„Fuck it!“ – sagte Romy immer.

Ich stehe am Waschbecken meines Badezimmers, putze mir die Zähne und betrachte mich im Spiegel. Ich sehe immer noch recht frisch aus, obwohl es schon spät ist: 02:17 zeigt die Uhr an. Der Blick ist klar, nur der Eyeliner ist etwas verschmiert, die Lippen vom Rotwein etwas bläulich und das Rot vom Lippenstift ist wahrscheinlich auf seinem Mund oder auf dem Strohhalm geblieben.
Romy sitzt auf dem Klodeckel und beobachtet mich. Ich sehe an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie am Liebsten fragen würde: „Wer ist das? Was macht er? Was kann er?“
Aber sie schweigt, weil sie weiß, dass ich ihr das erzählen werde, wenn ich will – irgendwann, in ein paar Tagen oder Wochen.
„Was willst du denn anziehen? Nichts?“, Romys Lache reißt mich aus meinen Gedanken.
„Mmh, genau.“ Ich zwinkere sie mit vollem Mund aus Zahnpasta-Schaum an.
Wir versuchen unser Lachen zu unterdrücken, was nur bedingt gelingt. Im Wohnzimmer höre ich den Fernseher laufen.

Das war vor drei Jahren. Seit dem ist viel passiert. Inzwischen haben wir weniger Party, weniger Männergeschichten, weniger Tamtam. Aber wir hatten sie! Und das war die Phase, die wir gemeinsam erleben durften.

Wenn ich an Romy denke, grinse ich immer vor mich hin und merke es erst einmal gar nicht. Sofort schweife ich in die Erinnerungen an eine der vielzähligen Situationen ab, die wir gemeinsam erlebt haben, an unsere Lachanfälle, an einige Tränen der Verzweiflung.
Hier geht es um eine tiefe, ehrliche, weibliche Freundschaft, die – es geht nicht anders – eine Fügung des Universums gewesen sein muss.

Unsere erste Begegnung liegt schon einige Jahre zurück. Romy bewarb sich als Assistentin bei mir und so begann unser Kontakt auch erst einmal. In dem ersten Jahr waren wir beide recht distanziert, professionell, nett, aber doch kühl miteinander. Sie weckte in mir weder eine große Sympathie, noch spürbare Antipathie. Wir erfüllten beide unseren Zweck – sie verdiente Geld durch mich, ich bewerkstelligte meinen Alltag mit ihrer Unterstützung. Mehr wollten wir voneinander nicht.

Wann der Moment kam, der alles veränderte, wissen wir beide nicht mehr. War es unsere erste gemeinsame Reise nach Amsterdam? War es unsere erste Nacht in einem Club? Oder war es einer dieser stillen Sonntage, die ich müde in meiner Küche mit Tee verbrachte? Vielleicht war es auch etwas Anderes, eine Situation, in der eine von uns dankbar war, dass man diesen Tag nicht allein verbringen musste.
„Es hat sich einfach ergeben!“, sagen wir immer und staunen doch auch über diese Freundschaft, über diese Verbindung. Wir wollten es eigentlich nicht, wir forcierten es auf keinen Fall – aber je mehr wir Zeit miteinander verbrachten, desto intensiver wurden die Gespräche – wir teilten alles miteinander.

Romy erwische mich in einer Zeit, als ich noch nicht so selbstbewusst war. Ich saß manchmal wie ein scheues Reh herum und träumte von einem intensiven Leben. So richtig krass sollte es sein! So richtig fetzen sollte es!
„Mensch, trau dich doch mal mehr! Du bist zu zaghaft und zu stolz. So wird das nichts! Nimm dir was du brauchst, du bist zu schön und zu wunderbar, um auf das bessere Leben zu warten. Fuck it!“
Danach legte sie beide Handflächen auf meine schmalen Schultern, blickte mir direkt mit ihren braungrünen Augen in meine und fügte noch „Anastasia, du siehst wirklich verdammt gut aus.“ hinzu. Das sagte sie so bestimmt, dass ich ihr glaubte. Ich konnte gar nicht anders.

Romy ist wunderschön. Von innen und von außen. Es gibt für mich kein größeres Vergnügen, wenn ich einen albernen Spruch nuschle, einen doofen Kommentar flüstere und sie, weil nur sie es hört und versteht, kann sich vor Lachen kaum halten. Ihr Lachen ist ansteckend. Selbst wenn man nicht weiß worum es genau geht, muss man einfach mitlachen. Ihre gute Laune, ihr unermüdlicher Mut und ihre Sturheit, dass alles gut werden wird… Das macht mich lebendig! Es hält mich wach!

Vor meinem inneren Auge sehe ich Romy wild in einem Raum tanzen, die Zeit völlig vergessend und alle mit ihrer Lebenslust ansteckend. Romy spürt den Moment und das liebe ich so sehr an ihr. Sie schmeckt, fühlt und hört intensiver, als viele Menschen es jemals könnten – manchmal merkt sie gar nicht, dass sie laut mitsingt und alle Augen auf sie gerichtet sind.

Romy ist da. Romy hat keine Angst. Was für eine Stärke, was für eine Kraft! Weibliche Göttlichkeit? Ja, die besitzt sie.

Sie trägt ihre hellbraunen gewellten Haare meistens offen und ihre gebräunte, weiche Haut kommt besonders in einem langen weißen Sommerkleid zur Geltung. Es fehlt ein Blumenkranz im Haar! Den flechte ich ihr und lege es ihr auf den Kopf. Gut sieht sie aus. Sie lacht mich an und in diesem Moment gibt es nur uns, die Musik und „das echte Leben!“ mit allen Facetten, mit der ganzen Liebe zum Leben und dem unerträglichen Schmerz, der uns beiden durchaus bekannt ist.

Unsere Geschichte fühlt sich rund an, aber es ist noch immer offen. Zu groß ist unsere Lust auf Abenteuer, auf noch mehr Erlebnisse, die sich nachhaltig im Herzen einbrennen und unsere Charaktere prägen, unsere Gesichter zum Lachen bringen.

Diese Woche heiratet sie. Und ich bin ihre Trauzeugin. Was für eine Ehre!

Spätestens wenn ein Mensch zu dir sagt:

„Ich mag dich echt gern, weißt du das?“ und der Andere mit dem Satz: „Ich dich mindestens genauso doll.“ antwortet, dann… ja, dann beginnt etwas Größeres als es in einem Arbeitsvertrag stehen kann.

„Fuck it!“, denke ich inzwischen oft dank Romy und traue mich immer mehr ins Leben hinein.

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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Lisa

3 Kommentare

  1. Liebe Anastasia,
    danke für diese wunderbare Geschichte – die ist so rührend und motivierend gleichzeitig!
    Alles Liebe,
    Zhanna

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