Nicht nur in der Adventszeit sozial sein. Bitte.

Es regnet. In Hamburg regnet es immer, denke ich und bin froh, dass der Anschluss an die Busse so gut geklappt hat. Nur noch 20 Minuten, dann bin ich in meiner warmen Wohnung. Ich werde mir eine Wärmflasche und einen Tee machen, ein Buch lesen und Kekse von Mama essen. Ein guter Plan. Es regnete schon den ganzen Tag. Ich dachte um 14 Uhr, es ist jetzt schon so spät ist, da kannst du auch gleich liegen bleiben. Bin ich aber nicht. Und nun stand ich mit meinem „Marry Poppins“-Regenschirm (wunderschön, übrigens) an der Bushaltestelle in der Innenstadt und wartete auf meine Buslinie. Kalte Regentropfen flogen in mein Gesicht. Ich habe nichts gegen Kälte und auch nichts gegen Regen, nur die Kombi mag ich nicht leiden.

Warum werden Bushaltestellen eigentlich nicht beheizt? Ich denke oft über Begegnungsmöglichkeiten in Großstädten nach. Es gibt wenig Möglichkeiten und Orte, an denen sich Menschen begegnen können. Nein, generell gibt es selbstredend sehr viele Orte und Gelegenheiten, aber die Menschen – vor allem im Norden – sind gern anonym, allein und verschlossen in ihren Gruppen unterwegs. Es gibt wenig Möglichkeiten in ein Gespräch zu kommen, weil beide (un-)freiwillig den Ort gewählt haben. Solche Begegnungen entstehen hin und wieder in Notarztpraxen oder betrunken auf Parties. In Zeiten des Smartphones sind sogar Gesprächsversuche wie „Hilfe, ich habe mich verlaufen! Können Sie mir helfen?“ kaum möglich. Man wird schräg angeguckt. Ich halte deshalb die Idee einer beheizten Bushaltestelle für eine großartige Chance, um Menschen zusammen zu führen… Quasi aus einer ‚Notsituation‘ heraus.

Vor dem Regen flüchtend bog ich scharf in das Bushaltestellenhäusschen ein und habe fast… einen obdachlosen Mann überfahren. Er lag in der Bushaltestelle, suchte nach einem trockenen Platz und schaute mich vorsichtig, fast entschuldigend an. Ich grüßte lächelnd „Hallo!“. Es kam kein Gruß zurück. Er ist es wahrscheinlich nicht gewöhnt gegrüßt zu werden. Ich blieb neben ihm stehen, schwieg, verfluchte den Regen und fragte mich, warum die Menschen in der Weihnachtszeit so grimmig schauen.

Das Szenario, das sich den vorbeigehenden Menschen bot, muss höchst amüsant ausgeschaut haben: Eine Rollstuhlfahrerin mit einem „Marry Poppins“-Regenschirm, daneben ein liegender Obdachloser umringt von Pennytüten und neben uns ein junger Mann mit einem Astra-Bierkasten. Wir schauten friedlich, wahrscheinlich sogar fast harmonisch aus, denn wir sahen (meiner Meinung nach) alle sehr zufrieden aus. Die Blicke der Passanten blieben an dem liegenden Mann haften, ich spürte große Unsicherheit, Angst, beinahe Ekel von ihnen ausgehend.

„Warum besetzt DER stinkende, röchelnde, arme, bestimmt alkoholabhängige Mensch UNSEREN sauberen Platz…?!“, sah ich in ihren Blicken.

Und ich würde am liebsten laut fragen: „Woher nimmt ihr euch alle, ihr langweiligen, 0815-Gedanken- und Wertejongleure, vom Job gelangweilten, von eurem Dasein gestressten Wesen, das Recht über Menschen zu urteilen, denen es schlechter geht als euch?!“

Der Bus kam. Der Typ, der unscheinbar neben mir stand, sprach den obdachlosen Mann an:
„…ich find‘ das echt cool von dir, dass du hier im Trockenen liegst. Nimmst du Geld an, wenn man es dir gibt?“ Der obdachlose Herr nickte und der Typ steckte ihm 5 € zu. 5 €!!!! Das habe ich noch nie erlebt und ich guckte ihn mit großen, fassungslosen, aber leuchtenden Augen an und sagte so etwas wie „Wow, cooler Typ!“ und grinste über beide Ohren. Er auch.

Ich hoffe sehr, dass er das nicht nur an Weihnachten macht, sondern grundsätzlich diese Haltung hat: Helfen, wo man kann. Wenn man nicht kann, dann zumindest nicht verabscheuend starren, ignorierend wegschauen.

Das war meine persönliche Weihnachtsgeschichte 2014, die mir gezeigt hat, dass es sie noch gibt, die netten, tollen, beeindruckenden Menschen.

Lieber Unbekannter, wenn meine Hände nicht so kalt gewesen wären und ich meine Arme hätte noch heben können, hätte ich dir Luftküsse zugeworfen, als ich aus dem Bus ausgestiegen bin. Du hast mein Weihnachten gerettet. Irgendwie.

Spendet nicht nur in der Weihnachtszeit! Hilfe wird immer gebraucht, nette Gestiken auch.

(Foto: taz.de)

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