Leben mit Assistenz – so generell.

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„Wie flirtet ein Leprakranker?“, sagte sie, und kann vor Lachen kaum sprechen. Ich kann vor Lachen nicht raten und zeige mit den Händen, dass ich keine Ahnung habe. „Er wirft ein Auge auf sie!!!“, löst sie auf und wir beide kriegen uns vor Lachen nicht ein. Ein Witz nach dem nächsten folgt, die Augen tränen, der Bauch schmerzt.
Dann klingelt mein Telefon. An der Nummer erkenne ich, dass es ein langes Gespräch sein wird und das Lachen ist aus meinem Gesicht verschwunden. Ich sage: „Machst du mal bitte die Tür zu?“, und erkläre nicht warum. Das muss sie nicht wissen, auch nicht wer anruft.

Es ist nicht einfach eine persönliche Assistentin zu sein.

Stell dir vor, deine Schicht beginnt um eine Uhrzeit, die der Arbeitgeber bestimmt. (So weit, so gut – das ist üblich.) Deine Schicht geht ca. 12 bis 24 Stunden, und in diesen Stunden bist du lediglich für deinen Arbeitgeber und dessen Bedürfnisse zuständig. Bei deiner Ankunft am Arbeitsplatz weißt du nur selten, was dich in diesen Stunden erwartet: Bleibt dein Arbeitgeber Zuhause oder geht er die ganze Nacht feiern? Hat der Arbeitgeber heute gute oder schlechte Laune? Deine Laune – egal, ob gut oder schlecht – zählt an diesem Tag kaum; du musst dich anpassen können. Wenn du müde bist oder Liebeskummer hast, dein Arbeitgeber aber Freunde zu Besuch hat, die er bekochen möchte, dann musst du ihm deine Hände zur Verfügung stellen und seine Anweisungen ausführen. Oft führt dein Arbeitgeber Gespräche, nimmt an spannenden Diskussionen und Veranstaltungen teil, bei denen du am Liebsten mitmischen und deine Meinung sagen würdest, aber es ist bei dieser Art der Arbeit nicht erwünscht. Deine Meinung ist nicht gefragt, denn du bist „Hand und Fuß“, der Schatten und quasi „nicht da“. Morgen, wenn du nach Hause gehst, wird dein Arbeitgeber kein Teil deiner Privatsphäre sein, kein Bestandteil deines Lebens – lediglich dein Job.


Es ist nicht einfach ein Arbeitgeber zu sein.

Heute ist ein ganz schlechter Tag. Ich bin müde, ich habe schlecht geschlafen und würde am Liebsten im Bett bleiben. Ich fühle mich hässlich. Ich könnte aber auch laut Musik aufdrehen, nackt durch die Wohnung tanzen und mir beim Zähneputzen die Beine rasieren, während ich im Kochbuch blättere und gleichzeitig einen Porno angucke.
Nein, das passt grad nicht so. Es ist kurz vor voll und gleich ist Schichtwechsel. Die heutige Assistentin ist toll, offen, wir verstehen uns wunderbar! Wir freuen uns beide jedes Mal sehr auf ein Wiedersehen, und quatschen wie Freundinnen über Dies und Jenes. Aber heute will ich allein sein, niemanden sehen und schon gar nicht von jemandem angefasst werden. Morgen wird es mir bestimmt besser gehen, aber morgen ist die eher ruhigere Assistentin da… Und überhaupt ist das alles nicht einfach: Ich muss ständig JEDE Kleinigkeit kommunizieren. Sei es, welches Glas ich möchte oder welchen Kugelschreiber. Ich muss genau formulieren können, wie ich die Wäsche waschen möchte und auf welche Art und Weise der Herd geputzt werden soll. Und neben den obenerwähnten Sachen, muss ich auch noch den üblichen Pflichten eines Arbeitgebers nachkommen: Pläne erstellen und das Geld pünktlich zahlen. Na, wenn sonst nichts ist! Aber irgendwas ist ja immer.

…ich will es nicht missen!

Obwohl ich oben einen eher negative Stimmung beschrieben habe, assoziiere ich die Assistenz mit dem Begriff „Freiheit“. Sei ich die Assistenz habe, gibt es für mich keine Grenzen. Absolut keine! Ich reise, ich gehe aus, ich führe mein Haushalt nach meinen Gewohnheiten und lebe. Ja, alles ganz „normal“, beinahe langweilig mein Leben.

Und wenn ich an all‘ die Menschen denke, die mir gerade durch meine Situation und ‚Abhängigkeit‘ von der Assistenz über den Weg gelaufen und ans Herz gewachsen sind… Dann finde ich die negativen Argumente dagegen lächerlich. Niemals möchte ich es missen, meine lieben Assistentinnen zu haben.

Danke. An alle.

 

Foto: Nikolai Wolff 

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
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