Behinderte Arroganz / Rehatagebuch No. 6

„Für mich ist das alles eine komplett neue Welt! Ich hatte vorher nichts mit Behinderten zu tun und jetzt bin ich einer von ihnen.“, sagt mein Tischnachbar und alle hören ihm verständnisvoll zu.
„Aber nur kurz!“, schiebt er hinterher. „Ich bin ja bald wieder normal. Aber sie…“ er zeigt mit dem Daumen auf mich, als wäre ich gar nicht da, „sie wird für immer so bleiben.“

Ich kaue langsam an meinem Knäckebrot mit Leberwurst, ganz konzentriert, bisschen angeekelt von dem Essen, was ich nicht mehr sehen kann, und von seinen Worten. Ich überlege, wer hier eigentlich zu entscheiden hat, ob nun ich oder er behinderter ist. Und warum das überhaupt eine so große Rolle gerade spielt. Was für eine behinderte Arroganz!

Irgendwie überkommt mich das Gefühl, dass ich gerade die normalste von uns beiden bin…

In der Reha-Klinik treffen sich die unterschiedlichsten Persönlichkeiten – das erzählte ich bereits. Und zufällig, ja, haben sie eine Behinderung oder eine für sie neue Erkrankung. Einige davon wissen erst seit gestern, dass sie in nur wenigen Monaten nicht mehr laufen können werden, einige konnten es gar nicht erst jemals. Einige hoffen, dass ‚alles wieder gut‘ wird und vergleichen das alte Ich mit den gebrechlichen Körpern der Anderen, und wischen sich den Schweiß von der Stirn, während sie „Puh, Gott sei Dank bin ich nicht so krass behindert!“ denken.

Was ist denn eigentlich genau dieses „Behindertsein“ oder „Normalsein“? Wer beurteilt das? Und warum spielt unser Kopf täglich Gott und will darüber entscheiden?

Ich habe schon die härtesten Kämpfe mit mir selbst durchgemacht. Damals. Bin ich nun behindert oder werde ich? Darf ich stolz auf meinen unperfekten Körper sein oder sollte ich mich doch lieber im Schatten meiner Selbst bewegen? Vielleicht sollte ich mich dem Schicksal, der Schwäche fügen, resignieren und einfach die Schnauze halten…?

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht steckt mehr in mir, was raus will. Was raus soll! Wer bin ich, um permanent den Kampf gegen meine lebensdurstige Seele zu führen?

Viele haben die Vermutung, vielleicht ist es auch die Hoffnung, dass Menschen mit Behinderung oder einer Erkrankung besonders nett und verständnisvoll sind. Warum… verstehe ich nicht! Warum gehen viele Menschen davon aus, dass vermutetes Leid oder eine kleine Einschränkung jemanden besonders nett oder empathisch machen sollte?

Meine Erfahrung zeigt das Gegenteil. Mir begegnen hier sehr viele unachtsame und teilweise wirklich böse Menschen, und das ‚trotz‘ ihrer Einschränkungen. Oder gerade deswegen?

Aber es hat nichts (!) mit ihrer gesundheitlichen Situation zu tun, bin ich mir sicher. Diese Menschen waren auch schon vorher dumm. Bist du einmal Arschloch, wirst du immer ein Arschloch bleiben. Da kommt höchstens das Gejammere dazu.

Es gibt Menschen, die beschweren sich über das Wetter, ihre Nachbarn oder ihren Chef. Sie finden keine Ruhe, sie sind nie zufrieden. Das ist der einzige Unterschied zwischen einem Menschen mit und ohne einer Einschränkung: Ohne Behinderung nerven sie, mit Behinderung auch – nur das traut sich dann keiner mehr zu sagen.

Ein glücklicher Mensch im Rollstuhl, der von der Gesellschaft meist als tapfer, stark und mutig bezeichnet wird, wäre es ohne ein sichtbares Hilfsmittel ganz genau so. Nur würde es andere Faktoren brauchen, um die Zufriedenheit und das Strahlen in den Augen zu zeigen. Dann wäre es vielleicht „nur“ die nette Frau von nebenan, die jeden Morgen nett grüßt. Im Rollstuhl gewinnt die Freundlichkeit mehr an Gewichtung.

Das ist alles. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Fahrstuhl hält auf der 8. Etage. Ein Mann mit einem T-Shirt („Mir nicht auf den Sack gehen du sollst!“) steigt humpelnd ein. Er schaut mich von Kopf bis Fuß an und sagt:
„Bin ich froh, dass ich nicht so bin!“
„So wie ich bin, wirst du nie sein.“, ich gucke ihm direkt in die Augen. Leider versteht er das nicht.

Ich schaue auf die Anzeige: Noch drei Etagen, dann kann ich raus.

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Unfreiwillig bereichernde Begegnungen – Rehatagebuch No.5

„Können Sie mir bitte beim Fahrstuhl helfen? Ich kann das nicht alleine.“

Vor mir steht eine Frau mit zwei Gehstöcken, die gerade von einem langen Spaziergang hätte kommen können. Und sie bittet mich (!) um Hilfe.

