Tschüß… anderStark… inkluWAS… meine große Liebe

Wo beginnt eigentlich das Ende und wann weiß man, dass es definitiv vorbei ist? Also so richtig? Und warum fühlt es sich gerade so sehr nach Liebeskummer an?

Weil es meine große Liebe war. Es waren meine Emotionen, mein Schmerz und der angenehme Wahnsinn, der so viele Menschen in ihren Bann gezogen hat und sie bewegt hat. Es entstand aus dem Nichts… es kam direkt aus meinem Herzen. Und nun? Nun ist alles raus. Es ist alles gesagt. Obwohl ich mich noch immer so voll fühle mit allem. Mit Neuem.

Ich versuche zu sortieren. Ich möchte nach so langem Schweigen fair sein und euch meine Entscheidungen der letzten Wochen erklären. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres als Entscheidungen, die im Stillen getroffen werden und man selbst, als jemand, der seit Jahren mitfiebert und dabei ist, im Dunkeln stehen gelassen wird und nicht weiß, was im Hintergrund passiert ist… gestern schien doch noch alles gut zu sein.

Begonnen hat alles in einem Krankenhausbett 2011. Ich lag mit einer schweren Lungenentzündung nach Luft schnappend und mit müden Augenlidern; ahnend, dass es jede Minute vorbei sein könnte. Mein junges Leben, ich war zu dem Zeitpunkt fast 24 Jahre, hing an einem seidenen Faden.
„Ach, hätte ich doch… ich wollte doch… und jetzt ist es vielleicht zu spät.“ – Worte, die sonst ältere Menschen im Sterbebett haben, gingen mir durch den Kopf. Fiebrig und müde, erschöpft und schwach nahm ich den Rest meiner Kraft zusammen und dachte in das Universum:
„Wenn… WENN ich es noch einmal schaffe… ja, dann lege ich los. Ich lasse mir nichts mehr sagen, ich werde nur noch meinem Herzen und meiner Intuition folgen. Es gibt so viel zu sagen und jemand muss es endlich tun. Gott, wie ich die Vorurteile und die Ängste gegenüber Frauen mit Behinderung (so empfand ich es damals) hasse! Schluss damit! Ich werde Tabus brechen, ich werde alles hinter mir lassen… Kunst, Wahnsinn, ehrliche und schockierende Wahrheit in die Öffentlichkeit bringen. Offenes Lächeln, Rummel, Tamtam, roter Teppich, Fernsehen, Spaß… Ich… ich werde es allen zeigen!“

Und das Universum antwortete: „Gut. Dann zeig mal.“

Zwei Monate später saß ich am Computer, klickte mal wieder ziellos vor mir her. Klick, klick… ins Leere. Und dabei fiel mir mein Versprechen an das Universum ein.
Das Gute an der Unerfahrenheit ist, dass man keine Ahnung hat, wie viel Arbeit und Stress wirklich sich hinter den ‚coolen Projekten‘ verbirgt. Man beginnt, stürzt sich hinein, macht, tut, und ja, ab und zu verletzt man sich – man lernt. Aber dabei ist man (noch) so schön leichtfüßig unterwegs, kennt keine Dämonen und keine Abstürze, keine schlaflosen Nächte, kein Herzrasen beim Öffnen des E-Mail Accounts, wo über hundert ungelesene Mails warten. Das kommt dann irgendwann.

So war das auch mit „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“. Ein Fotoprojekt mit über 120 Fotografien mit und über Frauen, die eine Muskelerkrankung haben. Ich wollte zeigen, dass es keine bemitleidenswerten Menschen sind, sondern Frauen, die stolz auf ihre Weiblichkeit und ihren Körper sind. Die sich wohl fühlen, die ihre Sexualität ausleben. Die aber auch Schwächen haben… Die vielen Facetten einer Weiblichkeit eben.
Wenn ich mir heute die Bilder aus der Zeit anschaue, dann kann ich es gar nicht glauben, dass es wirklich ein Projekt von mir war. So viel Liebe, so viel positive Energie… war das wirklich meine Idee, die so viele Menschen überzeugt hat?!

Ja. Es war ein Teil meiner Seele, ein Produkt meiner Geschichte, die geprägt ist von Intensität in jeglicher Form. Ich bekomme diese Zeit gar nicht so recht in Worte gefasst… Muss es denn sein? Will das überhaupt jemand lesen?! Na gut.

