Einfach: „Darf ich dir die Hand geben?“

Ich erinnere mich an die Begegnung im letzten Jahr mit der tollen Mareice Kaiser, der Bloggerin von www.kaiserinnenreich.de. Wir trafen uns auf dem Zukunftskongress der Aktion Mensch in Berlin, sie stürmte auf mich zu und sagte, während sie mich umarmte:
„Darf ich dich umarmen?“
„Natürlich!“ sagte ich und grinste über beide Ohren. Ich freute mich unbeschreiblich diese tolle Frau endlich live zu sehen.

Das ‚Hallosagen‘ ist in der Tat ein gar nicht so einfaches Thema. Gibt man nur die Hand oder umarmt man sich? Oder nickt man nur mit dem Kopf und hebt zum Wink den rechten Arm, lächelt dabei etwas verlegen aus der Ferne? Oder grinst man über beide Ohren und ruft „Heeeeey!!!“?, klatscht vor Freude in die Hände und hüpft der-/demjenigen entgegen (zumindest imaginär)?
Letzteres mache ich zum Beispiel gerne, wenn ich mich freue die Person zu sehen. Manchmal sage ich es laut, manchmal kaum hörbar, beinahe flüsternd – je nach Intensität, je nach Laune. Bei schlechtem Wetter sage ich nur ein kurzes „Hi, na?“, weil ich dann meistens schlecht drauf bin. Man will ja auch keine persönlichen Grenzen überschreiten. Auf Kosenamen stehe ich gar nicht.

Dann hätten wir ja alles geklärt? Nee, ich glaube nicht.

Vor einigen Jahren habe ich einen Mann auf einem Barcamp in Hamburg kennengelernt. Ein Mann mit Grips, Witz und schönen Händen; ihr kennt das. Ich muss gestehen, ich fand‘ ihn sehr interessant, sehr sympathisch. Jedenfalls haben wir uns durch Zufall erneut gesehen und er streckte mir seine Hand endgegen… Naja, seine Finger berührten kaum meine Fingerspitzen, er hielt mir zwei Finger, wie einem Kleinkind, hin und ich war leicht – sagen wir mal ‚überrascht‘. Mein Interesse ist seit dem einfach weg…

Es ist aber auch nicht einfach! Ich kann die Unsicherheit der anderen verstehen: Ab welcher Berührung überschreitet man die Grenze? Was, wenn der Händedruck des Gegenübers nicht sehr stark ist – drückt man dann trotzdem zu oder ist man eher zaghaft? Wie merke ich, dass mein Gegenüber mit einer Behinderung die gleiche Art und Weise einer Begrüßung anwenden würde? Fragen, Fragen, Fragen – und nur selten eine Antwort.

Ich habe beobachtet: Bei der ersten Begrüßung zögern alle zunächst, ob man sich nun die Hand gibt oder sich gleich um den Hals fällt. Eins von den beiden Optionen tun sie aber auf jeden Fall. Ich habe es noch nie gesehen, dass man die Hand drei Mal zückt und sich dann doch nicht traut, sie in der Hosentasche vergräbt.

Meine Hände sind sehr zierlich, fein und weich. Das weiß ich. Aber ich bin eine erwachsene Frau und ich bin nicht aus Porzellan, auch wenn ich manchmal so wirke. Gib mir, verdammt nochmal, richtig die Hand! Oder umarme mich. Wenn du nicht weißt, was und wo und wie, dann frag mich.

Einfach: „Darf ich dir die Hand geben?“
Ich werde höchstwahrscheinlich mit „Ja“ antworten.
Oder du fragst: „Darf ich dich umarmen?“, wenn du es willst und ich werde vielleicht mit „Nein“ antworten, vielleicht aber auch mit einem „Natürlich!“.
Das weiß ich noch nicht. Das hängt davon ab, wie sympathisch du mir bist oder wie heiß ich dich finde.

Übrigens, eine Frage hätte ich an dieser Stelle auch: Soll ich es direkt sagen, wenn ich umarmt werden will oder ist das grenzüberschreitend?

In diesem Sinne: Tschüß! (Hier darf man nur winken, oder?)

Foto: Steffen Gottschling

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4 Kommentare

  1. Zur Frage: Ich würd die Frage „umarmst du mich?“ generell komisch finden (weil ziemlich aktives Einfordern, da fällt mir das Grenzen ziehen dann schwer), aber warum nicht einfach auch „darf ich dich umarmen?“, „möchtest du umarmt werden?“ oder „möchten wir uns umarmen?“.

  2. Ich glaube eigentlich nicht, dass dieses Problem spezifisch für Menschen mit Behinderung ist. Die gleiche Frage (Hand geben, umarmen, nur „Hallo“ sagen) stellt sich ja auch bei einem Menschen ohne Behinderung, den man nicht allzu gut kennt. Auch da gibt es Leute, die Grenzen über- oder unterschreiten, die „blöd“ die Hand geben oder eben umarmen wollen, wo es dem anderen nicht angebracht erscheint. Ist das wirklich so viel anders für Menschen mit Behinderung?

  3. Hi! Ich habe diesen Artikel hier gerade gelesen, ohne dass ich deinen Blog kannte. Erst im Kommentar über mir bemerkte ich, dass hier das Thema Behinderung mitschwingt. Ich selbst bin nicht behindert, habe mich aber in deinem Artikel ganz schnell wiedergefunden. Es gibt so eine Situation. Wir sind nicht richtig befreundet, aber wenn die richtig befreundete Freundin des Mädels dabei ist, dann umarmt sie auch mich im Affekt zum Abschied. Mir ist das immer unangenehm und die Situation wird auch so nicht mehr eintreten. Aber ich hätte mir gewünscht, man hätte gefragt. Es überschreitet eine Grenze, definitiv. Es gibt so viele Umarmungen, die mir im Nachhinein als so sinnlos erscheinen und ohne Bedeutung. Es gibt auch eine, die fragt und die ich frage. Wenn sie mir eine Kleinigkeite mitbringt oder etwas schenkt, dann frage ich sie, ob ich sie umarmen darf und sie umgekehrt genauso. Das macht es viel einfacher. Ein Nein wäre hier auch nicht störend, denn manchmal oder auch von manchen Personen möchte man eben einfach nicht umarmt werden. Also mein Fazit für alle: bitte fragt. 🙂

  4. Ich habe da auch immer das Problem. Ich frage mein Gegenüber vorher immer ob ich ihm die Hand geben darf oder umarmen darf. Einmal habe ich die Person nicht gefragt und einfach die Hand genommen. Dafür habe ich dann später um entschuldigung gebeten. Ich weiß eigentlich nicht so recht was heute „normal“ ist. Ich denke es ist immer gut wenn man vorher fragt. Ich bin mittlerweile dazu über gegangen nur noch Hallo zu sagen ohne die Hand zu geben oder zu umarmen. Jeglicher Körperkontakt wird einfach zu schnell falsch verstanden und ist vom Gegenüber meist unerwünscht. :-/

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