Unfreiwillig bereichernde Begegnungen – Rehatagebuch No.5

„Können Sie mir bitte beim Fahrstuhl helfen? Ich kann das nicht alleine.“

Vor mir steht eine Frau mit zwei Gehstöcken, die gerade von einem langen Spaziergang hätte kommen können. Und sie bittet mich (!) um Hilfe.

Ich erlebe es selten, dass man mich um Hilfe bittet. Meistens ist es andersherum: Ich bitte darum, dass man mir das Glas auf dem Tisch abstellt, dass man mir den Schal richtet, dass man mir die Haarsträhne aus dem Gesicht wischt. Jetzt helfe ich der Frau, weil sie eine Fahrstuhlphobie hat und angst hat allein in das Ding einzusteigen. Wie praktisch – ich begleite sie, sie drückt für mich auf den Knopf, bei dem ich eh nicht allein angekommen wäre.

Während der Fahrt zu unserer Station erfahre ich darüber, wie sie früher viel und gern getanzt hat. Ich sage ihr, wie schön ich das Tanzen finde und wie gern ich Anderen beim Tanzen zugucke.

Hier treffen sich Menschen, die sich im echten Leben nie begegnen würden. Und wenn, dann hätten sie nur unwahrscheinlich miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich sind ihre Lebenswelten und ihre Interessen.

„Wo hätten wir uns denn kennenlernen können?“, frage ich ihn.
„Auf der Hundewiese?“
„Nee… Ich hab ja keinen Hund.“
„Auf dem Schützenfest?“, fragt er lachend.
„NÄH! Auf GAR keinen Fall!“, erwidere ich empört. Ich mag keine Veranstaltungen wo große Menschenmassen zusammen kommen. Aber ihn mag ich.

Neulich haben wir uns aus Versehen betrunken. Nein, das passiert hier nicht so oft, auch wenn böse Zungen anderes behaupten. Katha, meine Tischgefährtin, hatte ihren letzten Abend und wie es nun mal so ist, sitzt man einen Abend lang zusammen, stößt auf die gemeinsame kurze Zeit hier an…

„Stell dir vor, wir können in zehn Jahren nichts mehr…“
„Deshalb müssen wir jetzt leben! So richtig!“
„Ja, man! Prost!“
Alle führen das Bier oder den Wein an ihre Lippen. Manche mit Strohhalm, manche nicht, aber das ist hier egal.

Wie viele Menschen sehe ich ganze vier Wochen? Es gibt wenige. Hier sieht man sich jeden Tag, und man spricht viel. Akademiker neben Sonderschülern, Wohlhabende aus dem ‚guten Hause‘ und Menschen, die nicht wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Sie alle reden hier, lernen ihnen bisher unbekannte Welten kennen und manchmal, das ist ganz wunderschön, begegnen sich ihre Seelen und geben sich einen Kuss.

Gestern hat mich Oma Tina gefragt, ob ich Schokolade hätte. Sie hätte so große Lust darauf, aber sie könne sich wirklich keine leisten. Sofort brachte ich ihr drei Duplos, die ich selbst geschenkt bekommen habe. Heute gab es eine große Packung Kekse dazu. Ihr Wunsch ist für mich ein Befehl, nicht nur weil sie mir Leid tut, sondern weil ich ihre ehrliche Art so mag. Wenn sie schimpft, dann sagt sie immer in einer normalen Lautstärke:

„Das‘ doch scheiße sowas!“ – und das mag ich irgendwie.

Plötzlich weinen Katha und ich. Weil wir uns kennengelernt haben und weil wir uns vielleicht nie wieder sehen werden.

Ich schaue zu ihm rüber und es tut noch ein bisschen doller weh.

