Gourmet-Wahnsinn / Rehatagebuch No. 3

„Ich kann nicht essen, wenn der Mann mir gegenüber sitzt!“, sagt hier ein Patient, der nicht wie ein Patient aussieht, weil er körperlich allen überlegen ist und dennoch eine – unsichtbare – Einschränkung hat. „Gestern zog er so sehr an den Spagetti, dass die Soße auf mein Hemd und meine Brille spritzte – das ist doch nicht zumutbar! Oder?“
Abgesehen davon, dass ich Spagetti in einer Reha-Klinik unzumutbar und nicht durchdacht finde, stimme ich ihm zu – das ist nicht zumutbar und doch hat er keine andere Wahl, als später zum Essen zu gehen, wenn alle schon weg sind.

Inzwischen ist der alte Mann abgereist, dafür sitzt da jetzt jemand, der allen Damen am Tisch anzügliche Angebote macht: „Wollen wir ’nen Dreier machen? Morgen ist meine Frau da, sie ist erst 76!“ Die Damen werden rot, beschweren sich und sind empört über so viel Unverschämtheit. Ich finde es fast schon mutig von dem alten Mann, sage es aber nicht zu laut, möchte niemandem zu nahe treten. Immer was los hier!

Menschen, die kaum noch laufen (meistens Senioren oder Muskelkranke), die manchmal nicht deutlich kommunizieren oder essen können (meistens aufgrund des Schlaganfalls), große und kleine Rollstühle, gepflegte und stinkende Menschen. Alle sind sie hier. Und sie alle müssen irgendwie miteinander auskommen, insbesondere beim Essen.

Es kann Horizont erweiternd sein, muss es aber nicht. Wir sitzen alle im selben Boot des schlechten, zerkochten, ungewürzten Essens.

Es gibt hier einen großen Essenssaal, in dem man sich die Sitzplätze nicht frei nach Sympathie oder sonstigen Faktoren aussuchen kann. An den nummerierten langen Tischen sitzen sechs Patienten, die sehr unterschiedlich sind – manchmal zu unterschiedlich. Sie alle werden vom Personal zugewiesen und wenn es doch nicht passen sollte, ist es dann ja doch etwas peinlich den Platz zu wechseln. Umsetzen? Nee, das macht man nicht. „Geht schon irgendwie.“, sagen sie und quälen sich manchmal durch die Frühstücks-, Mittags- und Abendessenszeiten durch. Schweigend. Schnell essend. Blickkontakt meidend.

Ich schweige sowieso gern beim Essen und nutze die Zeit, um alle in meinem Sichtfeld zu beobachten.

Am Tisch direkt neben dem Buffet passt die Chemie absolut nicht.

Ein älterer Herr sitzt da, er ist ganz nett. Weil er sich mit niemandem unterhalten mag, isst er schweigend und guckt dann durch die Gegend. Viel kann er allerdings nicht sehen, weil vor ihm eine Säule ist. Ihm gegenüber sitzt eine redselige Frau im Rollstuhl, die immer und immer wieder versucht ein Gespräch mit ihm einzugehen, aber bisher erfolglos.
„Hallo!“
„Hallo.“
„Guten Apettit!“
„Danke. Ebenfalls.“
Inzwischen hat sie aufgegeben.

Neben ihr sitzt eine ältere Dame, so um die neunzig, die immer vier bis sieben Mal Anlauf nehmen muss, um vom Stuhl aufzustehen. „Haaaaau… Ruck!“, fiebere ich jedes Mal mit. Während ich sie beobachte, zähle ich ihre Aufstehversuche und seit gestern, nach einer Woche, schlägt die Therapie an – sie kommt bei jeder Mahlzeit schneller hoch. Schade, dass es ihre Therapeuten nicht mitbekommen. Wobei ich zweifle, dass so kleine Erfolge hier jemanden interessieren…

An unserem Tisch „No.16“ wird viel gelacht. Ich habe Glück gehabt! Wir sind fünf Frauen, die gut miteinander auskommen, die sich viel zu erzählen haben, es aber nicht müssen, wenn jemand schweigen mag.

