Langsam langsamer

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie einfach so anspreche…“, stammelt der Mann um die sechzig. „Ich beobachte Sie nun schon seit zwei Stunden. Ich bin hier mehrere Runden im Park mit dem Rad gefahren. Und immer wieder begegnen Sie mir. Und da habe ich gedacht, ich sage es Ihnen einfach.“ – er holt tief Luft, lächelt etwas schüchtern – „Sie sehen so, so, so glücklich aus! So ausgeglichen und ruhig. Als hätten Sie Ihren Frieden gefunden, als könne Sie nichts durcheinander bringen.“, er beugt sich zu mir runter und senkt seine sowieso schon tiefe Stimme und zwinkert mir vielsagend zu. „Sagen Sie, was machen Sie dafür? Meditieren Sie oder schlafen Sie einfach genug?“ 

Ich schaue von meinem Buch hoch (aktuell: „Entdeckung der Langsamkeit“) und blinzle etwas gegen die Sonne. Einen kurzen Moment weiß ich nicht was ich sagen soll. Ich bin verwirrt. Damit habe ich nicht gerechnet.
„Oh…“, der erste Versuch einen sinnvollen Satz zu beginnen ist schon mal gescheitert. „Vielen Dank!“.
Ich fühle mich geschmeichelt, aber gleichzeitig auch beschämt. Wie kann ich gerade so ausgeglichen wirken, während in mir der pure Krieg um die Kreativität und die lähmende Lethargie gegeneinander toben? Während ich gar nicht mehr weiß wohin mit meinen Gedanken, Ideen und naja, Erlebnissen? Ich bin es leid ständig alles auf ‚darum kümmere ich mich morgen‘ zu verschieben.
„Ich sitze im Park herum und lese. So lange bis ich nicht mehr kann. Und dann gehe ich nach Hause und esse etwas wonach mir ist. Manchmal lasse ich mich aber gern anquatschen und philosophiere dann über das Glück und all sowas.“ Ich lächle den nette älteren Herren an und beginne ein Gespräch mit ihm. Zu gerne möchte ich verstehen, wie es zu seiner Wahrnehmung über mich kommen konnte – und was er unter ‚Glück‘ versteht interessiert mich auch.

Je mehr ich zur Ruhe komme, je mehr Zeit ich habe, desto mehr Bilder aus meiner Kindheit und Jugend ploppen auf. Geschichten – meine Geschichte – die ich vor lauter Rennen zum Erfolg ganz verdrängt hatte.
Zum Beispiel erinnere ich mich an das Lachen einer Lehrerin in der Schule, als ich im Unterricht kundtat, dass ich ja irgendwann groß sein werde, also im Sinne von erwachsen, selbstständig, cool, vielleicht sogar hübsch. Ich träumte von einer eigenen Wohnung, einem Auto, einem vollen Terminkalender und schönen Männern, die mich in der Bar ansprechen – weil sie mich schön finden, weil sie mich wieder sehen wollen. Mädchenfantasien halt. Darf man ja wohl haben.
Sie lachte. Sie lachte aus vollem Halse, ich glaube, sie hatte sogar Tränen in den Augen vor Lachen. Weil die anderen die Situation nicht einschätzen konnten, lachten sie auch. Und so saß ich im Kreis von zwölf (überwiegend lern-)behinderten Kindern und der Sonderpädagogin und wurde herzlich für meine Träume ausgelacht.

Heute schmunzle ich über sie und ihre Naivität. Ihre Annahme, ich würde es doch tatsächlich niemals zu etwas bringen und – ich bitte doch – eine eigene Wohnung? Erfolg? Ideen, die sogar Anklang finden?

Ja. Naja. Lassen wir das.

Warum mir ausgerechnet diese Geschichte so sehr im Gedächtnis geblieben ist, weiß ich gar nicht. Es gab nämlich unzählige von solchen ähnlichen Erlebnissen.
Jedenfalls muss ich vermehrt an meine Schulzeit denken, an meine Jugend, in der ich jeden Abend weinend ins Bett gegangen bin. Ich dachte, es wird nie besser, ich dachte, es wäre besser zu sterben als so zu leben; so unbeliebt, so ausgelacht, so abhängig und schwach. Welche Kraft hat mich eigentlich durch diese Zeit gebracht?
„Es ist doch alles vorbei. Jetzt sind die guten Zeiten da.“, beruhige ich mich selbst und frage mich, ob das Glück eine Momentaufnahme ist oder ein Dauerzustand sein sollte. Ich meine, worum geht es? Um Kreativität, um Anerkennung, um die begehrte Selbstverwirklichung?