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Der Mittelfinger – Rehatagebuch No.2

„Du musst den Ärzten unbedingt sagen, dass es dir schlechter geht und nicht wie viel Paar Schuhe du dabei hast!“, schrieb mir meine empörte Freundin, die vor einigen Jahren hier in der Klinik meine Physiotherapeutin war, nachdem sie meinen letzten Blogbeitrag gelesen hatte. Ich fand, dass sie übertreibt und lachte darüber.
Am Abend dachte ich dann, na gut, erzählst du es morgen mal dem Arzt. Und auch was sonst so (nicht mehr) geht.

„Nun, Frau Umrik, Sie kennen doch Ihre Erkrankung. Überrascht es Sie?“
Ich starre den Doktor, der irgendwie aussieht, als hätte er den Arztkittel in einem Kostümverleih bekommen und es nur so, aus Spaß, übergezogen. Meine Luftröhre verengt sich, mir ist auch ein bisschen übel.
Ja, ehrlich gesagt überrascht es mich immer und immer wieder. Ich habe die Muskelerkrankung schon seit knapp siebenundzwanzig Jahren und ich bin immer noch erstaunt, wenn ein Muskel sichtbar und spürbar wegfällt.
„Okay, ich schreibe Ihnen ein paar extra Therapien auf. Aber eigentlich…“
„Danke. Das wird super!“, unterbreche ich ihn. Gegen meine bescheuerte Euphorie kommt er gar nicht an. Am liebsten hätte ich wie ein Kind in die Hände geklatscht.

„Wissen Sie, ich wurde neulich operiert… seit dem geht gar nichts mehr!“, sagt die ältere Dame mit ihrem Gehwagen an unserem Tisch im Speisesaal stehen bleibend.
„Mmh.“, antworte ich mit dem Mund voller Bohnensalat, von dem es hier ganz viel gibt. Genau wie Gurken. Ist wahrscheinlich günstig.
„Sie haben es verdammt gut. Sie sind jung…“
„Ach waff, Fie doff auff!“, antworte ich mit vollem Mund. Sie versteht nicht, ist aber auch egal, weil sie zu den Menschen gehört, die ihr Leid beklagen, aber nicht zuhören können. Das ist auch die, die mir hinten bei der Essenschlange hinten immer reinfährt, um sich bei den Salaten dann nach vorn zu drängeln. So etwas kann ich ja nicht leiden.

Generell denken viele Menschen, dass ihre neuerworbene Krankheiten ihnen viele neue Freiheiten und Dreistigkeiten schenken.
„Die Fußgänger helfen gar nicht, wenn mir etwas hinunterfällt!“, beklagt sich eine Patientin mit künstlichen Fingernägeln. „Als ich noch alles konnte, war ich nicht so scheiße.“
„Jaaaa, genau… Wer’s glaubt!“, denke ich. „Also ich war schon immer scheiße!“, sage ich ironisch. Sie versteht offenbar meinen Witz nicht. Die waren aber auch schon mal besser.

Ich sitze in den Kabinen der Elektrogymnastik. In diesen Kabinen, die auch ein Drehort für Horrorfilme sein könnten, ist es dunkel, die gedeckten Farben aus den 70ern laden nicht zur guten Laune ein. Dass diese Geräte noch funktionieren, ist eigentlich ein Wunder.
Die Elektroden angelegt an bestimmten Muskeln stimulieren sie und ‚wecken‘ somit auf. Nach vier Wochen geht dann alles schneller und besser – war bis jetzt immer so.
„Ist deine rechte Hand schlechter geworden? Der Strom schlägt durch den Arm durch, es werden die falschen Muskeln angeregt…“, sagt die Therapeutin. Ich erzähle von dem kleinen Finger.
„Mmh… der Muskel ist weg. Also komplett. Den können wir nicht mehr retten.“, sagt sie.
„Scheiße.“, sage ich.
„Ja.“, sagt sie. „Irgendwann ist es nun mal soweit.“
Wir versuchen es trotzdem. Für’s Gefühl.
„Oh, dein Mittelfinger zuckt! Es funktioniert!“, freut sie sich. Meine Freude hält sich zurück, ich bin traurig.