Gestern ist ein Mann dazu gekommen. Er sieht recht sportlich aus, trägt eine Glatze und hat einen grauen Bart. Ah, und schicke Sportschuhe trägt er! (Man achtet ja auch wirklich auf die Details…). Warum er hier ist, weiß ich nicht und es ist mir auch irgendwie egal.

„Warum liegt denn seine Namenskarte woanders?“, fragt Sabine, eine meiner Tischgefährtinnen.
„Wahrscheinlich findet er uns doof.“, antworte ich trocken, schulterzuckend. Mir kann es egal sein, ich nehme so etwas nicht persönlich.
„Ja, glaub‘ ich auch.“, bestätigt die Katha und wir sind uns alle einig, dass der Neue uns nicht mag.
„Wir dachten, wir setzen ihn an einen Männertisch, damit er mehr Gesprächspartner hat.“, sagt die Servicedame und meint wahrscheinlich, dass wir ja ständig lachen und er lächelt, aber schweigt. Er schweigt, weil er (noch) nicht gut sprechen kann, aber das ahnt man ja hier auch nicht. Mit Händen und Füßen machte er deutlich, dass er sich mit uns wohl fühlt und bei uns bleiben will. Hochsympathisch!

„Dürften wir uns umsetzen?“, fragt Carsten, ein Mann mit auffälligem grauen Lockenkopf.
„Nein.“, antwortet man ihm. Warum erklärt keiner. Das lässt er nicht auf sich sitzen, das wird ausdiskutiert. Bis einer weint.

Generell beschleicht mich hier oft das Gefühl, dass wir in einem katholischem Schullandheim sind: Frauen zu Frauen, Männern mit Männern, kein Spaß, kein Alkohol. Wo kommen wir denn da hin? Gut, dass hier viele wahnsinnig genug sind und sich nicht viel aus Regeln machen.

Und mir begegnen hier lustige Menschen – aber das muss ich bald genauer erzählen:

„Und was machen Sie, beruflich oder so?“
Ich wollte nicht ausholen, ich wollte schnell aus dem Gespräch kommen und kürzte die ganze Palette mit einem kurzen „Schreiben.“ ab.
„Ah! Postkarten?“

Ja, genau. Postkarten.
Will jemand eine?

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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3 Kommentare

  1. Klasse! Auf den Kopf getroffen 😉 Ich war vor kurzem auch da als Mitinsasse. Nun ja, geholfen hat es mir schon. Die Mitarbeiter sind entweder eine glatte 1 oder eine glatte 6. dazwischen scheint es nichts zu geben. Ich habe übrigens meine Namenskarte einfach genommen und sie einfach mitgenommen und mich da hingesetzt wohin ich wollte. Das gleiche habe ich noch jemandem empfohlen, den ich gerne an meinem Tisch haben wollte 😎 Warum schwierig, wenn es auch einfach geht. Ich wurde nicht gefragt, also brauche ich auch nicht zu fragen. Man hat mir ständig gesagt, daß ich alles ruhig angehen soll, ich muß das lernen und so ein Speisesaal ist ideal dafür so etwas zu üben. Das gehört alles zur Therapie habe ich zu jedem gesagt der es hören wollte oder nicht😂 Gib dem lieben Carsten eine Umarmung von mir! Nur Mut😘 !
    Holt ihn doch einfach an Euren Tisch. Wenn ich noch da wäre, die Namenskarte würde sich bereits an seinem Traumplatz befinden! Das Leben ist zum genießen da und dafür Freude zu haben!
    Ganz liebe Grüße von Sabine

