Stell dir vor, es ist Inklusionsparty und keiner geht hin

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Inklusives Kino und Theater, inklusives Café, Inklusionsabende und -morgenstunden, Krabbelgruppen für „besondere Kinder“, Klassen mit „Inklusionskindern“, inklusive Wohngruppen, Inklusionskongresse und -sportveranstaltungen. Und ja, inzwischen gibt es sogar Inklusionssongs. Inklusionspartys wo eh nur Menschen mit Behinderungen, ihre Assistenten und die übermotivierten Organisatoren hingehen.

Ich ertrage es nicht mehr.

Nein, versteht mich nicht falsch. Die Inklusion liegt mir sehr am Herzen, wohl kaum einer ist davon so direkt betroffen wie ich. Ich kämpfe dafür sogar sehr. Jede Woche. Jeden Tag. Aber muss es denn immer gleich so exklusiv und fern ab des echten Lebens sein? So weit weg von den Menschen, die sich als ‚Durchschnitt‘ (ich bezeichne mich u.a. so) betiteln? Schau‘ dich doch mal um!

Draußen, ich meine im ‚echten Leben‘, sehe ich selten die Menschen, die mir auf den oben erwähnten Inklusionskongressen und -sportveranstaltungen begegneten. Ich sehe nur selten andere Menschen, die im Internet sonst sehr laute Inklusionsbefürworter sind. Sie posten fleißig im Stundentakt ihre Gedanken zu Inklusion, darüber, wie wütend sie sind, dass sie ausgegrenzt werden und dass sie sehnsüchtig auf die Veränderung warten – aber sie sehe ich nicht ‚draußen‘, auf Konzerten, in Restaurants, in Cafés. Selbst in der Bahn nur selten.

Ja, da könn’se lange auf die Inklusion warten.

Das Leben ist jetzt. Vor deinem Fenster. Und glaub‘ nicht, nur weil du eine Behinderung hast oder dich sonst warum ausgegrenzt fühlst, dass du mehr Rechte hast als andere Menschen. Warum suchen wir nach den Dingen, die uns von einander unterscheiden, aber selten nach Sachen die wir gemeinsam haben? Von der Inklusion sind wir alle betroffen. Alle! Aber den Mut muss schon jeder selbst haben, sich sichtbar zu machen – und zwar nicht nur im Internet.

Gestern lief der Tatort mit ‚echten‘ gehörlosen Schauspielern. Sogar ich, die dachte alles über Inklusion und die Probleme zu wissen, saß da und habe „Aha!“-Momente gehabt. Eins davon war, als die Schauspieler sich in der Gebärdensprache unterhalten haben und ich ein paar Sekunden nichts verstanden habe. Ich bin jetzt sensibilisiert für die Videos, die im Netz – oder auch im Fernsehen – ohne Untertitel veröffentlicht werden. Wie frustrierend das ist!

Der Tatort hat aber dennoch das echte Leben gezeigt: Auch Menschen mit einer Behinderung können kriminell sein. Gut so!

Du willst auf eine Veranstaltung? Dann mach dich bemerkbar. Mach deutlich hörbar, dass es dich gibt und du auch dabei sein willst. Vielleicht klappt es nicht sofort. Vielleicht klappt es aber beim nächsten Mal. Und wenn es nicht klappt, dann wirst du noch etwas lauter…

Ich bin gelangweilt. Ich fühle mich mit den Inklusionssongs und den Partys nicht verbunden, ich fühle mich nicht gesehen oder erkannt. Warum? Weil mein Ich nicht nur aus meiner Behinderung besteht. In erster Hinsicht bin ich eine Frau. Eine Unternehmerin. Eine Bloggerin. Eine Visionärin vielleicht. Mit kalten Händen und einem warmen Herzen. Und ja, mit einer Behinderung, das kann ich nicht verleugnen und das will ich auch nicht. Sieht ja auch jeder. Aber darüber hinaus… gibt es mehr. Viel mehr.

AXE zeigt, dass die Männlichkeit vielfältig ist und ich liebe diesen Spot:

Inklusion ist auch etwas, was du dir nehmen musst. Von nix kommt nämlich nix. Mit Aufwand, ja, mit Rückschlägen und Enttäuschungen hin und wieder, aber nimm es dir, verdammt nochmal!

Inklusionsparty machst du selbst. Wenn du du bleibst und dazu stehst wer du bist. Mit dieser Musik vielleicht – das Video ist das, was für mich Inklusion bedeutet:

Beitragsbild: „United colors of Benetton“

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

5 Kommentare

  1. Johann Tausch

    Kann ich nur vollinhaltlich teilen. Sehr treffend! Inklusion ist ein Tun-Wort ! Weniger Gequatsche ist da ganz und gar hilfreich!

  2. Ich finde es problematisch gerade behinderten (ausgegrenzten, diskriminierten) Menschen zu sagen sie müssten nur „lauter sein“, nur „mehr wollen“? , nur „endlich einfach mal raus auf die Straße gehen“ – so einfach ist das nicht.
    Wie viele seelische behnderte siehst du denn wohl jeden Tag? Na kannst du denen ansehen, dass die sich gerade „enlidch mal bemüht haben rauszugehen“? Nein. Weil du es ihnen nicht ansehen kannst. Weil sie nicht sgen, dass sie behindert werden und/oder sind. Aus Gründen. Die noch nicht einmal wirklich was mit ihren Kämpfen zu tun haben, sondern mit denen, die die verursachen.

    Ich kann keine Langeweile verstehen. Die Art wie Diversity mit Inklusion vermischt wird, geht mir genauso auf den Keks. Mir geht es auch so, gerade weil diese Party und Veranstaltung sehr viel mehr mit Investorensuche und anderen Verwertungsstrukturen zu tun haben, als damit wirklich in Annäherung zu kommen und miteinander zu sein.
    Ich würde mir wünschen das Leben an sich als Inklusionsparty auffassen zu können.
    Aber das dauert noch. Bis dahin finde ich, muss es auch Platz haben dürfen, sich einfach überall dort zu äußern, wo es geht. Bei Twitter, bei Facebook, im Internet allgemein. Diese Plattformen sind für viele viel viel barrierefreier zu erreichen und zu nutzen, als das Cafe um die Ecke oder eine Veranstaltung mit 150€ Eintritt und Barrieren, die nicht durch eine Rampe und Assistenz überwunden werden können.

    Viele Grüße!

  3. Treffend formuliert.
    Bezieht sich deine Sichtweise dennoch nur ausschließlich auf Menschn mit Behinderung (die tatsächlich im Mainstream fast unsichtbar sind) und nicht auf Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund. Da wird dann von Integration gesprochen.

    Unterm Strich gebe ich dir Recht, muss dennoch sagen, dass alle Bemühungen der Inklusion ALLER MENSCHEN die irgendwie von der Mehrheit abweichen in der Leere verhallen werden, wenn die Mehrheitsgesellschaft sich nicht öffnet. Und nicht echte Inklusion will. Da hakt es doch dran.
    Medienschaffende nutzen und reproduzieren Stereotypen. Solange also diese Prozesse nicht durchbrochen werden hast du Recht: die Bemühungen sind fast so etwas wie eine Sisyphos-Aufgabe.

  4. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » das Problem an „Sei doch lauter“

  5. Pingback: Kratzige Inklusion: Irgendwas mit Behinderung - Rollifräulein

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