Leo, mein Held

 

Ein Mann packt mich doll an der Schulter und wirft mit einer kleinen Taschenlampe Lichtstrahl in die Pupillen. Meine Augen sind schwer, ich kann den Körper nicht kontrollieren. Nichts kann ich kontrollieren, bekomme keinen klaren Gedanken zustande. Die Realität ist dumpf, Schmerzen sind keine da, das Licht ist grell, ich will einfach meine Ruhe haben.

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Unfreiwillig bereichernde Begegnungen – Rehatagebuch No.5

„Können Sie mir bitte beim Fahrstuhl helfen? Ich kann das nicht alleine.“

Vor mir steht eine Frau mit zwei Gehstöcken, die gerade von einem langen Spaziergang hätte kommen können. Und sie bittet mich (!) um Hilfe.

Ich erlebe es selten, dass man mich um Hilfe bittet. Meistens ist es andersherum: Ich bitte darum, dass man mir das Glas auf dem Tisch abstellt, dass man mir den Schal richtet, dass man mir die Haarsträhne aus dem Gesicht wischt. Jetzt helfe ich der Frau, weil sie eine Fahrstuhlphobie hat und angst hat allein in das Ding einzusteigen. Wie praktisch – ich begleite sie, sie drückt für mich auf den Knopf, bei dem ich eh nicht allein angekommen wäre.

Während der Fahrt zu unserer Station erfahre ich darüber, wie sie früher viel und gern getanzt hat. Ich sage ihr, wie schön ich das Tanzen finde und wie gern ich Anderen beim Tanzen zugucke.

Hier treffen sich Menschen, die sich im echten Leben nie begegnen würden. Und wenn, dann hätten sie nur unwahrscheinlich miteinander gesprochen. Zu unterschiedlich sind ihre Lebenswelten und ihre Interessen.

„Wo hätten wir uns denn kennenlernen können?“, frage ich ihn.
„Auf der Hundewiese?“
„Nee… Ich hab ja keinen Hund.“
„Auf dem Schützenfest?“, fragt er lachend.
„NÄH! Auf GAR keinen Fall!“, erwidere ich empört. Ich mag keine Veranstaltungen wo große Menschenmassen zusammen kommen. Aber ihn mag ich.

Neulich haben wir uns aus Versehen betrunken. Nein, das passiert hier nicht so oft, auch wenn böse Zungen anderes behaupten. Katha, meine Tischgefährtin, hatte ihren letzten Abend und wie es nun mal so ist, sitzt man einen Abend lang zusammen, stößt auf die gemeinsame kurze Zeit hier an…

„Stell dir vor, wir können in zehn Jahren nichts mehr…“
„Deshalb müssen wir jetzt leben! So richtig!“
„Ja, man! Prost!“
Alle führen das Bier oder den Wein an ihre Lippen. Manche mit Strohhalm, manche nicht, aber das ist hier egal.

Wie viele Menschen sehe ich ganze vier Wochen? Es gibt wenige. Hier sieht man sich jeden Tag, und man spricht viel. Akademiker neben Sonderschülern, Wohlhabende aus dem ‚guten Hause‘ und Menschen, die nicht wissen, wie sie finanziell über die Runden kommen sollen. Sie alle reden hier, lernen ihnen bisher unbekannte Welten kennen und manchmal, das ist ganz wunderschön, begegnen sich ihre Seelen und geben sich einen Kuss.

Gestern hat mich Oma Tina gefragt, ob ich Schokolade hätte. Sie hätte so große Lust darauf, aber sie könne sich wirklich keine leisten. Sofort brachte ich ihr drei Duplos, die ich selbst geschenkt bekommen habe. Heute gab es eine große Packung Kekse dazu. Ihr Wunsch ist für mich ein Befehl, nicht nur weil sie mir Leid tut, sondern weil ich ihre ehrliche Art so mag. Wenn sie schimpft, dann sagt sie immer in einer normalen Lautstärke:

„Das‘ doch scheiße sowas!“ – und das mag ich irgendwie.

Plötzlich weinen Katha und ich. Weil wir uns kennengelernt haben und weil wir uns vielleicht nie wieder sehen werden.

Ich schaue zu ihm rüber und es tut noch ein bisschen doller weh.

