Leo, mein Held

 

Ein Mann packt mich doll an der Schulter und wirft mit einer kleinen Taschenlampe Lichtstrahl in die Pupillen. Meine Augen sind schwer, ich kann den Körper nicht kontrollieren. Nichts kann ich kontrollieren, bekomme keinen klaren Gedanken zustande. Die Realität ist dumpf, Schmerzen sind keine da, das Licht ist grell, ich will einfach meine Ruhe haben.

HEY!“, schreit er mich an. Ich schließe ignorant meine Augen und es wird vor meinem inneren Auge erneut schwarz.
Ist sie immer so?“, fragt er jemanden der hinter mir zu stehen scheint.
Nein. Sie ist sonst sehr klar.“, antwortet die Stimme hinter mir. Ob sie einem Mann oder einer Frau gehört, selbst das kann ich nicht unterscheiden.

Zwei Monate davor:

Kannst du mich mal umarmen, bitte?“, sage ich zu Leo.
Wie, jetzt? Einfach so?!“, lacht er. Diese Frage, reine Rhetorik. Denn Leo zögert keine Sekunde, längst steht er schon mit offenen Armen vor mir und umarmt mich innig, ehrlich, männlich.
Ich lache mit ihm und fühle mich in den fünf Sekunden in seinen Armen sehr wohl. Noch ahnen wir beide nicht, dass es vielleicht unsere letzte Umarmung sein wird. Noch denken wir gar nicht, wir sind in dem Moment und wollen dort erst einmal auch bleiben. Um uns herum standen über fünfzig Menschen, es war mein 29. Geburtstag. Ob uns jemand angeguckt hat? Ich weiß es nicht. Meine Augen waren geschlossen.

Leo ist wunderbar. Gut, das sagt zunächst nicht allzu viel über einen Menschen, aber es stimmt und ich meine es total ernst: Leo ist wunderbar!

Als ich Leo zum ersten Mal begegnet bin, war er einundzwanzig und ich siebenundzwanzig. Neben diesem „Jungen“, wie ich ihn immer nannte und manchmal noch, ganz heimlich, wenn er mich nicht hört, nenne, fühlte ich mich so richtig reif, weise, wie eine richtige Frau. Als hätte ich schon etwas verstanden, was ihm noch bevor steht. Er war zu dem Zeitpunkt in der Ausbildung zum Physiotherapeuten in der Weserbergland Klinik in Höxter, wo ich alle zwei Jahre zur Reha bin. Er war mein Physiotherapeut, ich war seine Übungspatientin. Quasi. Wir waren ein gutes therapeutisches Team, wir lachten viel, und er tat mir sehr gut.

Leo ist gefühlt doppelt so groß wie ich. 1,94 m, glaube ich. Blond, hübsch, vital und mit den Gedanken woanders, selten im Jetzt. Sein Kopf und sein Herz sind voll, er hört meist nicht wirklich zu und ist trotzdem auf eine besondere Art und Weise präsent, immer aufmerksam. Wahrscheinlich ist es einfach ein automatischer Filter in seinem Kopf, der schnell von ‚wichtig‘ und ‚unwichtig‘ unterscheiden kann. ‚Brauche ich für später‘ speichert er ab, alles Andere fliegt sofort wieder heraus, um sich selbst nicht noch mehr zu belasten. Nicht zu überlasten.

In unserer letzten gemeinsamen Therapiestunde fragte Leo:
Möchtest du tanzen?“ Er wusste, wie sehr mir das Tanzen wichtig ist, wie sehr ich Musik mag. Diese Frage – pure Rhetorik. Die Antwort las er in meinem Gesichtsausdruck ab und hob mich hoch, drehte mich und sich zu einer nicht hörbaren Musik im Raum.

Ich lachte, ich war sehr glücklich.

Das war einer meiner schönsten Momente in meinem Leben. Ja, diese Kleinigkeit, ja, diese Banalität flößte noch mehr Lebenswillen in mich hinein, und Leo war daran beteiligt. Ich bin mir sicher, das ist ihm noch immer gar nicht bewusst.
Übrigens hat Leo versprochen mich bald ins Meer zu tragen. Ich habe lange nicht mehr die Wellen gespürt. Wenn Leo da ist, fühle ich mich sicher.