Ich erlebe es selten, dass man mich um Hilfe bittet. Meistens ist es andersherum: Ich bitte darum, dass man mir das Glas auf dem Tisch abstellt, dass man mir den Schal richtet, dass man mir die Haarsträhne aus dem Gesicht wischt. Jetzt helfe ich der Frau, weil sie eine Fahrstuhlphobie hat und angst hat allein in das Ding einzusteigen. Wie praktisch – ich begleite sie, sie drückt für mich auf den Knopf, bei dem ich eh nicht allein angekommen wäre.

Während der Fahrt zu unserer Station erfahre ich darüber, wie sie früher viel und gern getanzt hat. Ich sage ihr, wie schön ich das Tanzen finde und wie gern ich Anderen beim Tanzen zugucke.

Hier treffen sich Menschen, die sich im echten Leben nie begegnen würden. Und wenn, dann hätten sie nur unwahrscheinlich miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich sind ihre Lebenswelten und ihre Interessen.

„Wo hätten wir uns denn kennenlernen können?“, frage ich ihn.
„Auf der Hundewiese?“
„Nee… Ich hab ja keinen Hund.“
„Auf dem Schützenfest?“, fragt er lachend.
„NÄH! Auf GAR keinen Fall!“, erwidere ich empört. Ich mag keine Veranstaltungen wo große Menschenmassen zusammen kommen. Aber ihn mag ich.

Neulich haben wir uns aus Versehen betrunken. Nein, das passiert hier nicht so oft, auch wenn böse Zungen anderes behaupten. Katha, meine Tischgefährtin, hatte ihren letzten Abend und wie es nun mal so ist, sitzt man einen Abend lang zusammen, stößt auf die gemeinsame kurze Zeit hier an…

„Stell dir vor, wir können in zehn Jahren nichts mehr…“
„Deshalb müssen wir jetzt leben! So richtig!“
„Ja, man! Prost!“
Alle führen das Bier oder den Wein an ihre Lippen. Manche mit Strohhalm, manche nicht, aber das ist hier egal.

Wie viele Menschen sehe ich ganze vier Wochen? Es gibt wenige. Hier sieht man sich jeden Tag, und man spricht viel. Akademiker neben Sonderschülern, Wohlhabende aus dem ‚guten Hause‘ und Menschen, die nicht wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Sie alle reden hier, lernen ihnen bisher unbekannte Welten kennen und manchmal, das ist ganz wunderschön, begegnen sich ihre Seelen und geben sich einen Kuss.

Gestern hat mich Oma Tina gefragt, ob ich Schokolade hätte. Sie hätte so große Lust darauf, aber sie könne sich wirklich keine leisten. Sofort brachte ich ihr drei Duplos, die ich selbst geschenkt bekommen habe. Heute gab es eine große Packung Kekse dazu. Ihr Wunsch ist für mich ein Befehl, nicht nur weil sie mir Leid tut, sondern weil ich ihre ehrliche Art so mag. Wenn sie schimpft, dann sagt sie immer in einer normalen Lautstärke:

„Das‘ doch scheiße sowas!“ – und das mag ich irgendwie.

Plötzlich weinen Katha und ich. Weil wir uns kennengelernt haben und weil wir uns vielleicht nie wieder sehen werden.

Ich schaue zu ihm rüber und es tut noch ein bisschen doller weh.

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Gourmet-Wahnsinn / Rehatagebuch No. 3

„Ich kann nicht essen, wenn der Mann mir gegenüber sitzt!“, sagt hier ein Patient, der nicht wie ein Patient aussieht, weil er körperlich allen überlegen ist und dennoch eine – unsichtbare – Einschränkung hat. „Gestern zog er so sehr an den Spagetti, dass die Soße auf mein Hemd und meine Brille spritzte – das ist doch nicht zumutbar! Oder?“
Abgesehen davon, dass ich Spagetti in einer Reha-Klinik unzumutbar und nicht durchdacht finde, stimme ich ihm zu – das ist nicht zumutbar und doch hat er keine andere Wahl, als später zum Essen zu gehen, wenn alle schon weg sind.

Inzwischen ist der alte Mann abgereist, dafür sitzt da jetzt jemand, der allen Damen am Tisch anzügliche Angebote macht: „Wollen wir ’nen Dreier machen? Morgen ist meine Frau da, sie ist erst 76!“ Die Damen werden rot, beschweren sich und sind empört über so viel Unverschämtheit. Ich finde es fast schon mutig von dem alten Mann, sage es aber nicht zu laut, möchte niemandem zu nahe treten. Immer was los hier!

