Café „Deike“

In diesem Café hatte ich mein zweites Treffen mit Natascha. Sie hat einen Artikel von mir in der BRIGITTE gelesen und wollte mich mal persönlich treffen. Das war um 15 Uhr.

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Geht runter wie ätherisches Öl

„Diese dummen Kinder! Ich muss hier dringend weg, diese Gegend macht mich fertig!“, schoss mir durch den Kopf, als es gegen 05:15 an meiner Tür klingelte. Ich ignorierte es und schlief wieder ein. Als um 05:25 mein Telefon nicht aufhörte zu klingeln, wusste ich: Es sind nicht die dummen Kinder. Es ist etwas passiert.

Blaulicht vor dem Fenster. Leise, als wolle keiner jemanden wecken, im Stillen als Helden des Morgengrauen sind sie gekommen und wollten so auch wieder weg sein.

Fehlanzeige.

Hellwach war ich plötzlich, wie noch nie zuvor um diese Uhrzeit. Klar und direkt, ruhig und leicht nervös. Das Bewusstsein, was wäre wenn… setzte noch nicht ein. Da fragte mich meine Assistentin was ich anziehen will und ich, Idiot, sage:

„Jogginghose und Top, das reicht. Wir kommen doch gleich wieder rein.“

Hätte ich gewusst, dass ich die nächsten Wochen nicht in die Wohnung komme, hätte ich mein schönstes Kleid und fünf Unterhosen übereinander angezogen. Aber wer ahnt denn schon, dass die Katastrophe spontan und direkt vor der Tür ist. Zack – und dein Leben steht auf dem Kopf. Plötzlich vergisst du die Luxusprobleme von gestern, bist nur noch froh zu leben und deine Familie, die im gleichen Haus wohnt, atmen zu sehen.

Die Mama zu umarmen und der #Kleinumrik die Tränen der Angst aus dem Gesicht zu wischen. Nur der Papa, der schweigt. Er hat schon immer die Sachen mit sich selbst ausgemacht – im Stillen. Er schweigt und sagte nur leise:

„Alles ist gut, wir haben uns.“

Recht hat er. Aber das versteht man erst danach, wenn man im Bett liegt – irgendwo. Wo das sein wird, das wusste an diesem Morgen noch keiner.

So saß ich also da in meiner Jogginghose und glotzte aus dem Fenster, beobachtete den Rauch. „Schön sieht es ja irgendwie aus.“, dachte ich und schämte mich bisschen dafür.

Ein Feuerwehrmann winkte mir durch die Glasscheibe. Weil er hübsch war, lächelte und winkte ich zurück. In meiner Wohnung roch es nach ätherischem Öl und weil es so warm war, stellte ich mir vor, dass ich in der Sauna sei. In Jogginghose. Meine Sinne wurden leicht benebelt und ich weiß nicht, ob es die Müdigkeit war oder der Geruch. Die Sicht klarte draußen auf, die Feuerwehrmänner packten ein und machten Selfies vor ihren Wägen.

Jemand klopfte an die Tür.

„Dürfen wir ein Baby durch Ihre Wohnung retten? Draußen ist es zu verraucht.“

„Klar. Natürlich.“

Und wieder war Stille in der Wohnung. Eine unerträgliche Stille. Ich beschloss, bevor die Ruhe auch vor dem Fenster eintritt, raus zu gehen. Sensationsgeil bin ich, das muss ich gestehen.

„Wollen wir etwas mitnehmen? Brauchen wir etwas?“

„Nein, wir kommen ja gleich wieder rein. Ich will nur kurz mal gucken gehen.“

Einanhalb Stunden saß ich vor dem Fenster und habe gedöst, geträumt, beobachtet. Nichts gepackt, nicht einmal Zähne geputzt, sehr naiv und dumm. Wenn ich nur gewusst hätte, was passiert und dass sich mein Leben verändern wird, dann hätte ich… ja, dann hätte ich!

„#Kleinumrik bei mir und alle anderen in Sicherheit. Alles gut. Gleich gehen wir in die Wohnungen. Ich hol‘ mir nur noch schnell einen Kaffee.“, dachte ich.

