Tschüß… anderStark… inkluWAS… meine große Liebe

Wo beginnt eigentlich das Ende und wann weiß man, dass es definitiv vorbei ist? Also so richtig? Und warum fühlt es sich gerade so sehr nach Liebeskummer an?

Weil es meine große Liebe war. Es waren meine Emotionen, mein Schmerz und der angenehme Wahnsinn, der so viele Menschen in ihren Bann gezogen hat und sie bewegt hat. Es entstand aus dem Nichts… es kam direkt aus meinem Herzen. Und nun? Nun ist alles raus. Es ist alles gesagt. Obwohl ich mich noch immer so voll fühle mit allem. Mit Neuem.

Ich versuche zu sortieren. Ich möchte nach so langem Schweigen fair sein und euch meine Entscheidungen der letzten Wochen erklären. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres als Entscheidungen, die im Stillen getroffen werden und man selbst, als jemand, der seit Jahren mitfiebert und dabei ist, im Dunkeln stehen gelassen wird und nicht weiß, was im Hintergrund passiert ist… gestern schien doch noch alles gut zu sein.

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„Ich küsse keine Kinder und keine Behinderte!“

„Hihihi du bist ja pummelig! Und Pickel hast du auch! Hihihi!“

Solche Sätze habe ich bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr öfter gehört. („Arschlöcher ihr!“)

In der Zeit der großen Unsicherheiten, (auch Pubertät genannt), heulte ich fast jeden Abend – weil ich mich so hässlich fühlte. Nein, weil andere mich häßlich fanden! Neben meines Übergewichts, war ich zudem auch noch „die Behinderte“. Es war uncool mit mir „abzuhängen“.

Besonders ein Erlebnis prägte mich: Ein paar Leute spielten „Tat, Wahrheit oder Pflicht“. Der coolste Typ (fand‘ ich damals) aus der Clique entschied sich für „Pflicht“ und musste als Aufgabe mich küssen. Er lachte laut und sagte:

„Leute, eins steht fest: Ich küsse keine Kinder und keine Behinderte.“

Es folgten schlaflose, tränenreiche Tage und Nächte, Depression und eine Therapie…

***

Viele Jahre später:
„Ey, guck mal, da ist ’ne stylische Rollstuhlfahrerin!“, sagt ein sehr junges Mädel zu ihrer Freundin und beide beobachten mich aus der Ferne.

Ich korrigiere meine Sonnenbrille auf der Nase und denke:
„Hello. Ich bin wieder da!“

An diesem sonnigen Tag trage ich rote Chucks, eine blaue Röhrenjeans, einen schwarzen Pulli, dazu eine überdimensionale goldene Kette und als I-Tüpfelchen meine Lieblingslederjacke in dunkelgrau. Diese Lederjacke ist schwer anzuziehen, schwer auszuziehen und ich kann mich in der kaum bewegen. Was tut man nicht alles für den Style? Ich liebe es.

Ihr kennt das: Komplimente tun gut, sie beflügeln für den Rest des Tages. Ach was, je nach dem von wem sie kommen, beflügeln sie manchmal auch für die nächsten acht Tage! Ich ahne, dass wenn ich dieses Outfit stehend tragen würde, hätten mich vermutlich nur wenige beachtet oder gar bemerkt. Ich wohne in Hamburg, hier sind viele schöne Menschen und sie sind alle modisch gekleidet. Hamburg ist die Stadt der Modelagenturen, der schönen Mädchen und der durchtrainierten Jungs. Der Rollstuhl, der vermeintliche „Fehler“ des Outfits, wird plötzlich zum positiven Aspekt und schenkt mir ein Alleinstellungsmerkmal. Ich bin hin und wieder sogar dankbar dafür, dass sich die Menschen an mich immer erinnern können, dass ich auffalle und meine Mühe mit einem Kompliment oder Lächeln belohnt wird.

Was ist schön? Was finde ich schön und was gefällt den anderen? Kann ich mit der Mode immer mithalten? Diese Fragen beschäftigt nicht nur mich, sondern auch viele anderen Frauen und Männer. Es gibt wie immer viele Theorien, Gedanken, Tips…

Die Mode wandelt sich extrem ca. alle zehn Jahre und es ist biologisch gar nicht möglich bei JEDEM Trend total dabei zu sein. Beispiel: In den 90ern waren schmale Augenbrauen in, heute sind es eher die buschigen breiten Brauen. Beides kann man nicht haben, Mädels. Das ist Logik. Schönheit hat aber recht wenig mit Logik gemeinsam.

Dieses Video zeigt, wie sehr sich der Schönheitsideal in den letzten hundert Jahren gewandelt hat:
https://www.youtube.com/watch?v=ZbfS36k3Tco

Das „Wohlfühlen“, das „Angekommensein“ spüren die Mitmenschen und es wirkt wie ein Magnet. Strahlende Augen, ein ehrliches Lächeln, positive Gedanken über sich selbst – das überträgt sich und hinterlässt Spuren. Das ist schön!

***

Nach einem langen Prozess überkam mich die Erkenntnis, dass mein Busen immer klein und der Hintern ziemlich gut bleiben wird. Warum sollte ich also meine Energie und Zeit verschwenden mich zu verstecken, mich zu schämen oder zu verstellen. Ich habe lieber akzeptiert und angefangen zu leben.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass die Modeindustrie auch sitzende Menschen (oder mit sonstigen Ansprüchen) als eine Zielgruppe wahrnimmt. Jeder hat das Recht gut auszusehen, gut gekleidet zu sein und für seinen Geschmack Komplimente zu bekommen.

Die Zeiten, in denen man „Behinderte“ nicht küssen wollte sind längst vorbei.

Ja, ich glaube, ich bin ganz hübsch.

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Dieser Text wurde für JAM verfasst!

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