Der Abschied von den Muskeln

Whooohooo!“, ruft jemand hinter mir, während der Saal vor Begeisterung tobt und alle laut klatschen. Das Ensemble des Theaterstücks kommt auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses und eine Frau aus den ersten Reihen ruft:

Heinz, ich will ein Kind von dir!“

Heinz grinst, formt seine rechte Hand zu einer Pistole, macht auf die langhaarige blonde Frau zielende Schießbewegungen und zwinkert ihr dabei zu.

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Behinderte Arroganz / Rehatagebuch No. 6

„Für mich ist das alles eine komplett neue Welt! Ich hatte vorher nichts mit Behinderten zu tun und jetzt bin ich einer von ihnen.“, sagt mein Tischnachbar und alle hören ihm verständnisvoll zu.
„Aber nur kurz!“, schiebt er hinterher. „Ich bin ja bald wieder normal. Aber sie…“ er zeigt mit dem Daumen auf mich, als wäre ich gar nicht da, „sie wird für immer so bleiben.“

Ich kaue langsam an meinem Knäckebrot mit Leberwurst, ganz konzentriert, bisschen angeekelt von dem Essen, was ich nicht mehr sehen kann, und von seinen Worten. Ich überlege, wer hier eigentlich zu entscheiden hat, ob nun ich oder er behinderter ist. Und warum das überhaupt eine so große Rolle gerade spielt. Was für eine behinderte Arroganz!

Irgendwie überkommt mich das Gefühl, dass ich gerade die normalste von uns beiden bin…

In der Reha-Klinik treffen sich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten – das erzählte ich bereits. Und zufällig, ja, haben sie eine Behinderung oder eine für sie neue Erkrankung. Einige davon wissen erst seit gestern, dass sie in nur wenigen Monaten nicht mehr laufen können werden, einige konnten es gar nicht erst jemals. Einige hoffen, dass ‚alles wieder gut‘ wird und vergleichen das alte Ich mit den gebrechlichen Körpern der Anderen, und wischen sich den Schweiß von der Stirn, während sie „Puh, Gott sei Dank bin ich nicht so krass behindert!“ denken.

Was ist denn eigentlich genau dieses „Behindertsein“ oder „Normalsein“? Wer beurteilt das? Und warum spielt unser Kopf täglich Gott und will darüber entscheiden?

Ich habe schon die härtesten Kämpfe mit mir selbst durchgemacht. Damals. Bin ich nun behindert oder werde ich? Darf ich stolz auf meinen unperfekten Körper sein oder sollte ich mich doch lieber im Schatten meiner Selbst bewegen? Vielleicht sollte ich mich dem Schicksal, der Schwäche fügen, resignieren und einfach die Schnauze halten…?

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht steckt mehr in mir, was raus will. Was raus soll! Wer bin ich, um permanent den Kampf gegen meine lebensdurstige Seele zu führen?

Viele haben die Vermutung, vielleicht ist es auch die Hoffnung, dass Menschen mit Behinderung oder einer Erkrankung besonders nett und verständnisvoll sind. Warum… verstehe ich nicht! Warum gehen viele Menschen davon aus, dass vermutetes Leid oder eine kleine Einschränkung jemanden besonders nett oder empathisch machen sollte?

Meine Erfahrung zeigt das Gegenteil. Mir begegnen hier sehr viele unachtsame und teilweise wirklich böse Menschen, und das ‚trotz‘ ihrer Einschränkungen. Oder gerade deswegen?

Aber es hat nichts (!) mit ihrer gesundheitlichen Situation zu tun, bin ich mir sicher. Diese Menschen waren auch schon vorher dumm. Bist du einmal Arschloch, wirst du immer ein Arschloch bleiben. Da kommt höchstens das Gejammere dazu.

Es gibt Menschen, die beschweren sich über das Wetter, ihre Nachbarn oder ihren Chef. Sie finden keine Ruhe, sie sind nie zufrieden. Das ist der einzige Unterschied zwischen einem Menschen mit und ohne einer Einschränkung: Ohne Behinderung nerven sie, mit Behinderung auch – nur das traut sich dann keiner mehr zu sagen.

Ein glücklicher Mensch im Rollstuhl, der von der Gesellschaft meist als tapfer, stark und mutig bezeichnet wird, wäre es ohne ein sichtbares Hilfsmittel ganz genau so. Nur würde es andere Faktoren brauchen, um die Zufriedenheit und das Strahlen in den Augen zu zeigen. Dann wäre es vielleicht „nur“ die nette Frau von nebenan, die jeden Morgen nett grüßt. Im Rollstuhl gewinnt die Freundlichkeit mehr an Gewichtung.