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Lisa

Als Lisa in mein Leben trat, war ich mitten in einer Krise. Selbstfindung im höchsten Maße: Neuer Abschnitt im Beruf, neue Liebe, neue Lieblingsfarben und die Entdeckung der leichten Melancholie.

Lisa lachte immer. Dabei warf sie ihren Kopf nach hinten und zog ihre schmalen Schultern etwas hoch. Sie war meine neue Assistentin und ich war ihr erster Job nach einer schwierigen Zeit. Lisa war zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und wunderschön. Sie überlebte Krebs und ich spürte ihre große Lust am Leben. „Anastasia, ich bin gestern einmal um die Alster gejoggt und war danach nicht aus der Puste! Yay, ich bin wieder da!“ Nichts konnte Lisa bremsen. GAR nichts.

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Begegnung mit… Laura Gehlhaar

Ich weiß nicht mehr genau wann und wie, aber Laura war plötzlich da. Plötzlich war sie nicht mehr wegzudenken. Warum auch? Es ist schön.

Daten über dich, die du preisgeben magst (Name, Alter und sonstiges Gedöns):
Mein Name ist Laura Gehlhaar, ich bin am 8. Januar 1983 in Düsseldorf geboren und lebe seit 2008 in Berlin. Ich schreibe beruflich und privat, singe gern, kann nicht kochen und lache viel.

Erzähl mal über deinen Beruf!
Ich habe Sozialpädagogik und Psychologie in Holland und Berlin studiert. Während und nach dem Studium habe ich in der Gerontopsychiatrie in Berlin gearbeitet. Nach zwei Jahren wollte ich mal was anderes ausprobieren und bin aus der Psychiatrie zum Texten in die Werbung gegangen. Da das allerdings keinen beruflichen Unterschied gemacht hat, tauschte ich die Werbewelt nach nur einem Jahr gegen meine soziale Welt wieder aus und absolvierte eine Mediation- und Coachingausbildung.
Heute arbeite ich als Coach und Autorin. In meiner Freizeit blogge ich unter Frau Gehlhaar über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren und halte Vorträge zu Inklusion und Barrierefreiheit.

In welchen Situationen fühlst du dich groß?
Beim Sex mit einem Mann.

Wann fühlst du dich klein?
Beim Sex mit einem Mann.

Wo siehst du dich in 7,5 Jahren?
Ich plane mein Leben nicht in Jahren. Ich habe Wünsche und Ziele, die ich gerne umsetze und dafür arbeite ich. Ein genaues Zeitlimit setze ich mir dafür nicht, denn es geschehen immer wieder neue, kleine Veränderungen, für die ich offen sein möchte.

Erzähl uns einen Witz, den wir betrunken an der Theke weiter erzählen können.
Ok, aber Achtung (!), es folgt ein Behindertenwitz:
“Was fragt ein Schizophrener nach dem Sex?….. Und? Wer war ich?”

Wie haben wir uns eigentlich kennengelernt…?
Du hattest mich gefragt, ob ich bei deinem Fotoprojekt anderStark mitmachen möchte. Das wollte ich aber nicht, weil die Fotos nicht zu mir passten. Ich mochte die Art, wie du mit meiner Direktheit und Ehrlichkeit umgegangen bist und dir meine Kritik angehört hast. Seither schätze ich dich sehr.

Falls du noch etwas loswerden willst:
Man kann sagen, was man will, aber so eine Behinderung verbindet. Und Humor. Ich freue mich, dass du da bist, Anastasia.

Fotos: Andi Weiland

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Nicht nur in der Adventszeit sozial sein. Bitte.

Es regnet. In Hamburg regnet es immer, denke ich und bin froh, dass der Anschluss an die Busse so gut geklappt hat. Nur noch 20 Minuten, dann bin ich in meiner warmen Wohnung. Ich werde mir eine Wärmflasche und einen Tee machen, ein Buch lesen und Kekse von Mama essen. Ein guter Plan. Es regnete schon den ganzen Tag. Ich dachte um 14 Uhr, es ist jetzt schon so spät ist, da kannst du auch gleich liegen bleiben. Bin ich aber nicht. Und nun stand ich mit meinem „Marry Poppins“-Regenschirm (wunderschön, übrigens) an der Bushaltestelle in der Innenstadt und wartete auf meine Buslinie. Kalte Regentropfen flogen in mein Gesicht. Ich habe nichts gegen Kälte und auch nichts gegen Regen, nur die Kombi mag ich nicht leiden.