Mich begleiteten in diesen fünf Jahren der Arbeit mit anderStark und inkluWAS über 200 Menschen. Einige von denen waren lange dabei, einige nur kurz. Unfassbar. Sie alle haben an meine Ideen geglaubt und wollten ein Teil dieser plötzlich großen Bewegung sein. Ich erinnere mich noch, wie ich auf die Uhr blickte: es war 03:09 Uhr in der Nacht. Ich saß schon seit 13 Stunden an dem Kasten und es wollte nicht enden. Am Ende meiner Kräfte, müde Augen, sich kaum bewegende Finger… aber nur noch diese Mail, die musste wirklich noch in dieser Nacht raus. Mit mir zusammen war Jessica online, wir chatteten parallel über den Facebook-Chat.
„Na, auch noch wach?“, schrieb sie.
„Klar! Was machst du?“, antwortete ich.
„Bilder des letzten Shootings bearbeiten 🙂 und du?“
„Mails schreiben, das nächste Shooting planen, einen TV-Dreh organisieren, einen Blog-Beitrag schreiben.“
„Oha…“
„Ja… muss sein. Kriegen wir hin!“

Jessica Prautzsch war eine der vier FotografInnen im Team. Aber eigentlich war sie viel mehr als ’nur‘ eine Fotografin. Sie fieberte mit, sie kämpfte mit mir. Sie ermunterte mich, sie gab mir Kraft. Und als alle weg waren – Jessica war da. Den großen Erfolg von anderStark hätte ich ohne ihre Hilfe nicht erreicht, ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Wir haben aber auch viel gerissen damals, meine Güte! Jedes Wochenende war ein Model aus irgendeiner Stadt bei uns in Hamburg und wir waren die ganze Woche damit beschäftigt die Shootings (es waren immer 2-3, damit sich die Anreise lohnt) zu organisieren, nachzubearbeiten und auch noch die Veröffentlichung des Bildbandes voran zu bringen. Als die große Vernissage näher rückte, habe ich gar nicht mehr geschlafen und manchmal sogar vergessen zu essen. Ich habe noch nie zuvor eine derart gigantische, große Show organisiert – ich wusste nicht einmal wie man die Getränke für die Besucher kalkuliert.
Und dann dieser Tag… ich dachte, es würden höchsten 300-400 Menschen kommen. Es waren 800. Den Rest könnt ihr euch vorstellen.

Ob wir damit Geld verdient hätten?

Noch heute muss ich laut auflachen, wenn mich jemand fragt, wie lange ich denn an einem Konzept gesessen habe und woher meine Ideen und die Kontakte kamen. Nun, sagen wir’s mal so: Ich hasse jegliche Art von Konzepten. So etwas würde mir niemals in den Sinn kommen zu schreiben. Und ich hasse Zahlen, außer Buchseiten, die sind okay.
Meine Kontakte? Glückliche Zufälle. Oder das Schicksal. Manchmal habe ich morgens gedacht: „Ach, eine richtig tolle Visagistin wäre noch toll im Team zu haben.“ – und abends habe ich dann eine durch Zufall in einer Bar kennengelernt. Die sozialen Medien haben auch sehr geholfen, das war kein Hexenwerk, lediglich gutes Gespür für Menschen.
Meine Ideen? Meine Geschichte. Alles was entstanden ist, war schon vorher in mir – es hat nur nach einem Weg gesucht nach Außen zu kommen.

Und es kam in der Form eines Fotoprojekts, einer Modenschau und eines großartigen Designlabels.

***

Ich stehe mit meiner Assistentin unter der Dusche. Während sie mir die Haare einschäumt, wippe ich zum Takt der schlechten Radiomusik. Ich bin gut drauf.
„Weißte, wir beide sollten mal etwas zusammen starten. Wir können so viel! Und wir haben eeeeeeecht geile Ideen!“
„Das finde ich auch. Aber diesmal irgendwas mit Mode. Das passt zu uns beiden und Mode kann ich!“, sagt sie lachend. Kathrin Neumann ist im Team meiner persönlichen Assistentinnen, die mich im Alltag unterstützen und sie ist gelernte Modedesignerin. Mode kann sie. Aber sie kann noch viel mehr. Kathrin lacht viel und wenn sie einmal begeistert ist, dann ist nicht zu stoppen. Sie ist zierlich, eher der Typ Frau zu der man ’süß‘ sagt; einige unterschätzen sie, was sie aber nicht schlimm findet. „Lieber überrasche ich die Menschen, sollen die doch denken was sie wollen.“ Mich hat sie auch ganz schön überrascht mit ihrem ‚Wumms‘. Sie kann was, diese Frau!