Vielleicht geht es auch einfach um die Liebe. Die Selbstliebe.

Ich gewöhnte mich an das Ausgelachtwerden. Noch immer werde ich oft für meine Ideen und Ziele belächelt. Macht nichts. Inzwischen kann ich damit umgehen und bin eher verwirrt, wenn so gar keine Gegenstimmen kommen. Dann sind meine Ideen zu seicht, zu massentauglich. Oder? Ach Herrje.

Neulich sagte mir eine Freundin geradeaus ins Gesicht, dass ich mir das Leben oft selbst sehr schwer mache. Jedenfalls schwerer, als es wirklich sein müsste. Findet sie. Weil ich hatte doch schon etwas geschaffen, woran ich mich hätte halten können, was ich hätte weiter ausbauen können.
Kann sein. Was hätte ich mehr darauf sagen sollen? Sollte ich kurzatmig nach Argumenten suchen, warum ich es nicht finde, warum ich meinen Weg gerade für mehr als richtig und wichtig halte? Dass ich noch lange nicht fertig bin, dass ich noch sehr – wirklich sehr! – viele Sachen zu sagen habe und gerade nach einem richtigen Ton dafür suche?
Nein, das mache ich nicht. Ich nippte an meinem Tee und nickte zustimmend. Sollen doch alle denken was sie wollen.

Ja, schon möglich, dass ich manchmal hart zu mir oder zu meiner Umwelt bin. Es ist schon möglich, dass ich manchmal vor lauter Tauben auf dem Dach…
Nee, wobei das stimmt nun auch nicht. Den Spatz in der Hand bemerke ich durchaus, und ich genieße es den kleinen Vogelkörper zu halten, mich daran zu wärmen. Es genügt nur auf Dauer nicht.

Ich bin müde. Von allem was war. Von dem Gehetze, von den vollen Terminkalendern, von der Oberflächlichkeit und dem Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Von der Unruhe, den fast erreichten Zielen, den nur knapp verpassten Möglichkeiten. Ich hole nur tief Luft, erhole mich und sammle Kraft für den weiteren Abschnitt.
Ich sehe schon das Licht am Ende des Tunnels. Es könnte nah sein, die Lösung. Vielleicht ist es aber auch ein einfahrender Zug. Das weiß man halt nie.

In den Wochen der Ruhe und des In-sich-gehens sortiere ich meine Schubladen, meine Gedanken und auch meine Gefühle. Ich schreibe Listen mit Sachen die ich so nicht mehr tun will, muss und auch nicht mehr tun werde. Ich kürze To-Do-Listen und schreibe auf, welche Cafés ist meiner kleinen Schwester im Sommer zeigen möchte. Ich buche spontan Flüge in die Ferne, ich flaniere durch den Stadtpark und ich lese viel. Ich spreche wenig. Ich beobachte noch mehr.

Manchmal tanze ich zu diesem Lied, wenn ich allein bin:

Und ich muss gestehen, dass mich die Perfektion der Filterblase der Social-Media-User zunehmend ankotzt. Instagram, Facebook, Twitter. Alle haben irgendwie das Leben besser im Griff, außer man selbst. Und überhaupt brauchen wir mehr Aktivismus! Mehr Menschen die die Welt verändern wollen – oder sagen wir mal – ihren Senf im Internet verbreiten, ohne Geschmack, ohne Wahrhaftigkeit.

Im Internet ‚hui‘, und in der Realität ‚pfui‘.
Verlogen. Nicht alle, aber manche. Ich mag das nicht.

Entschuldigung, ich wollte das Thema eigentlich gar nicht anschneiden. Es geht mich ja auch alles gar nichts an.

Falls ihr euch fragt, was ich gerade tue, so kann ich inzwischen ehrlich und schamlos sagen: Nichts. Ich warte darauf, dass der Groschen fällt oder die Erkenntnis, dass er nicht mehr fallen wird. Ich warte auf Ereignisse, Zeichen des Lebens, damit ich damit weiter arbeiten kann. Denn ich will. Ich bin reich an Ideen, Inspirationen und auch Lust etwas kreatives, innovatives, verrücktes zu starten! In meinem Kopf gibt es viele Bilder. Unfassbar viele Geschichten, Worte, die sich gegenseitig gut stehen und sich ergänzen.

