Office Inklusive: Digitale Teilhabe in Zeiten der Inklusion

Gemeinsam mit Microsoft Deutschland werde ich mich in den kommenden Wochen dem Begriff „Digitale Teilhabe“ widmen und mich auf die Suche nach neuen Potentialen von Teilhabe mit und durch Digitalisierung begeben. Wie kann man sein Netzwerk erweitern, produktiv von überall arbeiten oder mit moderner Technologie kreativ sein? Und was bedeutet eigentlich ein Internet ohne Barrieren? Mein Office ist bei dieser Suche übrigens inklusive und stets mobil dabei – denn ich blogge nicht nur vom Schreibtisch zu Hause, sondern auch von unterwegs, aus meinem Lieblingscafé oder eben dort, wo ich gerade bin.

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Wir haben das Jahr 2016 und inzwischen müsste jeder wissen, was mit dem Wort „Inklusion“ gemeint ist. Zumindest hat es jeder schon einmal gehört, auch wenn es begleitet mit einem genervten Stöhnen war: „Inklusion ist so teuer! Und wahrscheinlich ist es sowieso nicht machbar. Ein schöner Gedanke, eine nette Idee, aber…“

Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind:

Inklusion bedeutet (für mich), jeder darf und kann, muss aber nicht. Dabei sein, weg bleiben, Filme schauen, Theater und Ballett-Stücke sehen, arbeiten und faulenzen, sich beliebig kleiden und ernähren können. Und wie so oft im Leben, hängt es in den kleinen Details, versteckt im echten Leben, dem sogenannten ‚Alltag‘ – weil sich keiner darum kümmert, weil keiner laut ruft: „SO nicht! Es nervt!“

Beispiele aus dem echten Leben – aus der sitzenden Perspektive, die wirklich nerven:

Seit Wochen versuche ich meinen Sommerurlaub zu buchen. Abgesehen von den üblichen Schwierigkeiten, die jeder von uns kennt, wie das Suchen nach einer passenden Unterkunft, das Entscheiden für eine Region oder Land, den Vergleich mit den eigenen Ansprüchen / Wünschen und den gegebenen finanziellen Möglichkeiten, die eine gute Lage mit guter Anbindung, Komfort und Ausstattung mit einander vereinen, kommen bei mir als Rollstuhlfahrerin unzählige unfreiwillige Extrawünsche hinzu. Ich scheitere immer und immer wieder, mache müde und genervt meinen Laptop aus und denke: „Gut, dann nicht.“ Aber dann eben doch – einige Tage später sitze ich erneut da und habe zehn Seiten offen, auf denen ich verzweifelt versuche eine für mich passende Unterkunft zu finden. Übrigens hört sich das gerade nach mehr an, als es tatsächlich ist: Ich spreche gerade ’nur‘ von barrierefreiem Zugang und einer schwellenlosen Dusche. Ja, wirklich, das war’s!

In der Realität ist es aber unfassbar schwierig eine passende Unterkunft zu finden, die auch noch den sonstigen Ansprüchen gerecht wird und mich für den Rest des Jahres nicht arm macht. Und so beginnt man Abstriche zu machen, Kompromisse einzugehen: Zunächst bei der Ausstattung. Dann bei Komfort und anschließend bei der Lage. Ich kenne meistens – sobald ich mich für eine Region oder Land entschieden habe – alle Airbnb-Wohnungen auswendig, fast alle Hotels in der Umgebung und weiß immer noch nicht, ob alles ‚gut geht‘, wenn ich dort angekommen bin.

Wie in Trance klicke ich die Bilder auf Airbnb-Angeboten durch und obwohl ich „für Rollstuhlfahrer zugänglich“ angeklickt habe, heißt das noch lange nichts. Im Schnitt sind nur 2/30 Wohnungen für einen Rollstuhlfahrer zugänglich. Die meisten Seiten haben nicht einmal die Filterfunktion für die Barrierefreiheit… und selbst wenn, vertrauen sollte man darauf nicht.

Da bleibt einem doch keine Zeit zum Leben, weil man nur auf der Suche nach der zugänglichen (kein ‚Luxus‘!!!) Unterkunft ist.

Einfache Lösung: Mehr Filter (trivago.de hat es ganz gut gelöst) auf die Websites einbauen, damit man schnell zur gewünschten Erholung kommen kann. Der Urlaubsort sollte sich an mich anpassen, nicht andersrum. Und zack, kann man auch als Mensch mit einer Behinderung sich vom stressigen Alltag erholen.

Also gut, wenn sich das mit dem Urlaub hinzieht, dann sollte ich bis dahin mehr Kultur erleben und… Kurz gesagt, ist das Buchen von Konzerten, Theater- oder Ballett-Karten oder sonstigen kulturellen Veranstaltungen, eine Katastrophe. Schnell und per Mausklick an die Tickets kommen? Bei Menschen mit einer Behinderung, die entweder auf eine Begleitperson angewiesen sind oder aufgrund der Eventlocation nicht in der Masse stehen dürfen und deshalb extra auf die ‚Behindertentribüne‘ müssen, eine Fehlanzeige! Es folgen lange Telefonate mit langen Wartezeiten, Weiterleitungen, vergessenen Zurückrufen und dann – endlich – das Ticket. Vielleicht, wenn man Geduld und Glück hat.

Die Aussage, ob ein Konzert ausverkauft sei, ist nicht zuverlässig, weil die Rollstuhlplätze nicht online vermerkt und gezählt werden.

(Übrigens, ein kleiner Tip unter uns: Wenn die Location relativ klein ist, ihr euch darin auskennt und wisst, wie der Einlass und die Veranstaltungen dort aussehen, kauft euch einfach EIN Ticket und geht mit eurer Begleitperson hin. Es schont die Nerven und hebt den Spaß.)

Wehe, man plant auf ein Konzert in einer anderen Stadt zu gehen! Der Organisationskreis ist dann noch größer, weil keine Location – ganz egal ob Konzerthalle, ein Theater, Restaurant, Café – jemals öffentlich geschrieben hat: „Wir sind barrierefrei!“ – oder: „Wir sind absolut nicht barrierefrei.“, das würde ja auch schon einiges an Zeit und Aufwand ersparen.

Einfache Lösung: Jede Institution, jeder Location, jede Veranstaltung MUSS auf ihrer Website (o.ä.) angeben, ob diese barrierefrei zugänglich ist und mithilfe von Icons erläutern für wen (mobilitätseingeschränkte Personen, Gehörlose, Blinde).

Das Kaufen der Tickets sollte per Mausklick funktionieren: Einfach einen Haken setzen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Was meine Herausforderungen wiederum für blinde oder gehörlose Menschen bedeuten können (oder nicht von großer Bedeutung sind), kann und mag ich nicht beurteilen. Ich kann es mir nur vorstellen und bin überzeugt: Man könnte so vieles besser machen. Wenn wir nur wollten.

Bei den großartigen Ideen und Planungen für das digitale Arbeiten, organisieren und auf ‚zack‘ sein, wurde ein großer Teil der Gesellschaft kaum beachtet: Menschen mit Behinderungen, die ältere Generation, verschiedensprachige Menschen und Menschen mit kognitiver Einschränkung…

Huch… es hat nur ein ganz kleiner Teil zum grenzenlosen Internet?!

Ich bin noch lange nicht am Ende meiner Erzählungen. Aber ich muss jetzt leider nach einem Hotel suchen und mir eine Bahnfahrt buchen.

Foto: Microsoft Corporation

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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