Können Sie mich hören?“, sagt der fremde Mann zu mir.
Ja, klar!“, antworte ich, als wäre ich nie bewusstlos gewesen. Als wäre ich empört über diese Frage, über diesen Unterton der Unterschätzung.
Was für ein Glück!“, sagt der Notarzt. „Das war ganz schön knapp, wissen Sie das? Ihr Freund hat Sie wiederbelebt.“

Am 11. April 2016, vor genau einem Jahr, bin ich beinahe gestorben. Ich wäre fast erstickt.

Leo war bei mir. Leo hat mich gerettet.

Leo mag mich.
Und ich mag Leo.

***

Sicherlich merkt ihr, liebe Leser und Leserinnen, dass ich über das Thema ‚Nahtod‘ sehr distanziert schreibe, keine Details berichte. Es hat unterschiedliche Gründe.

Zum Einen möchte ich generell nicht alle meine Gedanken, Gefühle, Erlebnisse mit der breiten Öffentlichkeit teilen.
Zum Anderen… nun ja, ich bin mir sicher, das genau dieser kleine Ausschnitt aus meinem Leben das Eröffnungskapitel in meinem Buch sein wird. Vielleicht nicht im ersten, aber im zweiten.

Und, das ist mir nämlich auch wichtig, in diesem Text geht es nicht um ein intensives Erlebnis von mir, sondern mir geht es hier um Leo. Und nur um ihn. Er hat diese öffentlichen Worte der tiefsten Dankbarkeit verdient, ich möchte ihn besonders heute in die erste Reihe stellen und das Spotlight auf seine großartige Persönlichkeit richten und diese Worte sehr direkt an ihn richten (die er in ähnlicher Fassung schon vor euch bekommen hat):

Leo, ohne dich könnte ich heute nicht das Leben einatmen, jeden Atemzug genießen, es durch meine Zellen fließen lassen. Den ganzen Tag, bei jeder Handlung, denke und fühle ich das Wort „Danke!“. Ach, weil ich das Leben so mag. Ehrlich. So, so, so mag! Ich will mehr von meinem Leben und dass ich es mir nun nehmen darf, verdanke ich dir. Ich wiederhole mich, aber kann gar nicht anders: Danke.

Und nun: Ein bisschen vor Glück weinen, ein bisschen Kakao mit Sahne trinken, ein bisschen Notizen machen, Pläne für die Zukunft schmieden und dennoch auf Überraschungen des Lebens warten.

Ich weiß nicht wann das Leben endet, aber bis dahin… bis dahin will ich eine verdammt gute Zeit haben!

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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Lisa

5 Kommentare

  1. Liebe Ananstasia – ich mag „Deinen“ Leo – jeder sollte so einen lieben Leo an seiner Seite haben, im Leben!

    Mit dem Nahtod habe ich im Jahr 2011 (leider) auch so meine Erfahrungen machen müssen…..bis zu meinem schweren unverschuldeten Verkehrsunfall 1997 immer auf der „anderen Seite“ stehend, der rettenden Seite (als NAWist), wurde ich an diesem besagten Tag im Nov. 2011 von anderen Menschen gerettet…..und mir ist in dieser schweren Situtaion vermutlich das höhste Gut eines sterbenden Menschen zuteil geworden – ich habe während meiner Reanimation, während dieser unendlich langen Minuten im „Anders“….im „Ewig des Universums“ meinen Schutzengel sehen dürfen……ich spreche (schreibe) nicht oft darüber – aber wenn, mit aller Kraft meines kleinen Herzens…..denn diese Erfahrung war so anders, so unendlich schön…..so bewegend und nachhaltig……das mir jegliche Angst vor diesem einen besagten Moment, der uns allen ja eines Tages bevorsteht – genommen worden ist. Ich bin sehr dankbar – meinen Schutzengel, aber auch Deinem Leo – denn es ist gut, das DU lebst, liebe Anastasia! <3

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