Plötzlich – dieser Knall.

Schwarze Rauchwolke, noch mehr Gestank und jemand gibt per Funk durch: „…wir müssen erstmal schauen, ob unsere Leute noch am Leben sind.“

Ich erstarre. Mein Herz überschlägt sich, ich kann nicht einmal meinen Arm heben, um mir die Hände vor’s Gesicht zu schlagen. Ich muss zusehen, wie die Leute panisch werden, weinen, rennen. Aber wohin eigentlich? Wohin…?!

Und so stand ich da, in einer Jogginghose mit ungeputzten Zähnen und erfuhr unfreiwillig, in welchen Outfits meine Nachbarn ihre Nächte verbrachten.

Es roch nun nicht nur nach Öl.

Es roch nach einer echten Katastrophe.

>> Fortsetzung folgt. <<

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Nicht nur in der Adventszeit sozial sein. Bitte.

Es regnet. In Hamburg regnet es immer, denke ich und bin froh, dass der Anschluss an die Busse so gut geklappt hat. Nur noch 20 Minuten, dann bin ich in meiner warmen Wohnung. Ich werde mir eine Wärmflasche und einen Tee machen, ein Buch lesen und Kekse von Mama essen. Ein guter Plan. Es regnete schon den ganzen Tag. Ich dachte um 14 Uhr, es ist jetzt schon so spät ist, da kannst du auch gleich liegen bleiben. Bin ich aber nicht. Und nun stand ich mit meinem „Marry Poppins“-Regenschirm (wunderschön, übrigens) an der Bushaltestelle in der Innenstadt und wartete auf meine Buslinie. Kalte Regentropfen flogen in mein Gesicht. Ich habe nichts gegen Kälte und auch nichts gegen Regen, nur die Kombi mag ich nicht leiden.

Warum werden Bushaltestellen eigentlich nicht beheizt? Ich denke oft über Begegnungsmöglichkeiten in Großstädten nach. Es gibt wenig Möglichkeiten und Orte, an denen sich Menschen begegnen können. Nein, generell gibt es selbstredend sehr viele Orte und Gelegenheiten, aber die Menschen – vor allem im Norden – sind gern anonym, allein und verschlossen in ihren Gruppen unterwegs. Es gibt wenig Möglichkeiten in ein Gespräch zu kommen, weil beide (un-)freiwillig den Ort gewählt haben. Solche Begegnungen entstehen hin und wieder in Notarztpraxen oder betrunken auf Parties. In Zeiten des Smartphones sind sogar Gesprächsversuche wie „Hilfe, ich habe mich verlaufen! Können Sie mir helfen?“ kaum möglich. Man wird schräg angeguckt. Ich halte deshalb die Idee einer beheizten Bushaltestelle für eine großartige Chance, um Menschen zusammen zu führen… Quasi aus einer ‚Notsituation‘ heraus.

Vor dem Regen flüchtend bog ich scharf in das Bushaltestellenhäusschen ein und habe fast… einen obdachlosen Mann überfahren. Er lag in der Bushaltestelle, suchte nach einem trockenen Platz und schaute mich vorsichtig, fast entschuldigend an. Ich grüßte lächelnd „Hallo!“. Es kam kein Gruß zurück. Er ist es wahrscheinlich nicht gewöhnt gegrüßt zu werden. Ich blieb neben ihm stehen, schwieg, verfluchte den Regen und fragte mich, warum die Menschen in der Weihnachtszeit so grimmig schauen.

Das Szenario, das sich den vorbeigehenden Menschen bot, muss höchst amüsant ausgeschaut haben: Eine Rollstuhlfahrerin mit einem „Marry Poppins“-Regenschirm, daneben ein liegender Obdachloser umringt von Pennytüten und neben uns ein junger Mann mit einem Astra-Bierkasten. Wir schauten friedlich, wahrscheinlich sogar fast harmonisch aus, denn wir sahen (meiner Meinung nach) alle sehr zufrieden aus. Die Blicke der Passanten blieben an dem liegenden Mann haften, ich spürte große Unsicherheit, Angst, beinahe Ekel von ihnen ausgehend.