Warum werden Bushaltestellen eigentlich nicht beheizt? Ich denke oft über Begegnungsmöglichkeiten in Großstädten nach. Es gibt wenig Möglichkeiten und Orte, an denen sich Menschen begegnen können. Nein, generell gibt es selbstredend sehr viele Orte und Gelegenheiten, aber die Menschen – vor allem im Norden – sind gern anonym, allein und verschlossen in ihren Gruppen unterwegs. Es gibt wenig Möglichkeiten in ein Gespräch zu kommen, weil beide (un-)freiwillig den Ort gewählt haben. Solche Begegnungen entstehen hin und wieder in Notarztpraxen oder betrunken auf Parties. In Zeiten des Smartphones sind sogar Gesprächsversuche wie „Hilfe, ich habe mich verlaufen! Können Sie mir helfen?“ kaum möglich. Man wird schräg angeguckt. Ich halte deshalb die Idee einer beheizten Bushaltestelle für eine großartige Chance, um Menschen zusammen zu führen… Quasi aus einer ‚Notsituation‘ heraus.

Vor dem Regen flüchtend bog ich scharf in das Bushaltestellenhäusschen ein und habe fast… einen obdachlosen Mann überfahren. Er lag in der Bushaltestelle, suchte nach einem trockenen Platz und schaute mich vorsichtig, fast entschuldigend an. Ich grüßte lächelnd „Hallo!“. Es kam kein Gruß zurück. Er ist es wahrscheinlich nicht gewöhnt gegrüßt zu werden. Ich blieb neben ihm stehen, schwieg, verfluchte den Regen und fragte mich, warum die Menschen in der Weihnachtszeit so grimmig schauen.

Das Szenario, das sich den vorbeigehenden Menschen bot, muss höchst amüsant ausgeschaut haben: Eine Rollstuhlfahrerin mit einem „Marry Poppins“-Regenschirm, daneben ein liegender Obdachloser umringt von Pennytüten und neben uns ein junger Mann mit einem Astra-Bierkasten. Wir schauten friedlich, wahrscheinlich sogar fast harmonisch aus, denn wir sahen (meiner Meinung nach) alle sehr zufrieden aus. Die Blicke der Passanten blieben an dem liegenden Mann haften, ich spürte große Unsicherheit, Angst, beinahe Ekel von ihnen ausgehend.

„Warum besetzt DER stinkende, röchelnde, arme, bestimmt alkoholabhängige Mensch UNSEREN sauberen Platz…?!“, sah ich in ihren Blicken.

Und ich würde am liebsten laut fragen: „Woher nimmt ihr euch alle, ihr langweiligen, 0815-Gedanken- und Wertejongleure, vom Job gelangweilten, von eurem Dasein gestressten Wesen, das Recht über Menschen zu urteilen, denen es schlechter geht als euch?!“

Der Bus kam. Der Typ, der unscheinbar neben mir stand, sprach den obdachlosen Mann an:
„…ich find‘ das echt cool von dir, dass du hier im Trockenen liegst. Nimmst du Geld an, wenn man es dir gibt?“ Der obdachlose Herr nickte und der Typ steckte ihm 5 € zu. 5 €!!!! Das habe ich noch nie erlebt und ich guckte ihn mit großen, fassungslosen, aber leuchtenden Augen an und sagte so etwas wie „Wow, cooler Typ!“ und grinste über beide Ohren. Er auch.

Ich hoffe sehr, dass er das nicht nur an Weihnachten macht, sondern grundsätzlich diese Haltung hat: Helfen, wo man kann. Wenn man nicht kann, dann zumindest nicht verabscheuend starren, ignorierend wegschauen.

Das war meine persönliche Weihnachtsgeschichte 2014, die mir gezeigt hat, dass es sie noch gibt, die netten, tollen, beeindruckenden Menschen.

Lieber Unbekannter, wenn meine Hände nicht so kalt gewesen wären und ich meine Arme hätte noch heben können, hätte ich dir Luftküsse zugeworfen, als ich aus dem Bus ausgestiegen bin. Du hast mein Weihnachten gerettet. Irgendwie.

Spendet nicht nur in der Weihnachtszeit! Hilfe wird immer gebraucht, nette Gestiken auch.

(Foto: taz.de)

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