Am Abend fragt mich jemand, ob meine Assistentin meine Tochter sei.
Und in diesem Moment bin ich froh, dass noch mein Mittelfinger einwandfrei funktioniert.

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Ich, die der Wirtschaft nichts bringt

Es ist schon mehrmals passiert, dass ich vor der Fahrstuhltür stand und nichts rührte sich. Ich drückte, ich wartete, ich trank dabei meinen Coffee To-Go. Ich bin geduldig. Manchmal könnte man sogar behaupten, ich sei SEHR geduldig. Aber irgendwann, das passiert selbst den geduldigsten Menschen, platzt der Kragen.

Was ist passiert?

Ich war nun seit drei Wochen nicht bei der Physiotherapie, weil der Fahrstuhl kaputt ist und ich – wie bekannt – nicht die Treppe nehmen kann. Es ist grundsätzlich kein Drama, ich werde nach einer Woche „Therapiepause“ nicht sterben, ich werde den Unterschied kaum merken. Aber nach mehreren Wochen „Zwangspause“ merke ich’s und mir geht’s körperlich schlechter. Nein, mir geht’s schlecht. Ich habe Rückenschmerzen, fühle mich schwächer, merke, wie meine Muskeln wirklich ‚einschlafen‘. Ich übertreibe nicht.

Ich beschwere mich: Höflich, eindringlich, genervt, müde, traurig, laut. Als Antwort kommt ein Schulterzucken, manchmal ein: „Wir bemühen uns. Wir können nichts ändern.“ Und ich bin wehrlos. Ich werde mit meinem kalt gewordenen Kaffee weggeschickt und werde gebeten zu warten. Wie lange, wisse aber keiner.

Warum keine Hausbesuche oder eine andere Praxis?

Ich gehöre zu den Menschen, die Zuhause nur bedingt arbeiten können (außer am PC und am Fenster). Als Selbstständige finde ich es super alles was ich „auslagern“ kann, auch woanders machen zu können. Außerdem kann ich mich in einer Physiotherapie-Praxis besser auf den Körper konzentrieren, gezielter arbeiten, um mich anschließend besser zu fühlen. Außerdem kommt keiner auf die Idee bei jemandem zu sagen: „Hey, warum machst du deine Yoga-Übungen nicht Zuhause?“

Ja, ich könnte mir jeden Monat eine neue Physiotherapie-Praxis suchen, die gibt es wie Sand am Meer. Gute Therapeuten leider nicht. Wenn man einen guten Therapeuten / eine gute Therapeutin gefunden hat, sollte man sich an ihr festhalten. Ganz doll. Deshalb habe ich bisher noch nicht gewechselt, mache ich aber nun.

Es interessiert niemanden, dass ich nur am Rand der kompletten Schwäche bin und was es für mich bedeutet. Nur noch wenige Wochen, ich spüre es, dann werde ich kaum alleine essen können, kaum meine Augen am Morgen reiben können. Und das, auch wenn es total banal klingt, bedeutet „Freiheit“ für mich.

Die „Neuros“, die die eine Muskelerkrankung haben, bringen nicht viel Geld für die Praxen und der Therapieerfolg ist nicht so greifbar, wie bei jemandem, der Knieprobleme hat. Den Erfolg spürt der Physiotherapeut schneller, wenn der Patient wieder Trampolin hüpfen kann und lachend sagt: „Ich brauche keine Termine mehr!“

Ich werde immer Termine in Physiotherapie-Praxen brauchen.
Auch wenn ich kein wirtschaftlicher Boost bin, bin ich eine Frau, die ihre Freiheit erhalten will.

Über Tips und Empfehlungen zu guten Praxen in der Hamburger Innenstadt bin ich dankbar. Ehrlich.
(Bevorzugt: hübsche Physiotherapeuten.)

Beitragsbild: shirto.de

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