Herr Müller über die Liebe – Rehatagebuch No.4

„Herr Müller…? Wir kennen uns, oder?“

Ich konnte es kaum glauben. Neben mir saß wieder er, der älterer Mann mit schneeweißem Haar und dem schönen Lächeln, der mir schon vor zwei Jahren hier begegnet ist. Genau hier: Die selbe Bank in dem Wartebereich vor der Ergotherapie.

„Ja!“, seine Augen strahlten. „Wir kennen uns. Wie schön dich zu sehen!“

Mein Herz klopfte ein kleines bisschen. Ich hatte noch so viele Fragen an Herrn Müller, die ich vor zwei Jahren nicht stellen konnte, weil die Zeit davon lief.

Ja, die Zeit… Die rennt hier besonders schnell. Menschen kommen und gehen, manche sind mürrisch, manche glücklich. Manche bleiben im Gedächtnis, manche im Herzen.

Gestern ist hier ein Paar angereist. Wer genau von denen der Rehabilitand ist, kann man nicht genau sagen, es könnten beide sein. Er fährt mit dem Rollator durch die Gegend, sie humpelt hinterher. Sie sind wunderbar miteinander: Während er mit norddeutschem Dialekt blöde Sprüche klopft, kichert sie und sagt ohne Vorwurf „Ach, hör doch auf!“ und legt dabei ihre alte, schon etwas verschrumpelte Hand auf seinen einst starken Oberarm. Sie sind immer noch wunderschön irgendwie.

„Was ist das Geheimnis ihrer Liebe?“, fragte meine Assistentin die Beiden, als wir sie zufällig im Foyer getroffen haben.

„Durchhalten! Zu einander stehen!“, antwortete er schnell und laut. Sehr entschlossen.

„Manchmal ist das Wasser tief, da muss man gemeinsam durch…“, sagte sie fast schüchtern hinterher und lächelte ihn dabei verliebt an.

Hach ja… da läuft einem doch das Wasser im Herzen zusammen.

„Ich hatte viele Freundinnen in der Jugend. Ich war nie böse oder unfair zu den Frauen! Aber ich habe auch keine Chance ausgelassen. Wichtig ist doch, dass die Chemie passt, dass man zusammen lachen kann. Ich hatte nie Angst! Weder beruflich noch in der Liebe.“, erzählt Herr Müller in der Runde. Alle hängen bewundernd an seinen Lippen. Jeder will so sein wie er.

Hier werden viele Geschichten erzählt. Meistens geht es – leider – um die Diagnosen, die Therapien und überhaupt das Negative. Ich höre zu, schweige, und im richtigen Moment stelle ich die richtigen Fragen. „Wie war es denn damals? Was beschäftigte dich – als dein Kopf noch frei von den Krankheiten war?“ Und dann wird es interessant. Nicht immer schön und dennoch nicht hoffnungslos.

Wie bei „Oma Tina“, die eine wunderschöne korallfarbene Strickjacke trägt und ihr dünnes weißes Haar mit einem Spängchen an der rechten Seite befestigt hat. In ihren Augen sehe ich die Jugend und den leichten Wahnsinn, das mag ich besonders an ihr.

„Ich habe ihn gesehen und ich wusste, dass er das ist. Ich war 16 und er 36, aber das war mir so was von egal! Klar haben Freunde gefragt, was ich mit dem alten Knacker will, aber ich war einfach verliebt. Dagegen kommt man ja nicht so einfach an! Und dann, als er viele Jahre später einen Schlaganfall hatte, war ich so böse und müde… Da habe ich in der Wut gesagt: ‚Ich will nicht mit einem Krüppel zusammen sein!‘ und dann hat er sich selbst umgebracht.“

Ihre Stimme bebt und sie kann ihre Tränen nicht mehr halten. Ich höre ihr mit einem Kloß im Hals zu.

„Und dann ist unser Sohn gestorben. Dann war’s vorbei, ich wollte nicht mehr. Ich konnte auch nicht mehr! Aber zwanzig Schlaftabletten haben nicht gewirkt, ich habe überlebt. Ja, und nun sitze ich hier und erzähle dir meine Geschichte.“

Jetzt sind meine Augen mit Tränen gefüllt und ich muss ganz schnell blinzeln, damit ich nicht losweine. Ich versuche den immer größer werdenden Kloß zu schlucken, aber der ist hartnäckig.

„Gott, wie ich ihn geliebt habe… Nein, ich liebe ihn immer noch!“, sagt sie leise und fügt noch hinzu: „Liebst du auch jemanden?“

Ich kam nicht dazu ihr zu antworten, meine Therapeutin hat gerufen.

Seit dem ich hier bin, denke ich viel nach. So über Dies und Das. Und manchmal über die Liebe.

„Och, das Alter spielt bei der Liebe keine Rolle… Meine Freundinnen waren immer jünger. Zwischen uns stimmt doch die Chemie, da sehe ich keine Hindernisse.“, sagt Herr Müller in meine Richtung und lacht. „Mutig muss man sein, um das Glück zu erleben.“

Ich würde ihm am liebsten durch das Haar streicheln, weil ich diesen alten Mann, der mich über die wahre Liebe aufgeklärt hat, wirklich mag. Aber ich traue mich nicht.

Tja, mutig sollte man mal sein. Dann klappt es auch mit der Liebe.

Foto: svz.de

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
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