In den Dämmerungen von Las Palmas

Ich kann nicht glauben, dass der Urlaub schon fast vier Wochen her ist. Manchmal fühlen sich schöne Erlebnisse so weit weg an, während die Negativen das Ruder des Alltages und der Gedanken übernehmen.

Ich selbst schaue tatenlos zu, als hätte ich mir auf Empfehlung hin ein Kinoticket für eine schlechte melodramatische Liebesgeschichte gekauft und traue mich nicht den Kinosaal mitten in der Filmvorstellung zu verlassen. Es ist dunkel, der Saal ist voll und obwohl mich keiner im Blick hat, so wird jeder einmal den Blick auf die Tür werfen, zu der ich hinausgehe, weil das Licht, das grelle Licht, wird alle auch wenn nur kurz von dem Bildschirm der schlechten Bilder ablenken und zeigen, dass hinter der schweren Tür eine andere Welt, eine schönere vielleicht, sich verbirgt. Ich bleibe sitzen, ich harre aus, bis der Abspann kommt. Erleichtert werde ich dann meine Jacke überwerfen und zum Ausgang stürzen, froh sein, dass es nur ein schlechter Film war. Bis dahin esse ich Popcorn, das ich eigentlich nicht mag. Und das eigentlich nur, um keine Blicke auf mich zu lenken, weil ich mich nicht in die weite Welt hinaus traue.

„Ist ja gleich vorbei.“, denke ich und schaue nach rechts zu meinem Sitznachbarn rüber, den ich nicht kenne, aber irgendwie interessant finde. Er erinnert mich an das Gefühl, das ich in den kleinen Seitenstraßen in Las Palmas hatte.

Wir, meine Assistentin Ewgenia, die ich seit der Reise nur noch „Ewgenie“ (französisch ausgesprochen) nenne, und ich sitzen in einer Hotellobby und essen Knäckebrot. Es ist Heiligabend, die Straßen sind leer, es ist windig in Las Palmas. An Weihnachten erinnert nur der geschmückte Weihnachtsbaum im Foyer und die festlichen Bilder meiner Freunde auf Instagram. Aus Versehen sind wir im falschen Hotel abgesetzt worden und warten nun, dass das Taxi wieder kommt und uns 5km weiterfährt.

„Irgendwo müssen wir noch an Essen kommen.“, sagt Ewgenie, die sich schon erkundigt und erfahren hat, dass heute Abend alle Restaurants geschlossen haben. Ab morgen dann sei wieder alles normal.

„Wir haben noch Kekse. Und Nüsse.“, sage ich müde. Wir zucken beide mit den Schultern, wissend, dass es schon irgendwie alles klappen wird. Wie immer halt.

(Wir haben später tatsächlich bei Mc Donalds etwas holen müssen, weil die Straßen leer waren und kein einziger Laden offen hatte. Gegen zehn Uhr abends lagen wir im Bett und nuschelten etwas von „Frohe Weihnachten!“)

Am Liebsten mochte ich Las Palmas wenn es dämmerte und anschließend dunkel wurde. Die Stadt war tagsüber nicht unbedingt laut, aber doch unruhig und oft verdammt windig! Ich saß fast täglich in meiner Lieblingslederjacke in einem der zahlreichen Cafés und trank einen Cappuccino. Vor mir lagen täglich einige ungeschriebene Postkarten, die ich noch unbedingt vor der Abreise nach Hamburg an meine Freunde abschicken wollte, aber ich war viel zu abgelenkt, viel zu sehr im Leben: Ich beobachtete die flanierenden Menschen, versuchte einzuschätzen, ob es Touristen oder Einheimische waren; ich flirtete mit den Kellnern und lernte, dass ‚Strohhalm‘, eins der wichtigsten Worte für mich, ‚Pajita‘ (pachita ausgesprochen) auf Spanisch heißt.

Am Abend, wenn es dunkel wurde, hielt ich mich meistens in der Altstadt auf. Dort gibt es viele Restaurants und Bars, einige davon sehr barrierefrei – und wenn nicht, in Las Palmas findet das Leben draußen statt. Ich fühlte mich so richtig Zuhause, wohl, frei… Die Stadt gab mir die Möglichkeit und viele Gelegenheiten meinem Körper und der Seele sich zu erholen.