„Wir erzählen der Öffentlichkeit aber nicht, dass uns diese Idee unter der Dusche gekommen ist. Wir sagen denen, dass wir im Café saßen und uns über die Kellnerin so aufgeregt hätten, die mit dir nicht umgehen konnte. Oder?“, sagte Kathrin. Sie war schon bei der Öffentlichkeitsarbeit noch bevor es das erste Design gab.
„Ja ja, klar! Abgesehen davon hätte es mit der Kellnerin durchaus so passieren können und Kaffee trinken tun wir ja öfter zusammen.“, stimmte ich ihr zu.

Eine Woche später zeigte mir Kathrin ihren ersten Designentwurf: Die inklusive Krawatte bestehend aus unterschiedlichen Männchen, die unsere Gesellschaft symbolisieren.
Ich strahlte: „Nehmen wir, oder?! Wie wollen wir uns eigentlich nennen?“
„Irgendwas mit Inklusion… Inklu… Inklu…“, sie suchte nach einem passenden Namen, rührte dabei ihren koffeinfreien Latte Macchiato um und nuschelte weiter vor sich hin: „Inklu… Inklu… Hm.“
„inkluWAS!“, rief ich. „Ich hab’s!“
„Ja…? Meinst du…?“ Wenn Kathrin skeptisch ist, dann presst sie ihre großen grünen Augen zusammen und verzieht aber sonst keine Mimik. Dabei leuchtet das Grün ihrer Augen noch mehr, als wären kleine Laserlampen hinter ihrem schönen Gesicht verborgen.
„Ja, ja, ja! Total! Das wird DER Renner, glaub mir!“

Kathrin vertraute mir. Und es wurde der Renner.
Innerhalb kürzester Zeit haben wir, noch bevor es IRGENDEINE Information zu dem Label im Internet gab, knapp 500 Shirts verkauft. Die schwarze Krawatte auf dem weißen Shirt. Nicht gerade das Schönste Design und auch noch auf Weiß… Gut, okay, die Leute rissen es uns aus den Händen, sie wollten es.

Wir hatten kaum Zeit die Sachen zu verarbeiten, die wir erlebten. Alles ging so schnell, Eins folgte dem Anderen und wir waren nur noch damit beschäftigt, die langen ToDos abzuarbeiten.
Ein kurzer Überblick: Wir bestellten die schlichten Textilien in bio- und fairtrade Qualität bei einem renommierten Hersteller „Stanley & Stella“ aus Holland. Die Designs kamen von uns, besser gesagt von Kathrin. Gemeinsam haben wir unsere brünetten Köpfe zusammengesteckt und haben über die ‚gängigen‘ Vorurteile und Ängste gesprochen, meistens habe ich irgendwelche Anekdoten aus meinem Alltag erzählt. Kathrin ist sehr kreativ und wenn sie den Freiraum hat, dann sprudelt sie vor Ideen und kann sie fix umsetzen. (Ja, wir wollten immer eigene Schnitte und Details einbauen, aber für eine günstigere Bestellung im europäischen Ausland braucht man höhere Bestellmengen (300 Stück Pro Größe und Farbe) und für diese haben wir nicht genug Abnehmer gehabt. Genau aus diesem Grund konnten wir keine speziellen Schnitte für RollstuhlfahrerInnen und Menschen mit Sondergrößen anbieten.)

Die Etiketten hat Kathrin ebenfalls selbst per Hand in jedes (!) einzelne Kleidungsstück eingenäht. Wir haben Schulden gehabt, wir mussten erst zusehen, dass wir bei Null sind, um dann weiter machen zu können. Jeder Schritt, den wir hätten abgeben können, vielleicht sogar müssen, hätte uns nochmal Geld gekostet – wir konnten uns das nicht leisten.

Unsere Wohnungen waren unser Lager, die Wohnzimmerböden die Paketstationen. Wir sind am Ende unserer körperlichen und finanziellen Möglichkeit angekommen.