Das ist alles. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Fahrstuhl hält auf der 8. Etage. Ein Mann mit einem T-Shirt („Mir nicht auf den Sack gehen du sollst!“) steigt humpelnd ein. Er schaut mich von Kopf bis Fuß an und sagt:
„Bin ich froh, dass ich nicht so bin!“
„So wie ich bin, wirst du nie sein.“, ich gucke ihm direkt in die Augen. Leider versteht er das nicht.

Ich schaue auf die Anzeige: Noch drei Etagen, dann kann ich raus.

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Ich, die der Wirtschaft nichts bringt

Es ist schon mehrmals passiert, dass ich vor der Fahrstuhltür stand und nichts rührte sich. Ich drückte, ich wartete, ich trank dabei meinen Coffee To-Go. Ich bin geduldig. Manchmal könnte man sogar behaupten, ich sei SEHR geduldig. Aber irgendwann, das passiert selbst den geduldigsten Menschen, platzt der Kragen.

Was ist passiert?

Ich war nun seit drei Wochen nicht bei der Physiotherapie, weil der Fahrstuhl kaputt ist und ich – wie bekannt – nicht die Treppe nehmen kann. Es ist grundsätzlich kein Drama, ich werde nach einer Woche „Therapiepause“ nicht sterben, ich werde den Unterschied kaum merken. Aber nach mehreren Wochen „Zwangspause“ merke ich’s und mir geht’s körperlich schlechter. Nein, mir geht’s schlecht. Ich habe Rückenschmerzen, fühle mich schwächer, merke, wie meine Muskeln wirklich ‚einschlafen‘. Ich übertreibe nicht.

Ich beschwere mich: Höflich, eindringlich, genervt, müde, traurig, laut. Als Antwort kommt ein Schulterzucken, manchmal ein: „Wir bemühen uns. Wir können nichts ändern.“ Und ich bin wehrlos. Ich werde mit meinem kalt gewordenen Kaffee weggeschickt und werde gebeten zu warten. Wie lange, wisse aber keiner.

Warum keine Hausbesuche oder eine andere Praxis?

Ich gehöre zu den Menschen, die Zuhause nur bedingt arbeiten können (außer am PC und am Fenster). Als Selbstständige finde ich es super alles was ich „auslagern“ kann, auch woanders machen zu können. Außerdem kann ich mich in einer Physiotherapie-Praxis besser auf den Körper konzentrieren, gezielter arbeiten, um mich anschließend besser zu fühlen. Außerdem kommt keiner auf die Idee bei jemandem zu sagen: „Hey, warum machst du deine Yoga-Übungen nicht Zuhause?“

Ja, ich könnte mir jeden Monat eine neue Physiotherapie-Praxis suchen, die gibt es wie Sand am Meer. Gute Therapeuten leider nicht. Wenn man einen guten Therapeuten / eine gute Therapeutin gefunden hat, sollte man sich an ihr festhalten. Ganz doll. Deshalb habe ich bisher noch nicht gewechselt, mache ich aber nun.

Es interessiert niemanden, dass ich nur am Rand der kompletten Schwäche bin und was es für mich bedeutet. Nur noch wenige Wochen, ich spüre es, dann werde ich kaum alleine essen können, kaum meine Augen am Morgen reiben können. Und das, auch wenn es total banal klingt, bedeutet „Freiheit“ für mich.

Die „Neuros“, die die eine Muskelerkrankung haben, bringen nicht viel Geld für die Praxen und der Therapieerfolg ist nicht so greifbar, wie bei jemandem, der Knieprobleme hat. Den Erfolg spürt der Physiotherapeut schneller, wenn der Patient wieder Trampolin hüpfen kann und lachend sagt: „Ich brauche keine Termine mehr!“

Ich werde immer Termine in Physiotherapie-Praxen brauchen.
Auch wenn ich kein wirtschaftlicher Boost bin, bin ich eine Frau, die ihre Freiheit erhalten will.

Über Tips und Empfehlungen zu guten Praxen in der Hamburger Innenstadt bin ich dankbar. Ehrlich.
(Bevorzugt: hübsche Physiotherapeuten.)

Beitragsbild: shirto.de

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