…hätte ich es doch schon mit 16 gewusst!

Es ist so voll in meiner Wohnung, dass sich eine Schlange vor meinem Bad gebildet hat. Die Wartezeit vertreiben sich die Leute mit kurzem Abstecher zum Buffet, dem Getränkestand und der Zeit sich mit neuen Gesichtern zu unterhalten. Meine Partys gleichen oft einer Netzwerkparty, wo sowohl amouröse als auch berufliche Kontakte entstehen können. Alle lachen, einige tanzen, irgendjemand hat eine Konfettikanone mitgebracht und gerade jetzt zur Freude aller gezündet. Die Klospülung läuft, was die Warteschlange um einen Menschen kürzer werden lässt.

Es ist mein Geburtstag. In meiner Wohnung feiern dreiundfünfzig Menschen. Die Musik, die ich mit meiner Freundin Anika am Vorabend in meine Spotify-Playlist einsortiert habe, dröhnt aus den schlechten Boxen, das Buffet platzt aus allen Nähten und alle sind gut drauf. Alle sind wegen mir da. Ich genieße die Liebe und Aufmerksamkeit meiner Freunde, weil ich genau diese Szenen in meiner Jugend vermisst habe.

Spät am Abend, vielleicht war es sogar in der Nacht, stand ich im Türrahmen meines Wohnzimmers und beobachtete meine tanzenden und lachenden Freunde, merkte, wie viel mir jeder einzelne von ihnen bedeutet…

Unfreiwillig erinnerte ich mich an weniger schöne Kinder- und Jugendjahre, die ich oft in Einsamkeit und Schmerz verbrachte.

***

„Mama, werde ich wirklich bald sterben?“, flüsterte ich. Es war schon spät auf der Kinderstation im UKE, alle schliefen längst.

„Nein… das glaube ich nicht.“, flüsterte sie zurück und streichelte meine dunkelblonden Haare und danach meinen schiefen Kinderrücken, der nach der Wirbelsäulenversteifung sehr wehtat. „Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.“

„Aber der Arzt hat doch gesagt, dass ich mit elf sterben werde! Ich habe gehört, wie du es heute Morgen Opa erzählt hast! Wird das eigentlich wehtun?“, ich wollte nicht locker lassen.

„Du wirst nicht sterben. Schlaf jetzt endlich!“, sagte sie liebevoll gereizt und machte das Licht an ihrem Krankenhaus-Zustellbett aus und drehte sich von mir weg.

Während ich weiterhin mit weit aufgerissenen Augen da lag, hörte ich meine junge Mutter ins Kissen schluchzen.

Sie heulte sich die Augen aus vor Angst ihr einziges Kind, ihre kleine sieben Jährige Tochter zu verlieren. Ich blieb seltsamerweise ruhig, vermutlich weil ich noch nichts vom Tod, Verlust und den Ängsten verstand, und kuschelte mich tiefer in die Decke ein, beschloss, dass ich als glückliches und gehorsames Kind sterben werde – und fiel tief in den Schlaf.

Herbst 1994, ich war sieben Jahre alt und konnte kein Wort Deutsch. Vor ungefähr einem halben Jahr sind wir aus Kasachstan als Spätaussiedler nach Hamburg gezogen, seit dem stand mein kleines Leben auf dem Kopf. Nach der Ankunft sind wir in einem sogenannten Containerdorf untergekommen, wie man sie aus der Obdachlosenhilfe kennt.

Dort schliefen wir zu dritt, aber manche unserer Nachbarn sogar bis zu acht Personen, in einem Raum. Unser Kühlschrank war gefüllt wie nie, weil mein Opa fast täglich mit Toastbrot, Würsten aus dem Glas und Mortadella kam – warum weiß ich allerdings nicht. Ich aß davon sehr (wirklich sehr, sehr) viel – täglich ungefähr bis zu zehn Würstchen. Bis mir schlecht war, bis ich die nicht mehr sehen und riechen konnte. Dass ich mit dreißig diesen Geruch aus vielen Metern erkennen und den Würgereiz unterdrücken würde, kann man als Kind ja auch nicht ahnen.

Es klopft an der Tür und der Kopf meines Vaters lugte rein. „Guten Morgen!“, sagte er auf Russisch. „Ich habe neue Schuhe für dich gekauft. In drei Wochen wirst du eingeschult. In eine deutsche Schule!“

Hm, anscheinend werde ich wohl doch noch leben.“, dachte ich und probierte die kuscheligen Winterstiefel an. Sie waren lila.

