Geht runter wie ätherisches Öl

„Diese dummen Kinder! Ich muss hier dringend weg, diese Gegend macht mich fertig!“, schoss mir durch den Kopf, als es gegen 05:15 an meiner Tür klingelte. Ich ignorierte es und schlief wieder ein. Als um 05:25 mein Telefon nicht aufhörte zu klingeln, wusste ich: Es sind nicht die dummen Kinder. Es ist etwas passiert.

Blaulicht vor dem Fenster. Leise, als wolle keiner jemanden wecken, im Stillen als Helden des Morgengrauen sind sie gekommen und wollten so auch wieder weg sein.

Fehlanzeige.

Hellwach war ich plötzlich, wie noch nie zuvor um diese Uhrzeit. Klar und direkt, ruhig und leicht nervös. Das Bewusstsein, was wäre wenn… setzte noch nicht ein. Da fragte mich meine Assistentin was ich anziehen will und ich, Idiot, sage:

„Jogginghose und Top, das reicht. Wir kommen doch gleich wieder rein.“

Hätte ich gewusst, dass ich die nächsten Wochen nicht in die Wohnung komme, hätte ich mein schönstes Kleid und fünf Unterhosen übereinander angezogen. Aber wer ahnt denn schon, dass die Katastrophe spontan und direkt vor der Tür ist. Zack – und dein Leben steht auf dem Kopf. Plötzlich vergisst du die Luxusprobleme von gestern, bist nur noch froh zu leben und deine Familie, die im gleichen Haus wohnt, atmen zu sehen.

Die Mama zu umarmen und der #Kleinumrik die Tränen der Angst aus dem Gesicht zu wischen. Nur der Papa, der schweigt. Er hat schon immer die Sachen mit sich selbst ausgemacht – im Stillen. Er schweigt und sagte nur leise:

„Alles ist gut, wir haben uns.“

Recht hat er. Aber das versteht man erst danach, wenn man im Bett liegt – irgendwo. Wo das sein wird, das wusste an diesem Morgen noch keiner.

So saß ich also da in meiner Jogginghose und glotzte aus dem Fenster, beobachtete den Rauch. „Schön sieht es ja irgendwie aus.“, dachte ich und schämte mich bisschen dafür.

Ein Feuerwehrmann winkte mir durch die Glasscheibe. Weil er hübsch war, lächelte und winkte ich zurück. In meiner Wohnung roch es nach ätherischem Öl und weil es so warm war, stellte ich mir vor, dass ich in der Sauna sei. In Jogginghose. Meine Sinne wurden leicht benebelt und ich weiß nicht, ob es die Müdigkeit war oder der Geruch. Die Sicht klarte draußen auf, die Feuerwehrmänner packten ein und machten Selfies vor ihren Wägen.

Jemand klopfte an die Tür.

„Dürfen wir ein Baby durch Ihre Wohnung retten? Draußen ist es zu verraucht.“

„Klar. Natürlich.“

Und wieder war Stille in der Wohnung. Eine unerträgliche Stille. Ich beschloss, bevor die Ruhe auch vor dem Fenster eintritt, raus zu gehen. Sensationsgeil bin ich, das muss ich gestehen.

„Wollen wir etwas mitnehmen? Brauchen wir etwas?“

„Nein, wir kommen ja gleich wieder rein. Ich will nur kurz mal gucken gehen.“

Einanhalb Stunden saß ich vor dem Fenster und habe gedöst, geträumt, beobachtet. Nichts gepackt, nicht einmal Zähne geputzt, sehr naiv und dumm. Wenn ich nur gewusst hätte, was passiert und dass sich mein Leben verändern wird, dann hätte ich… ja, dann hätte ich!

„#Kleinumrik bei mir und alle anderen in Sicherheit. Alles gut. Gleich gehen wir in die Wohnungen. Ich hol‘ mir nur noch schnell einen Kaffee.“, dachte ich.

Plötzlich – dieser Knall.

Schwarze Rauchwolke, noch mehr Gestank und jemand gibt per Funk durch: „…wir müssen erstmal schauen, ob unsere Leute noch am Leben sind.“

Ich erstarre. Mein Herz überschlägt sich, ich kann nicht einmal meinen Arm heben, um mir die Hände vor’s Gesicht zu schlagen. Ich muss zusehen, wie die Leute panisch werden, weinen, rennen. Aber wohin eigentlich? Wohin…?!

Und so stand ich da, in einer Jogginghose mit ungeputzten Zähnen und erfuhr unfreiwillig, in welchen Outfits meine Nachbarn ihre Nächte verbrachten.

Es roch nun nicht nur nach Öl.

Es roch nach einer echten Katastrophe.

>> Fortsetzung folgt. <<

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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1 Kommentar

  1. Ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzungen! Ich glaube, eine (, diese, Ihre) literarische Bearbeitung ist eine sehr wichtige Ergänzung und Artikulation der Erfahrungen, die wir in Rothenburgsort – auch als unbetroffen-besorgte, hilflos-helfende Nachbarn und Anwohner – mit dem Brand des Bunkers gemacht haben. Alle möglichen Leute fragen mich, was denn da bei uns in Rothenburgsort los sei. Und ich sage dann oft: „Liest du Facebook!“ Ab sofort sage ich: „Liest du Umrik!“
    Verlinken Sie den Text bei Facebook?
    Und: Echt schönes Stück in der WELT online, heute.

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