„Warum besetzt DER stinkende, röchelnde, arme, bestimmt alkoholabhängige Mensch UNSEREN sauberen Platz…?!“, sah ich in ihren Blicken.

Und ich würde am liebsten laut fragen: „Woher nimmt ihr euch alle, ihr langweiligen, 0815-Gedanken- und Wertejongleure, vom Job gelangweilten, von eurem Dasein gestressten Wesen, das Recht über Menschen zu urteilen, denen es schlechter geht als euch?!“

Der Bus kam. Der Typ, der unscheinbar neben mir stand, sprach den obdachlosen Mann an:
„…ich find‘ das echt cool von dir, dass du hier im Trockenen liegst. Nimmst du Geld an, wenn man es dir gibt?“ Der obdachlose Herr nickte und der Typ steckte ihm 5 € zu. 5 €!!!! Das habe ich noch nie erlebt und ich guckte ihn mit großen, fassungslosen, aber leuchtenden Augen an und sagte so etwas wie „Wow, cooler Typ!“ und grinste über beide Ohren. Er auch.

Ich hoffe sehr, dass er das nicht nur an Weihnachten macht, sondern grundsätzlich diese Haltung hat: Helfen, wo man kann. Wenn man nicht kann, dann zumindest nicht verabscheuend starren, ignorierend wegschauen.

Das war meine persönliche Weihnachtsgeschichte 2014, die mir gezeigt hat, dass es sie noch gibt, die netten, tollen, beeindruckenden Menschen.

Lieber Unbekannter, wenn meine Hände nicht so kalt gewesen wären und ich meine Arme hätte noch heben können, hätte ich dir Luftküsse zugeworfen, als ich aus dem Bus ausgestiegen bin. Du hast mein Weihnachten gerettet. Irgendwie.

Spendet nicht nur in der Weihnachtszeit! Hilfe wird immer gebraucht, nette Gestiken auch.

(Foto: taz.de)

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Wo sind sie denn, die Rollstuhlfahrer?

03:00 Morgen. Totmüde im Bett liegend postete ich auf Facebook:

„Ich war heute beim Ball Papillion – ein Charityball der Deutschen Muskelschwundhilfe e.V. zugunsten von Muskelkranken. Die einzigen Rollsruhlfahrer waren der Veranstalter selbst und meine Wenigkeit. Ich frage mich: WO seid ihr? WIE wollt ihr zur Inklusion beitragen?? Ich bin enttäuscht. Ich bin empört.

Gleich hinterher twitterte ich unter @AnastasiaUmrik:
„Auf einem #Charityball eine von zwei Rollstuhlfahrern zu sein, ist wie Fahrradfahren ohne Fahrrad.“

Am nächsten Morgen wusste ich, es werden viele Kommentare und vielleicht sogar Mails dazu kommen. In der Tat (vielen Dank dafür!): Einige schrieben, die Anfahrt zu dem Event sei ihnen zu weit gewesen; andere schrieben, 200 € Eintrittspreis sei eine Frechheit und bei so viel Geld verginge ihnen die Lust auf jegliche Inklusion. Andere schrieben wiederum, dass ein Besuch auf dem Marktplatz effektiver zu der Inklusion beitragen würde. „Stimmt!“ – dachte ich, und testete es aus.

Es ist mir – als Morgenmuffel – nicht leicht gefallen extra früher aufzustehen, aber ich wusste wofür ich es machte: Feldstudie für meinen nächsten Blogbeitrag. Konnte es tatsächlich sein, dass ausschließlich wegen des Preises die Betroffenen nicht zu dem Ball gekommen sind und auf dem Markt wirklich mehr Menschen mit einer Behinderung sich tummeln und unterhalten, handeln und einkaufen würden? Ich hoffte es!
Ich blickte mich um: Viele Menschen, alle Altersgruppen, vermutlich alle Ethnien, nur kein einziger Rollstuhlfahrer. Mission gescheitert? Nein. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben: Vielleicht lag es ja an meiner Wohngegend, vielleicht am Wetter, vielleicht wohnen hier tatsächlich wenige Rollstuhlfahrer – und die, die hier wohnen, wollten ausgerechnet heute Morgen nicht auf den Markt? Bestimmt.