Mein Cousin Vadim und ich (5 Jahre alt)

***

Ich war kein niedliches Kind, ich war keine Schönheit in der Jugend. Im Gegenteil: Ich hatte immer Akne, Übergewicht und schlechte Laune. Aber so richtig. Nie könnte ich mir jemals vorstellen ein normales Leben, so wie die anderen Mädchen und jungen Frauen, zu führen. Wie denn auch? Ich bin behindert – also so richtig – und konnte nicht einmal ohne meiner Mutter auf die Toilette gehen, geschweige denn irgendwelche Geheimnisse vor ihr im Zimmer verstecken. Mich würde nie ein Mann – so wie in einem Film, mit Romantik und Kinderwunsch und Hochzeit und allem – lieben, dachte ich. Ich könnte nie verreisen, vielleicht mal an die Ostsee, aber das war’s dann auch. Ich… ich bin verdammt dazu unglücklich zu sein und ich wollte sterben.

Nee, jetzt mal ehrlich, WENN ich mich umbringen wollen würde – würdest du mir helfen?“, warf ich emotionslos und sehr pragmatisch in den Raum. Ich hatte eine Idee und wollte sie am liebsten sofort umgesetzt haben.

„Bist du doof oder so?!“, Sascha konnte es gar nicht fassen, dass ich ihm diese Frage stellte. Sascha war mein allerbester Freund. Er hat mich immer motiviert weiterzumachen. Sascha ist cool.

***

Ich lebe. Und wie ich lebe! Ich wache inzwischen sehr gerne auf und nehme die ersten zehn Minuten des Tages für mich. Meistens bin ich unendlich dankbar, dass ich sein darf und dass mich viele Menschen umgeben, die mich so sehen wie ich bin, die mich im Kern erkennen, die mich tatsächlich aufrichtig lieben. All‘ die Sachen, von denen ich früher träumte und dachte, dass ich sie nie erleben kann oder sogar darf, weil ich dafür geboren wurde, um behindert, unglücklich und allein zu sein, habe ich erlebt: Alleine wohnen, selbstständig sein, reisen, lieben und geliebt werden.

…hätte ich doch nur schon mit sechzehn gewusst, dass das Einzige was zwischen mir und dem Leben steht, die eigene Angst und Unsicherheit ist, und dass man sich nicht ihr hingeben darf und sich von ihr lähmen lässt. Ich hätte so gern damals zumindest mal gehört, dass es weitaus mehr gibt was eine Persönlichkeit ausmacht, als nur der Körper und die Beurteilungsmechanismen der Gesellschaft.

Ich hätte so gern schon damals gewusst, wie frei und unbesiegbar man sich fühlt, wenn man sich all den negativen Erfahrungen und der Angst stellt, ihr tief in die Augen blickt und sich der Veränderung öffnet.

Wie wunderbar frei es macht mutig zu sein!

Manchmal sehne ich mich nach einer unbeschwerten Kindheit, die ich nie erlebt habe. Ohne Schmerz, ohne Einsamkeit und in der Sandkiste buddelnd. Aber ich habe gelernt meine Angst und meine Unsicherheit zu umarmen, sie anzunehmen und sie als einen Teil meiner Persönlichkeit anzunehmen. All das war mal berechtigt, aber jetzt ist es vorbei.

Die Griechen haben früher nie Nachrufe geschrieben. Sie haben nach dem Tod nur eine Frage gestellt: „Hat der Verstorbene Leidenschaft gekannt?“

Wenn mir diese Frage gestellt werden würde, könnte ich heute ohne zu zögern antworten:
„Ja… ja, ich kenne die Leidenschaft und den Geschmack des Glücks!“ 

…keiner hätte es gedacht, dass ich es jemals schaffe: hier bin ich seit einigen Stunden 30 Jahre alt. Und glücklich!

Zu diesem Lied habe ich getanzt:

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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6 Kommentare

  1. was für ein wundervoller, liebevoller und vor kraft strotzender beitrag mal wieder. wunderbar! danke dafür.
    während des lesens habe ich mich so gefragt, ob das wohl so ein frauenerlebnisding ist, dass man so oft gesagt bekommt, dass man dieses oder jenes nicht erreichen wird/schaffen kann. ich könnte dir aus dem stehgreif einen haufen frauen nennen, die sich genau damit rumschlagen mussten. auch ohne behinderung. bitter könnte man jetzt sagen: ein zeichen von früher inklusion? oder ganz normale geschlechtsbezogene diskriminierung? eigentlich auch egal. zeit sich die hände zu reichen.
    liebst,
    jule*

    1. Liebe Jule, ich würde sogar NOCH weiter gehen und behaupten, dass Kinder und Heranwachsende klein gehalten werden, weil keiner es erträgt, den Mut und die Stärke zu spüren. Zwar sehnt sich jeder danach, aber im Grunde… naja, wir sollten uns bald mal auf einen Kaffee sehen! (Und: Danke, dass dir meine Texte gefallen!)

  2. Доченька,моя любимая!Да моя хорошая, ты много перенесла и пережила, но ты никогда не сдавалась. И ты всегда (как мне казалось) радовалась жизни, много смеялась. У тебя прекрасное чувство юмора.Я люблю тебя!😘

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