämonen übernehmen hin und wieder das Regime, während man selbst es geschehen lässt, so will es der Prozess der Kreativität.

Inzwischen kann ich es zugeben: Es gab sehr oft diese Momente in meinem Leben, in denen ich vermeintlich beschlossen habe, nie wieder zu schreiben, außer E-Mails und Behördenbriefe. Zu sehr kam ich an meine Schmerzpunkte, zu doll tat mir danach alles weh. Aber immer und immer wieder, selbst nach einigen Monaten erzwungenen Schreibpausen, fand ich mich doch am Laptop und die Finger schrieben, bis die Kraft verschwand, bis ich körperlich nicht mehr tippen konnte.

Habe ich mir da nicht gerade selbst widersprochen? Ja. Und das ist es eben: Harte Arbeit, die sich nicht nach harter Arbeit anfühlen darf und schon gar nicht darf es der Leser zu spüren bekommen. Nicht wie lange man an einem Text saß, nicht welche Höhen und Tiefen man in einem Satz durchlebt hat. Und auch nicht, dass einem beim Schreiben manchmal die Tränen fließen und man dennoch da durch will; wissend, dass es gleich besser, heller wird. Jedes Mal wenn ich einen Text geschrieben habe und auf „veröffentlichen“ klicke, habe ich leichtes Bauchkribbeln. Kommt es gut an? Wird es jemand überhaupt lesen?!

Manchmal werde ich gefragt, ob ich das Bloggen bzw. das Schreiben weiterempfehlen kann. Ganz ehrlich möchte ich an dieser Stelle sagen: Wenn du daran zweifelst, ob du überhaupt schreiben solltest, wenn du erst eine ‚Erlaubnis‘ von Außen brauchst, dann ist es ein ganz klares Nein!

Wenn das Schreiben eine Berufung von dir ist, dann wirst du gar nicht anders können als zu schreiben. Du wirst verzweifelt sein, du wirst die Schreibblockaden hassen, du wirst Gläser an die Wand vor Wut schmeißen, du wirst weinen, mit dem Kopf schütteln, dich in einsame Hütten ohne WLAN verstecken, aber dann wirst du letztendlich doch immer wieder zum Schreibtisch zurückkehren und demütig vor dem weißen Blatt Papier sitzen und nach Lösungen suchen. Und du wirst sie finden.

Das Bloggen bedeutet nicht immer nur Spaß und Halligalli. Es ist nicht immer nur „Guck mal hier bin ich, das trage ich, diese Musik läuft gerade und überhaupt bin ich total engagiert!“ Es ist auch Verantwortung. Jedes gesagte Wort, jeder Gedanke, der an die Öffentlichkeit geht, hat das Potenzial etwas zu bewegen, zu verändern. Nicht gleich in der ganzen Gesellschaft, nicht immer im großen Stil, aber wenn es nach und nach die einzelnen Menschen bewegt, sie zum Nachdenken bringt – dann hat jeder Satz das Potential ganze Berge zu versetzen.

Und ich will bewegen. Ich will berühren.

Deshalb schreibe ich.

***

Diesen Text durfte ich am 28.06.2017 bei der Veranstaltung „Salon für inklusiven Dialog: Social Media“ von dem Verein „Eltern beraten Eltern“ vortragen. Vielen Dank an Mareice Kaiser von „Kaiserinnenreich“ für die Moderation durch den Abend. 

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

Letzte Artikel von Anastasia Umrik (Alle anzeigen)

Du magst vielleicht auch

2 Kommentare

  1. „Jedes gesagte Wort, jeder Gedanke, der an die Öffentlichkeit geht, hat das Potenzial etwas zu bewegen, zu verändern.“

    DANKE!!!!!

    und was lehrpersonen alles bewegen können. dein beispiel zum guten, aber eben auch die andere seite sollte man als lehrperson im hinterkopf behalten. danke auch dafür!
    liebst,
    jule*

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.