Die Zahnbürste und ich

Behinderte, Alte und Mütter mit Kindern – kommt bitte alle hierher!“

Ich blickte zu dem Sprechenden und widmete mich erneut meinem, inzwischen dritten, Kaffee. Ich fühlte mich nicht angesprochen. In erster Linie bin ich eine Frau. Zwar an diesem Tag eine müde, etwas zerzauste, vielleicht verwirrte, aber – verdammt nochmal – eine Frau!

(Es ist nicht so, dass ich in solchen Situationen denke: „Ohoooo, du darfst niemals vergessen, dass du nicht nur eine ‚Behinderte‘, sondern eine ‚Frau‘ bist, ohooo!“, sondern – ich fühle es tatsächlich. Und als der Mensch, wahrscheinlich vom Katastrophenschutz, seine Rede an die Schwachen hielt, fühlte ich mich einfach nicht angesprochen.)

Inzwischen war es gegen 14 Uhr und wir hatten genug Zeit und ausreichend Langeweile, uns gegenseitig zu betrachten. Natürlich heimlich. Um mich herum standen Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und die hier angeblich schon seit acht Jahren leben. Einige erzählten, die hätten heute die Arbeit geschwänzt. Andere, dass ihre Kinder die Windeln vollgeschissen hätten und sie nicht wüssten, was sie nun tun sollten. Den Vollschiss konnte man inzwischen auch schon sehen, aber nicht riechen – die ätherischen Öle übertönten alles. Gott sei Dank!

Ich hing rum. Anders kann man es nicht bezeichnen.

Wir hatten ja sonst nix.“, erzählte meine Nachbarin ihre Kriegsgeschichte. Etwas fehl am Platz, etwas ungünstig, aber durchaus interessant. Wahrscheinlich erlebten die Alten gerade einen Flashback und die Anderen DAS Abenteuer ihres Lebens, von dem sie noch im Sterbebett erzählen werden. „Damals, in Rothenburgsort, als wir alle in Jogginghosen da standen und es im Hochbunker explodierte…“ Ja ja, das waren noch Zeiten.

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Einige Kerle hatten bereits paar Biere intus. Die haben ja sonst nix. Ich bestellte mir auf den ganzen Schock noch einen Kaffee. Wo ich pinkeln werde, wusste ich noch nicht

Natürlich waren viele Pinkel-Möglichkeiten in der Nähe. Kiosk, Bäcker, Dönerladen… alles nur über Stufen erreichbar. Nirgendwo ein Rollstuhl-WC in Sicht.

Mist.

Wo sind deine Betreuer?“, fragte mich meine Nachbarin, die über mir wohnt. Fast hätte ich geantwortet: „Die betrinken sich gerade. Auf den Schock und so.“ Stattdessen murmelte ich nur „Kein Plan. Ehrlich nicht.“

(Für ahnungslose Leser: Ich habe keine Betreuer. Ich hatte noch nie Betreuer. Ich werde niemals Betreuer haben.)

Meine Mutter weinte. Ich konnte sie nicht trösten. Ich musste pinkeln…

„Frau Umrik. Bitte beruhigen Sie sich. Was können wir für Sie tun?“

„Hallo. Ich muss pinkeln. Richtig richtig doll.“ Wenn ich könnte, würde ich von einem Bein aufs andere hüpfen, so wie sie es immer in den Filmen machen.

Ich musste so sehr pinkeln, dass ich nicht mal mehr die Postleitzahl von dem Bunker wusste. Puh!

Ja… da weiß ich jetzt auch nicht… da können wir auch nicht…“

Das war klar!“ Ich wurde panisch.

Vielleicht fährt die Feuerwehr Sie ins Krankenhaus?“

Ich bin nicht krank, ich muss P I S S EN!!!“

Es kam einfach aus mir heraus. Also die Worte, noch nicht das Andere.

Lirumlarum. Ich habe im Altersheim um die Ecke pinkeln können. Und habe mir – für den Notfall – schon einen Schlafplatz für die kommende Nacht organisiert. FALLS ich nicht zurück kann, woran ich eigentlich nicht glaubte. Nee nee, das ist um spätestens 21:53 vorbei. Ganz bestimmt.

Gegen 17 Uhr kam die Verkündung, dass wir heute definitiv nicht zurück konnten. Es brach eine erneute Panik aus, es flossen viele Tränen und noch mehr Bier. Das fiel allerdings kaum auf, weil es sehr stark regnete…

Die Polizisten, die übrigens wirklich gut organisiert waren, brachten nun alle Haustiere und notwendige Medikamente heraus.

Was brauchen Sie?“, fragte mich eine Polizistin in der Gasmaske.

Keine Medikamente, nicht mal einen Hamster. Aber das Ladegerät für meinen Rollstuhl und – bitte bitte – meine elektrische Zahnbürste.“ Es ging einfach nicht mehr. Zähneputzen: sofort! Zwei Stunden lang!

Sie brachte mir alles.

Zahnbürste liebevoll in Klopapier gewickelt.