Vielleicht auch, weil sie wusste, dass in nur wenigen Tagen alles auf dem Kopf stehen wird.

Wer hätte schon gedacht, dass Ewgenie und ich uns auf einer neuen Ebene, einer tieferen, kennen lernen und mögen werden? Ich erinnere mich noch an den Abend, an dem wir in einen Live-Jazz-Club gehen wollten und aus Versehen in einem Kindertheater landeten… und so standen wir in einer der Straßen von Las Palmas, lachten laut, und zogen in eine Bar, in der es endlich guten Rotwein gab – was wirklich gar nicht so einfach zu finden war. Generell lachen wir viel, Ewgenie und ich. Und manchmal, wenn es mal wieder nötig ist, dann weinten wir schon mal zusammen die ganze Nacht… bis einer von uns eingeschlafen ist.

„Komm, wir gehen heute mal den Weg nach rechts!“, sagte Ewgenie begeistert. Sie war meine Stadtführerin, ich hasse es Karten zu lesen, ich hasse es im Urlaub (auch noch!) Ausflüge zu organisieren… Sie mag das und deshalb haben wir uns besonders gut ergänzt.
„Ouh ja…!“, ich klang nicht ganz so begeistert, weil ich an dem Tag müde war, aber bog fix nach rechts ab. Zu neugierig war ich, was sich wohl auf dieser Seite der Stadt befinden wird.

Vor einem Gemüseladen, der mich aufgrund einer Stufe draußen hat stehen lassen, begegnete mir Humberto, ein einheimischer Taxifahrer mit Sinn für ‚außergewöhnliche Begegnungen‘, wie er selbst sagte. Wir quatschten über Hamburg, über die Reeperbahn und über Las Palmas.
Als wir uns drei Abende in Folge begegnet sind, beschlossen wir gemeinsam etwas trinken zu gehen. Humberto trank einen Espresso (um neun Uhr abends!) und ich (natürlich) einen Rotwein.

Wir unterhielten uns über den Lauf der Dinge, über den Fluss des Lebens… über Begegnungen und Trennungen, über Seelenverwandschaft und die Magie des Moments.
Am Ende des Abends sagte er: „Egal was kommt… egal wer kommt und geht, achte auf deine innere Ruhe und dein Glück. Keep walking. Das ist der Fluss des Daseins!“

Inspiriert von ihm und der Begegnung fühle ich mich noch immer gestärkt das Jahr 2017 neu anzugehen.

Ich möchte mehr meiner Intuition folgen und mir erlauben glücklich zu sein. Ich habe gar keinen großen Ziele, wie ich sie sonst zu haben schien, außer dem einen und das ist authentisch sein. Den Moment noch intensiver spüren als sowieso schon und diesen auskosten, bis er nichts mehr zu geben hat und ich voller Energie des Erlebten weiterziehe – und Andere an meiner gewonnen Energie teilhaben lasse.

Im Moment nehme ich viel Abschied… Von anderStark, inkluWAS, von Menschen, die mir viel bedeuten, die aber nicht mit mir sein wollen. Von Freundschaften, die keine sind und von Gegenständen, die mir die Luft nehmen.

Gleichzeitig öffne ich mich für Neues, was mich stärkt und weiter bringt. Für Menschen, die mich in meinem Kern erkennen und Ideen, die ich schon immer umsetzen wollte und dafür nie die Zeit hatte.

Insofern bleibt alles wie immer: Keep walking!

Und vergesst nicht zu atmen.

***

Weil ich weiß, wie schwierig manchmal die Suche nach den Unterkünften ist und man als RollstuhlfahrerIn auch sonst immer dankbar über Tips ist, fasse ich hier mal paar Sachen zusammen. (Ich bin mit einem elektr. Rollstuhl + Assistenz gereist.)

Fluggesellschaften: Condor + Eurowings

Taxi-Unternehmen (+Hilfsmittelverleih): Sol Mobility

Hotel: AC Iberia Las Palmas 

Lieblingsausgehviertel: Die Altstadt

Entdeckung und Must-Seen-Empfehlung: Das wunderbare Restaurant „Los Botes“, direkt am Meer und frischem Fisch. SO gut!

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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