Ich wollte an diesem Morgen nicht umsonst aufgestanden sein und machte mich auf den Weg zu einem anderen Markt, der zentraler, größer, noch besser besucht war. Voller Hoffnung schaute ich mich erneut um: Viele lachende (in Hamburg schien die Sonne, was leider sehr selten ist), ’schnackende‘ und gutgelaunte Menschen flanierten, blieben stehen, suchten sich Obst und Gemüse aus. Kein einziger Rollstuhlfahrer in Sicht. Nun, vielleicht sind die vielen Rollstuhlfahrer ja schon weg?! Vielleicht bin ich ja zu spät?! Ich fragte einen Händler, der nahe am Eingang seinen Stand hatte, ob er heute morgen (er erzählte, er sei schon ab 6 Uhr dort gewesen) andere Rollstuhlfahrer oder ‚zu mindest‘ Menschen mit einer sichtbaren Behinderung gesehen hätte. Er schüttelte den Kopf. „Manchmal kommt hier die Renate aus der Nachbarschaft her. Aber das war’s dann auch schon. Selten hier jemand mit ’nem Wagen oder sowas.“, erzählte er in einem sympathischen Hamburger Dialekt. Ich wollte dennoch nicht aufgeben, bestellte mir einen Kaffee, genoss die Sonne und prüfte die Menschen auf ihre Behinderungen. An diesem Morgen bin ich mit der Erkenntnis nach Hause gefahren, dass es entweder wenige Menschen mit einer Behinderung in Hamburg leben oder diese schlicht und einfach nicht rausgehen.

(Falls dieser Gedanke Ihnen gerade durch den Kopf geht: Ich gehe wirklich oft raus. Nur in 1 von 28 Malen begegne ich im Durchschnitt einem anderen Menschen mit Behinderung. Klingt unglaubwürdig, ist aber so.)

Fakt ist: Ganz egal, ob der Eintritt 2 € oder 200 € kostet, WIR sollten rausgehen. Wir sollten Gesicht zeigen und damit beginnen, zu unserer Behinderung zu stehen und mit Selbstbewusstsein über der Tatsache, dass noch nicht alles in unserer Gesellschaft optimal ist, stehen. Und auf die Misstände hinweisen, sie – wenn möglich – verbessern.

Lasst uns doch mal effektiv – bei UNS, die davon abhängig sind – mit der Umsetzung der Inklusion beginnen:

– Falls Sie ein behindertes Kind haben: Schicken Sie es niemals auf eine ‚Sonderschule‘. (Falls nicht: Sprechen Sie mit ihrem Kind offen über andere Behinderungen, erlauben Sie ihm Fragen zu stellen und auch mit dem Finger auf andere zu zeigen.)

– Gehen Sie aktiv raus, lächeln Sie und atmen Sie die dreckige Stadtluft ein.

– Meckern Sie nicht über Stufen und sonstige Barrieren, sondern über die Bundestagswahl oder die NSA.

– Suchen Sie sich ein Hobby wie Kochen, Backen oder Holzschnitzen. Konzentrieren Sie sich nicht permanent auf die negativen Seiten Ihrer Behinderung!

– Lachen Sie, wenn jemand über Sie stolpert. (Kann doch mal passieren.)

– Sagen Sie jemandem, wie schön und interessant Sie jemanden finden und fragen Sie nach seiner / ihrer Telefonnummer (sofern Sie nicht schon jemanden Zuhause warten haben. Wenn doch: Wann haben Sie das letzte Mal Ihrem Partner gesagt, wie attraktiv Sie ihn finden?)

– Diese Liste ist beliebig fortzuführen und natürlich in einzelnen Punkten variierbar.

– Fangen Sie einfach mal an… Der Rest wird sich schon ergeben.

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