  2. Hallo,mit großer Interesse habe ich Ihre Zeilen gelesen. Oft musste ich schmunzeln. Ich denke mal das es nicht nur Spagetti gab, sondern mindestens noch eins zur Auswahl. Und es ist sehr gut wenn keine gesundheitlichen Einschränkungen sind , damit meine ich Diabetes oder Unverträglichkeiten ,ist es doch so ,das jeder Patient die Möglichkeit nutzen kann , sein essen selbst auszuwählen. Mit Sicherheit hätte ich mich auch nicht gefreut ,wenn mir die Soße auf Hemd oder Brille spritzt. Aber man hat ja auch einen Mund und den Patienten darauf anzusprechen. Das Personal kann unmöglich wissen, das dieser Patient mit Spagetti nicht klar kommt .Auch die Damen sind doch sicherlich in der Lage ,ihre Empörung zu äußern und es wäre gut wenn, Sie Ihren Spruch laut gesagt hätten. Leise darüber zu schreiben finde ich viel schlimmer. Dieser Satz ist von Ihnen : Menschen, die kaum noch laufen (meistens Senioren oder Muskelkranke), die manchmal nicht deutlich kommunizieren oder essen können (meistens aufgrund des Schlaganfalls), große und kleine Rollstühle, gepflegte und stinkende Menschen. Alle sind sie hier. Und sie alle müssen irgendwie miteinander auskommen , genauso ist es . Sie sollten dankbar sein , das Sie so wie ich es aus Ihren Zeilen erlesen kann, sind Ihre Einschränkungen körperlich , wie auch Intellektuell noch sehr fit , Ich finde es in der Tat ,
    humorvoll und überspitzt . Wenn ich das alles so lese, tun Sie mir wirklich richtig leid. Da Sie ja ständig damit beschäftigt sind , die Menschen zu beobachten um all das was Sie nervt lustig auf das Papier zu bringen, können Sie die Reha überhaupt nicht genießen und auf Ihre Behandlungen gar nicht richtig eingehen, dass finde ich sehr schade.

    Nikotin und Alkohol schaden Ihrer Gesundheit und Ihrer Genesung. Daher verzichten Sie in Ihrem eigenen Interesse am besten auf beides. Das finde ich sehr gut , denn das stinkt. Und ich finde es ganz normal, während einer Reha auf Alkohol zu verzichten. Eine kleine Geschichte

    Hallo,mit großer Interesse habe ich Ihre Zeilen gelesen. Oft musste ich schmunzeln. Ich denke mal das es nicht nur Spagetti gab, sondern mindestens noch eins zur Auswahl. Und es ist sehr gut wenn keine gesundheitlichen Einschränkungen sind , damit meine ich Diabetes oder Unverträglichkeiten ,ist es doch so ,das jeder Patient die Möglichkeit nutzen kann , sein essen selbst auszuwählen. Mit Sicherheit hätte ich mich auch nicht gefreut ,wenn mir die Soße auf Hemd oder Brille spritzt. Aber man hat ja auch einen Mund und den Patienten darauf anzusprechen. Das Personal kann unmöglich wissen, das dieser Patient mit Spagetti nicht klar kommt .Auch die Damen sind doch sicherlich in der Lage ,ihre Empörung zu äußern und es wäre gut wenn Sie Ihren Spruch laut gesagt hätten. Leise darüber zu schreiben finde ich viel schlimmer. Dieser Satz ist von Ihnen : Menschen, die kaum noch laufen (meistens Senioren oder Muskelkranke), die manchmal nicht deutlich kommunizieren oder essen können (meistens aufgrund des Schlaganfalls), große und kleine Rollstühle, gepflegte und stinkende Menschen. Alle sind sie hier. Und sie alle müssen irgendwie miteinander auskommen , genauso ist es . Sie sollten dankbar sein , das Sie so wie ich es aus Ihren Zeilen Erlesen kann, sind Ihre Einschränkungen körperlich , wie auch Intellektuell noch sehr fit , Ich finde es in der Tat ,
    humorvoll und überspitzt . Wenn ich das alles so lese, tun Sie mir wirklich richtig leid. Da Sie ja ständig damit beschäftigt sind , die Menschen zu beobachten um all das was Sie nervt lustig auf das Papier zu bringen, können Sie die Reha überhaupt nicht genießen und sich auf Ihre Behandlungen gar nicht richtig eingehen, dass finde ich sehr schade.