Aber gleichzeitig ist da auch diese Sehnsucht nach Stille. Nach Stille, um meine eigene Stimme lauter hören zu können, um besser zu spüren. Auch, und das ist nicht gelogen oder übertrieben: Um das alles Erlebte zu verarbeiten. Endlich.
Grundsätzlich geht es mir gut. So richtig gut! Wahrscheinlich sind meine Texte in letzter Zeit etwas voll von Traurigkeit und kleinen Verwirrungen, aber das liegt ausschließlich an meinem Veränderungsprozess. Ich bin noch immer eine der glücklichsten Frauen in diesem Land – glaube ich. Glaubt mir!

Aber ich brauche noch Zeit. Ich möchte nicht erneut etwas überstürzen, mich in Ideen und Wahnsinn stürzen, nur um dann meine eigentliche Leidenschaft wieder zu vernachlässigen. Ihr wisst was ich meine, oder? Meine wahre Leidenschaft ist das Schreiben. Und zwar keine Postkarten oder Liebesbriefe, sondern Geschichten. Meine Geschichte, aber auch die Geschichten der Anderen. Ich höre gern zu, ich schweige dabei aufmerksam. Ich notiere nie, ich spüre und behalte.

Es gibt nichts Schöneres.

***

Ich wurde aus dem Nichts – von wem weiß ich leider nicht – für den Emotion-Award nominiert. Als ich davon erfahren habe, klopfte mein kleines Herz doll und ich heulte fast vor Freude los. Weil… ich meine, im Moment fühle ich mich nicht gerade wie jemand, der für einen Award nominiert werden würde. Aber doch, irgendjemand findet, dass ich mich in die Reihe von diesen tollen Frauen stellen darf. Danke!!!

Ich mache es kurz: Den Preis bekommen diejenigen, die am meisten Klicks auf das Herz neben ihrem Namen bekommen.
Wenn du meine Texte magst und ich als Person bin dir nicht unsympathisch – dann klick doch drauf. Vielleicht klappt es ja.

Hier geht es zum Voting („Frau der Stunde“) – nur noch bis zum 14. Mai:

http://bit.ly/2oVV4Aw

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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2 Kommentare

  1. Liebe Anastasia,
    Deine Art zu schreiben ist einfach fantastisch! Ich ertappe mich so oft dabei, dass ich andere Artikel zu lesen beginne und nach kurzer Zeit den Faden verliere, gedanklich abschweife und es letztlich ganz lasse.Du schaffst es, mich vom ersten bis zum letzten Wort festzuhalten.
    Abgesehen von Deiner lebendigen, persönlichen Schreibweise, gibt es noch zwei weitere Gründe, die mich fesseln.
    Durch Dich lerne ich, meine Tochter (11 Jahre, Typ 2)besser zu verstehen. Obwohl wir oftmals wie eine Einheit erscheinen, gibt es, natürlich!!, so viele Bereiche, die mir als „Normalo“ (so nennen wir die „Anderen“ 😉 verschlossen bleiben, weil ich eben nicht in ihrem Körper stecke. Gleichsam hält Du mir den Spiegel vor, wenn Du, wie in diesem Artikel, beschreibst, wie quälend es sein kann, den Kopf voll zu haben und dennoch oft in Leere zu treten, weil der erste wichtige Schritt in eine neue Richtung nicht gelingen will.
    Ich habe mir schon so oft vorgenommen, Dir zu schreiben, es immer wieder verworfen. Nun war es mir wichtig, Dir ein paar Zeilen zu schicken und Dir damit meine Achtung und Sympathie zu zeigen.
    Danke!!!

    1. Liebe Gabriele, ich danke dir sehr für deine Worte – die mir gut tun, mich ermuntern weiterzumachen. Schreiben war schon immer das was ich wollte und ich habe viele Geschichten im Kopf und auch im Herzen. Ich hoffe, dir gefallen weiterhin meine Texte und sind eine kleine Inspiration für dich – und auch deine kleine Tochter. Die Pubertät wird furchtbar! 🙂 Aber vielleicht auch nicht.
      Liebste Grüße!

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