Die behinderte Bachelorette

Heute Abend beginnt die gefühlt achtundfünfzigste Staffel der verzweifelten Singles, die krampfhaft versuchen ihr Singleleben zu beenden oder zumindest endlich Sex zu haben. Im Fernsehen. Ich spreche von dem Casting für die nächste Dschungelcamp-Staffel: „Der Bachelor“

Während das Netz sich über die Bewerberinnen beschwert, sich über die Karinas und Julias lustig macht, deren Outfits beurteilt und die Worte in deren großen Mündern umdreht, sitze ich still und grinsend da und schweife in meiner Fantasie ab. Nein, nicht wie ihr jetzt denkt. Der Bachelor, der arme Junge, der ist so gar nicht mein Typ – den könntet ihr mir nackt aufs Bett legen und ich würde ihm nur zärtlich über den Kopf streicheln. Aber eher wie eine Schwester.

Die Begegnung mit dem Bachelor könnte auch so aussehen:

Die schicken Autos fahren vor die Villa, die Ladies steigen aus dem Auto und grinsen über beide Ohren, checken den Bachelor, den armen Jungen, ab. Und kreischen.

„Blablabla, und wo kommst du so her, und was machst du so, und welche Stellung bevorzugst du so… geh doch schon mal rein, ich komme gleich nach. NEXT!“

Dann…

Ein Bus fährt vor, wahrscheinlich ein VW T5 (oder so) und eine Lady steigt aus. Sie ist ganz schick und hübsch, aber sie grinst den Bachelor nicht doof an, sie meidet eher seinen Blick. Sie ist professionell, sie arbeitet gerade. Sie ist die persönliche Assistentin der Lady, die gerade hinten im Auto sitzt und von dem Bachelor zumindest heute Abend eine Rose bekommen will. Die Scheiben sind verdunkelt, er weiß nicht wer da gleich rauskommen wird. Die Schöne geht nach hinten, klappt die Rampe heraus – was schon mal Zeitverzögerung per se ist – und schnallt den Rollstuhl ab. Sie stützt sie, die Lady beim Herausfahren, und es entsteht irgendwie eine peinliche Situation. Der Bachelor, der arme Junge, weiß nicht, ob er nach vorne sprinten soll, ob seine starken Arme gebraucht werden oder ob er lieber am Eingang warten soll. Er wartet. Er ist unsicher. Ist auch besser so, wirkt eleganter und nicht ganz so unbeholfen vor der Kamera.

Als Rollstuhlfahrerin kann man nicht sexy aus einem Auto aussteigen.

Die Assistentin verschwindet unbemerkt und der Bachelor denkt noch:

„Huh, sie hätte doch auch reinkommen können, hätte doch auch die Häppchen snacken können!“

Wie nett er doch ist.

Die Rollstuhlfahrerin – hübsch, recht kameratauglich – trägt ein kurzes Kleid, weil kurze Kleider im Sitzen oft besser aussehen. Sie hat lange danach gesucht, weil es wenig Kleider auf dem Markt gibt, die bequem und trotzdem sexy aussehen. Sie hat eins gefunden. Sie fährt auf ihn lächelnd zu, er wirkt vom Weiten souverän, aber seine feuchten Hände verraten ihn. („Was hat sich RTL dabei nur gedacht eine Behinderte mitmachen zu lassen?!“)

„Darf ich dir die Hand geben? Warum bist du im Rollstuhl? Wo geht jetzt deine Assistentin hin? Kannst du Sex haben? NEXT!“

Die Lady im Rollstuhl verdreht die Augen und ist froh, dass RTL zumindest an die Rampe am Eingangsbereich gedacht hat. Hätte ja auch daran schon scheitern können.

Sie hört schon vom Weiten das Kichern und Quatschen der anderen Teilnehmerinnen. Etwas nervös ist sie, und vermutet, dass die anderen sie nicht als Konkurrentin wahrnehmen würden. Nein, nicht weil sie schlecht aussieht. Weil sie eben „behindert“ ist. Muss nicht sein, kann aber sein. Man weiß ja, dass die Teilnehmer in solchen Shows selten schlau sind.

„Hallo!“, grüßt sie in die Runde und sieht aus dem Augenwinkel, dass es keine Strohhalme am Buffet gibt. Scheiße, ohne Alkohol wird’s schwierig den Abend mit den Hühnern zu überstehen.

Einige antworten mit einem leisen „Hallo“, andere vergessen es. Sie starren mit offenen Mündern und halbleeren Sektgläsern. Keiner fragt, wie sie den Bachelor findet und keiner fragt, ob sie wüsste, wie alt er sei.

„Schönes Kleid.“, sagt die blonde Eve, die später keiner mögen wird, und die anderen schließen sich an das Komplimentenkonfetti an. Keiner checkt sie von der Seite aus, alle sind super lieb, alle hocken sich auf „Augenhöhe“ und fragen, ob sie ihr etwas vom Buffet bringen können. Und ob ihr letzter Macker denn „auch Behindert“ gewesen sei.

Die sexy Rollstuhlfahrerin fragt sich, warum es keine „Bachelorette“ für lesbische Frauen gibt und lacht innerlich über die Spießigkeit des deutschen Fernsehens.

Ein Kameramann organisiert ihr einen Strohhalm, der die Rettung ist. Also der Kameramann. Der sieht auch viel besser als der Bachelor aus. Sie lacht ihn aus vollem Herzen an und nimmt sich fest vor, ihm ihre Nummer später zuzustecken. Er hält sie für genauso dumm wie die anderen Frauen in der Runde, das sieht sie. Sie wird ihm das Gegenteil beweisen und kann ihre Augen nicht von ihm lassen.

Der Bachelor, der arme Junge, kommt rein und die Mädels rasten aus. Sie zuppeln an ihren kurzen Röcken, werfen ihre Haare nach hinten, bis ihnen der Nacken weh tut und positionieren sich in die Kampfposition.

Noch nie bekam ein Strohhalm so viel Anerkennung und Zuneigung. Der Sekt schmeckte gut, die Häppchen wurden überbewertet. Der Kameramann lächelte inzwischen bisschen mehr, fand die Situation aber auch etwas seltsam… verständlicherweise irgendwie.

Die Zeit schien nicht zu vergehen. Der Bachelor unterhielt sich mit ein paar Girls, während die Ladies das Buffet stürmten und sich über Karrieretips („Und, für welches Fernsehformat willst du mal entdeckt werden?“) unterhielten.

Ah! Die Rosen werden gleich vergeben. „Kannst du dich vorne hinstellen?“, sagte der Kameramann zu der Rollstuhlfahrerin. Natürlich. Sie steht auf allen Familienfotos ganz vorne. Auf jeder verdammten Hochzeit…

„Entschuldige bitte, ich kann nicht… du bist eine großartige Frau… aber ich kann dann hier mit dir keine Adventure-Dates haben und das würde mich so sehr einschränken… Das liegt auch wirklich nicht an dir…“

Der Bachelor, der arme Junge, weiß ja gar nicht, was er ihr für einen Gefallen getan hat. Sie nickt nur und zwinkert beinahe unmerklich dem Kameramann zu.

Und: Sind die Toiletten in der Villa eigentlich barrierefrei?!

 

Foto: welt.de

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
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11 Kommentare

      1. Joa 🙂 ist ne Serie auf Amazon Prime (glaube ich), bei der es um die Machenschaften hinter den Kulissen bei genau dem Bachelor Format geht. Ist nichts für schwache Nerven, kommt der Realität der ein oder anderen TV-Produktion aber recht nahe.

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