Und so ging ich in meiner Jogginghose, einem Top, einer Unterhose und die in Klopapier gewickelte Zahnbürste zu meiner neuen Bleibe.

Müde, schlapp, mit der Hoffnung, dass morgen alles wieder gut ist.

>> Fortsetzung folgt. <<

Fotos: shz.de und abendblatt.de 

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Geht runter wie ätherisches Öl

„Diese dummen Kinder! Ich muss hier dringend weg, diese Gegend macht mich fertig!“, schoss mir durch den Kopf, als es gegen 05:15 an meiner Tür klingelte. Ich ignorierte es und schlief wieder ein. Als um 05:25 mein Telefon nicht aufhörte zu klingeln, wusste ich: Es sind nicht die dummen Kinder. Es ist etwas passiert.

Blaulicht vor dem Fenster. Leise, als wolle keiner jemanden wecken, im Stillen als Helden des Morgengrauen sind sie gekommen und wollten so auch wieder weg sein.

Fehlanzeige.

Hellwach war ich plötzlich, wie noch nie zuvor um diese Uhrzeit. Klar und direkt, ruhig und leicht nervös. Das Bewusstsein, was wäre wenn… setzte noch nicht ein. Da fragte mich meine Assistentin was ich anziehen will und ich, Idiot, sage:

„Jogginghose und Top, das reicht. Wir kommen doch gleich wieder rein.“

Hätte ich gewusst, dass ich die nächsten Wochen nicht in die Wohnung komme, hätte ich mein schönstes Kleid und fünf Unterhosen übereinander angezogen. Aber wer ahnt denn schon, dass die Katastrophe spontan und direkt vor der Tür ist. Zack – und dein Leben steht auf dem Kopf. Plötzlich vergisst du die Luxusprobleme von gestern, bist nur noch froh zu leben und deine Familie, die im gleichen Haus wohnt, atmen zu sehen.

Die Mama zu umarmen und der #Kleinumrik die Tränen der Angst aus dem Gesicht zu wischen. Nur der Papa, der schweigt. Er hat schon immer die Sachen mit sich selbst ausgemacht – im Stillen. Er schweigt und sagte nur leise:

„Alles ist gut, wir haben uns.“

Recht hat er. Aber das versteht man erst danach, wenn man im Bett liegt – irgendwo. Wo das sein wird, das wusste an diesem Morgen noch keiner.

So saß ich also da in meiner Jogginghose und glotzte aus dem Fenster, beobachtete den Rauch. „Schön sieht es ja irgendwie aus.“, dachte ich und schämte mich bisschen dafür.

Ein Feuerwehrmann winkte mir durch die Glasscheibe. Weil er hübsch war, lächelte und winkte ich zurück. In meiner Wohnung roch es nach ätherischem Öl und weil es so warm war, stellte ich mir vor, dass ich in der Sauna sei. In Jogginghose. Meine Sinne wurden leicht benebelt und ich weiß nicht, ob es die Müdigkeit war oder der Geruch. Die Sicht klarte draußen auf, die Feuerwehrmänner packten ein und machten Selfies vor ihren Wägen.

Jemand klopfte an die Tür.

„Dürfen wir ein Baby durch Ihre Wohnung retten? Draußen ist es zu verraucht.“

„Klar. Natürlich.“

Und wieder war Stille in der Wohnung. Eine unerträgliche Stille. Ich beschloss, bevor die Ruhe auch vor dem Fenster eintritt, raus zu gehen. Sensationsgeil bin ich, das muss ich gestehen.

„Wollen wir etwas mitnehmen? Brauchen wir etwas?“

„Nein, wir kommen ja gleich wieder rein. Ich will nur kurz mal gucken gehen.“

Einanhalb Stunden saß ich vor dem Fenster und habe gedöst, geträumt, beobachtet. Nichts gepackt, nicht einmal Zähne geputzt, sehr naiv und dumm. Wenn ich nur gewusst hätte, was passiert und dass sich mein Leben verändern wird, dann hätte ich… ja, dann hätte ich!

„#Kleinumrik bei mir und alle anderen in Sicherheit. Alles gut. Gleich gehen wir in die Wohnungen. Ich hol‘ mir nur noch schnell einen Kaffee.“, dachte ich.

Plötzlich – dieser Knall.

Schwarze Rauchwolke, noch mehr Gestank und jemand gibt per Funk durch: „…wir müssen erstmal schauen, ob unsere Leute noch am Leben sind.“

Ich erstarre. Mein Herz überschlägt sich, ich kann nicht einmal meinen Arm heben, um mir die Hände vor’s Gesicht zu schlagen. Ich muss zusehen, wie die Leute panisch werden, weinen, rennen. Aber wohin eigentlich? Wohin…?!

Und so stand ich da, in einer Jogginghose mit ungeputzten Zähnen und erfuhr unfreiwillig, in welchen Outfits meine Nachbarn ihre Nächte verbrachten.

Es roch nun nicht nur nach Öl.

Es roch nach einer echten Katastrophe.

>> Fortsetzung folgt. <<

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