Immer öfter wurde inkluWAS zu einem Stressfaktor, ein Gedanke, der mit Bauchschmerzen verbunden war. Wir hatten H&M-Preise, aber eine Armani-Qualität, und das obwohl es sich kaum für uns rentiert hat. Gutes tun wollen wir alle, aber bei einem Shirt für 34,90 € hört eben der Spaß für manche – aus verschiedenen Gründen – auf… Wir kämpften sehr um den Erhalt des Labels, wir motivierten uns gegenseitig, mal schwiegen wir uns drei Stunden lang an und wussten einfach nicht, was wir noch tun sollen und können.

Wir waren jung (sind wir eigentlich immer noch), voller Tatendrang und Ideen (sind wir noch immer!) und der Naivität, dass wir die Welt durch das Designlabel verändern könnten (das haben wir nun nicht mehr).

Stundenlang haben wir manchmal auf den Bildschirm gestarrt und auf eine eingehende Bestellung gewartet, doch es passierte nichts. Tagelang, manchmal Wochenlang – nichts. „Mensch, wir haben doch alles getan!“, ruft die eine Stimme. „Haben wir alles getan?“, kommt gleich danach der Zweifel. Das wissen wir bis heute nicht.

***
April 2016. Mal wieder piepende Maschinen, mal wieder bin ich nur knapp dem Tod entkommen. Ich höre förmlich mein Herz wie verrückt rasen, ich versuche meinen Atem zu kontrollieren – und das Leben in mir zu spüren.

„Verdammte Scheiße!!!“, schreie ich. Keiner hört mich. Ich bin bewusstlos.

Und wieder mal weiß ich: Ich muss etwas verändern.

„Wenn ich nur noch einmal überleben werde, dann werde ich alles anders machen.“, sende ich an das Universum.

Ich schlage die Augen auf und bin von dem Licht geblendet. Ich lebe.

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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WRK

8 Kommentare

  1. Es ist wirklich sehr sehr traurig,dass Eure Kreativität und der persönliche Einsatz nicht von Erfolg gekrönt wurden. Ich hätte es Euch sehr gewünscht und gegönnt.Hab 2015 bei der Reha-Care was bei Euch gekauft und war ganz erstaunt,Euch 2016 nicht dort zu finden.Für Eure zukünftigen Pläne ind Ideen wünsch ich Euch Mut,Ausdauer und ausreichend Kraft und Geld, um sie erfolgreich umzusetzen.💪🏼🐖🌞

  2. hej anastasia,
    erst dachte ich: krass, wie viel liebe man in einen blogeintragag packen kann. das ende hat mich dann schlucken lassen.
    es kommt mir wie gestern vor, dass ich inkluwas entdeckte. es ist wirklich noch nicht so lange her… in einer phase, in der ich zum thema inklusion genau das dachte, was ihr dachtet. (ich tue es immer noch, aber irgendwie anders)
    als ich die nachricht vom ende von inkluwas das erste mal las, dachte ich: verdammter mist, was ist da los, das hat sicherlich gute gründe. ich kann euch so verstehen, auch wenn ich es unfassbar schade finde.
    aber ich bin sehr gespannt, was du als nächstes tust. hier auf dem blog oder sonstwo im leben. denn fürs stille kämmerlein scheinst du ja nicht gerade gemacht zu sein 😉
    liebst,
    jule*

  3. Liebe Anastasia,
    ich bin eine stille Leserin der ersten Stunde, die alle deine Einträge gelesen und mit dir mitgefiebert hat. Dein Beitrag berührt mich sehr, merkt man doch, wie viel Liebe, Ausdauer, Fleiß, Arbeit und Herzblut du in deine Projekte gesteckt hast. Es ist schade, dass ihr aufhört mit InkluWas. Vergessen ist das Projekt deswegen aber noch lange nicht! Auf jedes Ende folgt immer ein neuer Anfang. Hör auf dein Herz und auf deinen Körper. Alles Liebe und viel Kraft!

    1. Liebe Lilly, oh wow, vielen Dank für deine „Treue“! Es tut mir unfassbar gut zu lesen, dass es so einige unbekannte Menschen gibt, die mit mir gefiebert und vielleicht sogar gekämpft haben. Danke für alles – unbekannterweise. Ich weiß nicht was nun kommt, ich weiß nicht, welche Zeiten nun anbrechen. Aber eins steht fest: Ich werde schreiben. Es gibt noch so viel zu sagen!

  4. Alles alles liebe an dich liebe Anastasi. pass gut auf dich auf. Was du mit inklusive auf die Beine gestellt hast ist enorm und bewundernswert aber es ist gut das du die Notbremse ziehst.

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