Wer mit den Augen lachen kann, der kann auch mit den Blicken küssen.

„Wie sage ich ihr denn ‚Hallo‘?“ schoss es mir durch den Kopf, als ich auf dem Weg zu der Verabredung mit meiner Freundin war, die ebenfalls eine Muskelerkrankung hat. Früher, als wir nur gute Bekannte, am Rand zur Freundschaft waren, war es einfacher. Da war die Welt noch in Ordnung, als wir uns nur mit einem Strahlen und einem „Heeeeeey!“ begrüßen konnten. Es war angemessen. Jetzt haben wir die Grenze überschritten und sind Freundinnen.

Die meisten meiner Freunde haben keine Behinderung. Sie umarmen und knutschen mich – ohne vorher zu fragen, weil wir es so machen. Wir umarmen und knutschen, ohne dass man vorher wie bei Fremden fragt: „Darf ich dich umarmen und ein Küsschen links-rechts-links-rechts-links-rechts geben?“ Das ist das Schöne an Freunden. Ich muss nicht extra sagen: „Ja, du darfst mich umarmen.“ oder „Darf ich dir einen Kuss geben?“

Die Freunde mit Behinderung kann ich weder umarmen, noch küssen. Sie mich auch nicht. Das ist ein technisches Problem: Der Rollstuhl ist im Weg oder der Körper zu unbeweglich, wir kommen einfach nicht bei einander an! Es ist wie es ist, wir können es nicht ändern. Aber das Bedürfnis, denjenigen den man mag, zu berühren, bleibt.

Ich sah meine Freundin schon aus der Ferne kommen. Wir grinsten uns vor Freude an und… ja, da kam dieser Moment in dem man sich umarmt hätte. Wir schauten uns an und es war so, als wüssten wir beide, was gerade in dem Kopf des Anderen abgeht.

„Fühl‘ dich umarmt. Ganz doll.“, sagte sie plötzlich. „Du dich drei Mal so doll!“, erwiderte ich und lachte erleichtert mit Tränen in den Augen. Ich war ihr so unendlich dankbar, dass sie das ‚Problem‘ so elegant und schön gelöst hat. Wir saßen noch lange in unserem Lieblingscafé und haben darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, wenn man an eigene Grenzen kommt und das Gegenüber es nicht kompensieren kann. Wie es sich anfühlt Bedürfnisse zurück zu stecken, so zu tun als gäbe es sie nicht, sie zu verschweigen oder darüber traurig zu sein, dass es einfach nicht anders geht.

Da ist radikale Akzeptanz die einzige Lösung.

Aha, also muss man einfach alles verbalisieren und dann läuft der Hase? So scheint es, wenn man den oberen Textteil liest. Das echte Leben ist in den meisten Fällen leider viel komplexer, die Situationen verzwickter, die Schüchternheit überfällt einen unverhofft und will einfach nicht beiseite gehen. Was dann?

Das ist nicht nur in der Freundschaft ein Problem, sondern auch in der Liebe und Partnerschaft.

Zunächst sollten wir uns von der Vorstellung lösen, dass Nähe, Zuneigung oder Liebe nur durch körperliche Berührungen gezeigt werden kann.

Ich kenne Menschen, die fassen sich ganz viel an und trotzdem fühlen sie sich neben dieser Person einsam. Sie liegen neben einander, sie berühren sich auf unterschiedliche Art und Weise, und träumen dennoch von jemandem, der sie „sieht“. Sie träumen von der Nähe der besonderen Art.

Vielleicht helfen diese kleinen Tips, die ich mir einst zu Herzen genommen habe:

Präsenz: Sei da. Immer wenn du dich mit einer Person verabredest oder mit ihr telefonierst, sei präsent, sei im Jetzt. Das spüren die Menschen. Dadurch kann man sehr leicht die Nähe herstellen und das ist unabhängig vom Körper und Schüchternheit. Egal wie viel du zu tun hast, wische deinen Stress und deine „ToDo-Liste“ kurz beiseite. Alles andere ist unfair.

Aufmerksamkeit: Höre immer aufmerksam zu und stelle Fragen. Ja ja, das steht in jedem Knigge, aber nimmt das auch jeder wirklich ernst?! Es gibt nichts schlimmeres und unhöflicheres, als Unaufmerksamkeit. Wenn du mal nicht aufmerksam sein kannst, weil gerade zu viel los ist in deinem Leben, dann sag die Verabredung lieber ab. Das ist nicht so schlimm, als wenn du mit den Gedanken woanders bist, während deine Freunde oder dein Partner (oder so) dir etwas erzählen.

Augenkontakt: Auch das steht in jedem Knigge, ja. Schau hin, höre zu, nehme ernst. Die Menschen werden dich dafür sehr schätzen und lieben.

Gedanken: Es gibt Menschen, die werden jetzt laut auflachen und einige werden wissen, dass es stimmt. Wenn ihr schüchtern seid, oder die Arme nicht heben könnt, oder sonstige Gründe im Weg sind, dann traut euch zumindest den Gedanken zu haben: „Ich umarme dich. Und eigentlich würde ich dich gern küssen. Ach was, ich küsse dich!“ (Die Gedanken kennen keine Grenzen, man kann damit auch ohrfeigen, wenn es angebracht ist.)

Die Menschen spüren es. Sie (wir!) spüren alles. Man muss sich nur darauf einlassen zu senden und zu empfangen…

Zusammengefasst kann man auch sagen:

Wer mit den Augen lachen kann, der kann auch mit den Blicken küssen.

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
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