Menschen, die kaum noch laufen (meistens Senioren oder Muskelkranke), die manchmal nicht deutlich kommunizieren oder essen können (meistens aufgrund des Schlaganfalls), große und kleine Rollstühle, gepflegte und stinkende Menschen. Alle sind sie hier. Und sie alle müssen irgendwie miteinander auskommen, insbesondere beim Essen.

Es kann Horizont erweiternd sein, muss es aber nicht. Wir sitzen alle im selben Boot des schlechten, zerkochten, ungewürzten Essens.

Es gibt hier einen großen Essenssaal, in dem man sich die Sitzplätze nicht frei nach Sympathie oder sonstigen Faktoren aussuchen kann. An den nummerierten langen Tischen sitzen sechs Patienten, die sehr unterschiedlich sind – manchmal zu unterschiedlich. Sie alle werden vom Personal zugewiesen und wenn es doch nicht passen sollte, ist es dann ja doch etwas peinlich den Platz zu wechseln. Umsetzen? Nee, das macht man nicht. „Geht schon irgendwie.“, sagen sie und quälen sich manchmal durch die Frühstücks-, Mittags- und Abendessenszeiten durch. Schweigend. Schnell essend. Blickkontakt meidend.

Ich schweige sowieso gern beim Essen und nutze die Zeit, um alle in meinem Sichtfeld zu beobachten.

Am Tisch direkt neben dem Buffet passt die Chemie absolut nicht.

Ein älterer Herr sitzt da, er ist ganz nett. Weil er sich mit niemandem unterhalten mag, isst er schweigend und guckt dann durch die Gegend. Viel kann er allerdings nicht sehen, weil vor ihm eine Säule ist. Ihm gegenüber sitzt eine redselige Frau im Rollstuhl, die immer und immer wieder versucht ein Gespräch mit ihm einzugehen, aber bisher erfolglos.
„Hallo!“
„Hallo.“
„Guten Apettit!“
„Danke. Ebenfalls.“
Inzwischen hat sie aufgegeben.

Neben ihr sitzt eine ältere Dame, so um die neunzig, die immer vier bis sieben Mal Anlauf nehmen muss, um vom Stuhl aufzustehen. „Haaaaau… Ruck!“, fiebere ich jedes Mal mit. Während ich sie beobachte, zähle ich ihre Aufstehversuche und seit gestern, nach einer Woche, schlägt die Therapie an – sie kommt bei jeder Mahlzeit schneller hoch. Schade, dass es ihre Therapeuten nicht mitbekommen. Wobei ich zweifle, dass so kleine Erfolge hier jemanden interessieren…

An unserem Tisch „No.16“ wird viel gelacht. Ich habe Glück gehabt! Wir sind fünf Frauen, die gut miteinander auskommen, die sich viel zu erzählen haben, es aber nicht müssen, wenn jemand schweigen mag.

Gestern ist ein Mann dazu gekommen. Er sieht recht sportlich aus, trägt eine Glatze und hat einen grauen Bart. Ah, und schicke Sportschuhe trägt er! (Man achtet ja auch wirklich auf die Details…). Warum er hier ist, weiß ich nicht und es ist mir auch irgendwie egal.

„Warum liegt denn seine Namenskarte woanders?“, fragt Sabine, eine meiner Tischgefährtinnen.
„Wahrscheinlich findet er uns doof.“, antworte ich trocken, schulterzuckend. Mir kann es egal sein, ich nehme so etwas nicht persönlich.
„Ja, glaub‘ ich auch.“, bestätigt die Katha und wir sind uns alle einig, dass der Neue uns nicht mag.
„Wir dachten, wir setzen ihn an einen Männertisch, damit er mehr Gesprächspartner hat.“, sagt die Servicedame und meint wahrscheinlich, dass wir ja ständig lachen und er lächelt, aber schweigt. Er schweigt, weil er (noch) nicht gut sprechen kann, aber das ahnt man ja hier auch nicht. Mit Händen und Füßen machte er deutlich, dass er sich mit uns wohl fühlt und bei uns bleiben will. Hochsympathisch!

„Dürften wir uns umsetzen?“, fragt Carsten, ein Mann mit auffälligem grauen Lockenkopf.
„Nein.“, antwortet man ihm. Warum erklärt keiner. Das lässt er nicht auf sich sitzen, das wird ausdiskutiert. Bis einer weint.

Generell beschleicht mich hier oft das Gefühl, dass wir in einem katholischem Schullandheim sind: Frauen zu Frauen, Männern mit Männern, kein Spaß, kein Alkohol. Wo kommen wir denn da hin? Gut, dass hier viele wahnsinnig genug sind und sich nicht viel aus Regeln machen.

Und mir begegnen hier lustige Menschen – aber das muss ich bald genauer erzählen:

„Und was machen Sie, beruflich oder so?“
Ich wollte nicht ausholen, ich wollte schnell aus dem Gespräch kommen und kürzte die ganze Palette mit einem kurzen „Schreiben.“ ab.
„Ah! Postkarten?“

Ja, genau. Postkarten.
Will jemand eine?

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