Lisa

Als Lisa in mein Leben trat, war ich mitten in einer Krise. Selbstfindung im höchsten Maße: Neuer Abschnitt im Beruf, neue Liebe, neue Lieblingsfarben und die Entdeckung der leichten Melancholie.

Lisa lachte immer. Dabei warf sie ihren Kopf nach hinten und zog ihre schmalen Schultern etwas hoch. Sie war meine neue Assistentin und ich war ihr erster Job nach einer schwierigen Zeit. Lisa war zu dem Zeitpunkt 28 Jahre alt und wunderschön. Sie überlebte Krebs und ich spürte ihre große Lust am Leben. „Anastasia, ich bin gestern einmal um die Alster gejoggt und war danach nicht aus der Puste! Yay, ich bin wieder da!“ Nichts konnte Lisa bremsen. GAR nichts.

Wir haben eine sehr intensive Zeit erlebt. Wir kochten, lachten, erzählten und immer wenn ich gestresst war, sagte Lisa: „Du, ich lasse mich nie wieder stressen. Es kann so schnell vorbei sein und dann fragt man sich, wozu war dieser Stress…?! Nö, das will ich nicht. Und du brauchst es auch nicht.“ Ich war fasziniert. Wie Recht sie hatte!

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man denken, wir seien Geschwister. Wir sahen uns ähnlich: Klein und zierlich, kurze dunkle Haare, große Brille, ähnlicher Kleidungsstil. Nur die Sommersprossen, um die ich sie sehr beneidete, die fehlten mir.

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An einem heißen Sommertag saßen wir auf meiner Terrasse, als Lisa aus dem Nichts sagte:

„Irgendetwas stimmt nicht. Ich habe komische Stellen unter der Haut. Morgen habe ich einen Arzttermin, aber ich glaube, es wird alles gut. Wollen wir uns die Fußnägel lackieren?“

Sie nahm einen goldenen Nagellack, ich den silbernen. Wir schwiegen, waren so sehr vertieft in unsere Gedanken, die wir nicht aussprechen wollten.

Wir haben uns nie wieder gesehen.

In den letzten Wochen muss ich vermehrt an Lisa denken. Wie cool sie war, wie sie gelacht hat. Sie hatte keine Angst vor dem Leben, im Gegenteil – sie bekam nicht genug davon. Sie liebte es ruhig zu sitzen, das Gesicht in die Sonne zu strecken und das Sein zu fühlen. Sie lächelte müde über gestresste Businessleute, über Zukunftsängste und Luxusprobleme. Sie freute sich auf ihren Neffen, der bald geboren werden sollte und sagte oft, dass ihre Schwester den besten Geschmack in Sachen „Hipstertum“ hatte. Sie träumte vom Reisen mit ihrem Freund und das Joggen um die Alster.

Ich stehe im Drogeriemarkt, denke an Lisa. Mir kommen die Tränen und ich greife nach einem Nagellack. Was hätte Lisa wohl jetzt gemacht? Sie hätte die Fußnägel lackiert.

Beitragsbild Nr.1: Anna Lena Ehlers
(Lisa ist die mit dem gelben Kopftuch. Daneben ist ihre damals schwangere Schwester.)

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
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