„Ich wollte dir schon immer näher kommen…“

„Ich wollte dir schon immer näher kommen.“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. Trinkt von seinem warmen Bier. Guckt mich an.

„Aha“, sage ich und bin kurz sprachlos. Wirklich nur kurz, denn ich bin eigentlich so gut wie nie sprachlos. Ich war nie in ihn verknallt oder hatte ernsthaft Interesse an ihm als Mann. Hey, ich dachte, wir sind Kumpels, was soll denn jetzt der Scheiß…?! Ich habe viele männliche Freunde und ich bin da recht zurückhaltend mit dem Anfassen und der Wohnungsschlüsselübergabe. Wozu nun alles kompliziert machen? Feuchte Träume kommen und gehen, Phantasien bleiben manchmal unerfüllt viel schöner. „Und überhaupt… komisch alles!“, denke ich und frage mich, warum Männer sowas immer erst sagen, bevor sie ins Ausland gehen oder bevor sie heiraten.

„Und warum hast du es nie gemacht?“ Mir ist schon wieder nach `nem Schnaps. Ich überlege, ob ich auf das Gespräch einsteigen oder das Thema wechseln soll.

„Ich wollte! Ich habe… Also es gab ja auch oft die Gelegenheit dazu… Und du hast ja auch mit mir geflirtet…“

(bitte WAS?! Habe ich gar nicht!!!)

„Aber…?“, jetzt wollte ich’s wissen.

„Naja, weißt du, man macht es ja für gewöhnlich so: Ich lerne eine Frau kennen, wir verabreden uns, wir lernen uns noch mehr kennen, wir kochen zusammen – mal bei ihr, mal bei mir – und irgendwann trinken wir Wein oder Bier auf dem Sofa. Wir reden oder schauen Fern, das ist dann auch eigentlich total egal, und irgendwann berührt man sich ausversehen. Dann nicht mehr ausversehen. Der Rest läuft wie von alleine, und plötzlich liegt man nackt neben einander im Bett und raucht die Zigarette-danach.“ Er zieht an der Zigarette und grinst.

Jaja, die Prozedur ist mir durchaus auch bekannt. Funktioniert bei mir ähnlich. Dachte ich zumindest.

„Bei dir… ich meine, wir kennen uns ja ewig und deine Behinderung war nie ein Problem für mich, aber dein TISCH am Rollstuhl! Erstens ist es häßlich. Zweitens ist es eine künstliche Barriere, es schafft Distanz zwischen dir und den Menschen. Als Mann kostet es doppelt so viel Überwindung dich zu berühren, dir nah zu sein. Und wenn du es nicht aussprichst, quasi „erlaubst“ oder – man könnte beinahe sagen „befiehlst“, dann ist es sehr unnatürlich!“

Ich konnte dazu gar nicht viel sagen. Aber nachgedacht habe ich. Und am nächsten Morgen den Rollstuhlhersteller kontaktiert: „Hallo, ich hab‘ da eine Idee: Ich brauche dringend einen neuen Tisch. Schmaler muss der sein. Geht das?“

Danke an meine Kumpels für ihre Offenheit. Wenn nicht sie mir sowas sagen, wer dann?!

Foto: Anna-Lena Ehlers

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Hund vs. Rollstuhl

Situation I:

Meine Wohnung liegt nicht allzu weit von der Elbe (ein Platz, der Touristen noch unbekannt ist!) und so geschah es eines Tages im Sommer: Ich wollte Ruhe, Einsamkeit, Luft und befand mich mitten im Park zwischen Familien und ihren gefühlten zwanzig ballspielenden Kindern, händchenhaltenden Pärchen und schwitzenden Joggern. Ich: Müde, ungeschminkt und in einem Pullover, der mich unnötigerweise dicker aussehen lässt, als es manchmal angebracht ist. Wie an diesem Tag. Natürlich!

Er, eigentlich gar nicht auffällig, rothaarig und ausnahmsweise mal ohne Tattoos, führte seinen Hund Gassi. Ich stellte mich also in meinem unvorteilhaften Outfit neben eine Parkbank und tat so, als wäre mir heute alles scheißegal. Die Angst, dass ich gleich einen Ball an den Kopf bekomme – egal, die blöden Pärchen – egal, inzwischen sogar mein Buch – egal… weil er, der Hundebesitzer, mein Interesse weckte. Ich meine, hätte ich einen Hund gehabt, mal ganz ehrlich: Ich würde rumnörgeln, dass ich mit dem bei jedem Wetter raus muss, dass der mich ständig an der Leine zieht und rumbellt wie bekloppt. (Sorry, man merkt’s, ich bin kein großer Hundefan.) Er nicht. Er schien es zu genießen mit dem schwanzwedelnden Wesen im Park zu flanieren, irgendwelche Holzdinger in die Gegend zu schmeißen und den Hund immer wieder zu loben, wenn er das Stöckchen zurück brachte. „Braver Hund… Ganz Guter…“

Er setzte sich auf die Bank zu mir. „Moin.“

„Moin.“

„Ganz schön schwül heute, oder?“ – er versuchte mit mir eine Konversation aufzubauen.

„Mmh.“ – ich wusste noch nicht, ob ich reden will. „Und du gehst mit deinem Hund spazieren?“, ich tat so, als würde ich mich unwiderstehlich fühlen und grinste. Gleichzeitig dachte ich: „Man bist du bekloppt… was soll er denn sonst hier machen?!“

„Jo. Muss ich ja immer, egal bei welchem Wetter.“

Jo. Und nun? Wie baue ich ein Gespräch mit dem attraktiven Mann auf, wenn das naheliegende Thema – der Hund – ein Thema ist, das mich a) kaum interessiert und b) ich mich mit Hunden absolut nicht auskenne. Da kann ich mich doch nur blamieren. Und verlieren.

Situation II:

„Oha… was kann dein Rollstuhl sonst so?!“, fragt ein Typ an der Bar bei ‚Frau Möller‘, als ich die Hubfunktion einsetzte, um auf Barhockerhöhe zu kommen. „Sieht aus wie ein Transformer!“

Ich rolle mit den Augen. Grinse bisschen blöd und schweige.
„Und was ist das hier? Ein Navi?“

„Das ist die Geschwindigkeitsanzeige.“, antworte ich trocken und bestelle mir einen noch trockeneren Rotwein.

„Darfst du eigentlich fahren, wenn du betrunken bist?“ – hihihi.

„Quatscht du eigentlich alle Frauen auf ihre Gefährten an?“ – hihihi. Er versteht den Witz nicht ganz, lacht aber dennoch und fragt ab sofort nichts mehr zu dem Rollstuhl. Drei Stunden und paar Rotweingläser später, gibt er mir seine Nummer und sagt, er muss unbedingt mehr über mich erfahren.

„Geht doch“, denke ich und muss an den Hundebesitzer von neulich denken.

***

Freunde, die sich darüber aufregen, angeblich immer auf ihre Behinderung reduziert zu werden: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht eure Behinderung (den Rollstuhl) als eine Gelegenheit in einen Gesprächseinstieg zu sehen? Es ist nun mal das Offensichtlichste an uns! Über irgendetwas muss man ja quatschen…

Die Einen werden eben auf ihre Haustiere, die Anderen auf ihre Rollstühle reduziert… So what? Hauptsache man lernt neue und interessante Menschen kennen!

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