    Nikotin und Alkohol schaden Ihrer Gesundheit und Ihrer Genesung. Daher verzichten Sie in Ihrem eigenen Interesse am besten auf beides. Das finde ich sehr gut , denn das stinkt. Und ich finde es ganz normal, während einer Reha auf Alkohol zu verzichten.Hallo,mit großer Interesse habe ich Ihre Zeilen gelesen. Oft musste ich schmunzeln. Ich denke mal das es nicht nur Spagetti gab, sondern mindestens noch eins zur Auswahl. Und es ist sehr gut wenn keine gesundheitlichen Einschränkungen sind , damit meine ich Diabetes oder Unverträglichkeiten ,ist es doch so ,das jeder Patient die Möglichkeit nutzen kann , sein essen selbst auszuwählen. Mit Sicherheit hätte ich mich auch nicht gefreut ,wenn mir die Soße auf Hemd oder Brille spritzt. Aber man hat ja auch einen Mund und den Patienten darauf anzusprechen. Das Personal kann unmöglich wissen, das dieser Patient mit Spagetti nicht klar kommt .Auch die Damen sind doch sicherlich in der Lage ,ihre Empörung zu äußern und es wäre gut wenn Sie Ihren Spruch laut gesagt hätten. Leise darüber zu schreiben finde ich viel schlimmer. Dieser Satz ist von Ihnen : Menschen, die kaum noch laufen (meistens Senioren oder Muskelkranke), die manchmal nicht deutlich kommunizieren oder essen können (meistens aufgrund des Schlaganfalls), große und kleine Rollstühle, gepflegte und stinkende Menschen. Alle sind sie hier. Und sie alle müssen irgendwie miteinander auskommen , genauso ist es . Sie sollten dankbar sein , das Sie so wie ich es aus Ihren Zeilen Erlesen kann, sind Ihre Einschränkungen körperlich , wie auch Intellektuell noch sehr fit , Ich finde es in der Tat ,
    humorvoll und überspitzt . Wenn ich das alles so lese, tun Sie mir wirklich richtig leid. Da Sie ja ständig damit beschäftigt sind , die Menschen zu beobachten um all das was Sie nervt lustig auf das Papier zu bringen, können Sie die Reha überhaupt nicht genießen und sich auf Ihre Behandlungen gar nicht richtig eingehen, dass finde ich sehr schade.

    Nikotin und Alkohol schaden Ihrer Gesundheit und Ihrer Genesung. Daher verzichten Sie in Ihrem eigenen Interesse am besten auf beides. Das finde ich sehr gut , denn das stinkt. Und ich finde es ganz normal, während einer Reha auf Alkohol zu verzichten,

    1. Eigentlich wollte ich Ihnen eine schöne Geschichte schicken , aber auch dieses muss erlernt werden
      Das Geheimnis der Zufriedenheit – weise Geschichte

      Es kamen ein paar Suchende zu einem alten Zenmeister.

      „Herr“, fragten sie „was tust du, um glücklich und zufrieden zu sein? Wir wären auch gerne so glücklich wie du.“

      Der Alte antwortete mit mildem Lächeln: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich esse, dann esse ich.“

      Die Fragenden schauten etwas betreten in die Runde. Einer platzte heraus: „Bitte, treibe keinen Spott mit uns. Was du sagst, tun wir auch. Wir schlafen, essen und gehen. Aber wir sind nicht glücklich. Was ist also dein Geheimnis?“

      Es kam die gleiche Antwort: „Wenn ich liege, dann liege ich. Wenn ich aufstehe, dann stehe ich auf. Wenn ich gehe, dann gehe ist und wenn ich esse, dann esse ich.“

      Die Unruhe und den Unmut der Suchenden spürend, fügte der Meister nach einer Weile hinzu: „Sicher liegt auch Ihr und Ihr geht auch und Ihr esst. Aber während Ihr liegt, denkt Ihr schon ans Aufstehen. Während Ihr aufsteht, überlegt Ihr wohin Ihr geht und während Ihr geht, fragt Ihr Euch, was Ihr essen werdet. So sind Eure Gedanken ständig woanders und nicht da, wo Ihr gerade seid. In dem Schnittpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft findet das eigentliche Leben statt. Lasst Euch auf diesen nicht messbaren Augenblick ganz ein und Ihr habt die Chance, wirklich glücklich und zufrieden zu sein.“

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