Der Mittelfinger – Rehatagebuch No.2

„Du musst den Ärzten unbedingt sagen, dass es dir schlechter geht und nicht wie viel Paar Schuhe du dabei hast!“, schrieb mir meine empörte Freundin, die vor einigen Jahren hier in der Klinik meine Physiotherapeutin war, nachdem sie meinen letzten Blogbeitrag gelesen hatte. Ich fand, dass sie übertreibt und lachte darüber.
Am Abend dachte ich dann, na gut, erzählst du es morgen mal dem Arzt. Und auch was sonst so (nicht mehr) geht.

„Nun, Frau Umrik, Sie kennen doch Ihre Erkrankung. Überrascht es Sie?“
Ich starre den Doktor, der irgendwie aussieht, als hätte er den Arztkittel in einem Kostümverleih bekommen und es nur so, aus Spaß, übergezogen. Meine Luftröhre verengt sich, mir ist auch ein bisschen übel.
Ja, ehrlich gesagt überrascht es mich immer und immer wieder. Ich habe die Muskelerkrankung schon seit knapp siebenundzwanzig Jahren und ich bin immer noch erstaunt, wenn ein Muskel sichtbar und spürbar wegfällt.
„Okay, ich schreibe Ihnen ein paar extra Therapien auf. Aber eigentlich…“
„Danke. Das wird super!“, unterbreche ich ihn. Gegen meine bescheuerte Euphorie kommt er gar nicht an. Am liebsten hätte ich wie ein Kind in die Hände geklatscht.

„Wissen Sie, ich wurde neulich operiert… seit dem geht gar nichts mehr!“, sagt die ältere Dame mit ihrem Gehwagen an unserem Tisch im Speisesaal stehen bleibend.
„Mmh.“, antworte ich mit dem Mund voller Bohnensalat, von dem es hier ganz viel gibt. Genau wie Gurken. Ist wahrscheinlich günstig.
„Sie haben es verdammt gut. Sie sind jung…“
„Ach waff, Fie doff auff!“, antworte ich mit vollem Mund. Sie versteht nicht, ist aber auch egal, weil sie zu den Menschen gehört, die ihr Leid beklagen, aber nicht zuhören können. Das ist auch die, die mir hinten bei der Essenschlange hinten immer reinfährt, um sich bei den Salaten dann nach vorn zu drängeln. So etwas kann ich ja nicht leiden.

Generell denken viele Menschen, dass ihre neuerworbene Krankheiten ihnen viele neue Freiheiten und Dreistigkeiten schenken.
„Die Fußgänger helfen gar nicht, wenn mir etwas hinunterfällt!“, beklagt sich eine Patientin mit künstlichen Fingernägeln. „Als ich noch alles konnte, war ich nicht so scheiße.“
„Jaaaa, genau… Wer’s glaubt!“, denke ich. „Also ich war schon immer scheiße!“, sage ich ironisch. Sie versteht offenbar meinen Witz nicht. Die waren aber auch schon mal besser.

Ich sitze in den Kabinen der Elektrogymnastik. In diesen Kabinen, die auch ein Drehort für Horrorfilme sein könnten, ist es dunkel, die gedeckten Farben aus den 70ern laden nicht zur guten Laune ein. Dass diese Geräte noch funktionieren, ist eigentlich ein Wunder.
Die Elektroden angelegt an bestimmten Muskeln stimulieren sie und ‚wecken‘ somit auf. Nach vier Wochen geht dann alles schneller und besser – war bis jetzt immer so.
„Ist deine rechte Hand schlechter geworden? Der Strom schlägt durch den Arm durch, es werden die falschen Muskeln angeregt…“, sagt die Therapeutin. Ich erzähle von dem kleinen Finger.
„Mmh… der Muskel ist weg. Also komplett. Den können wir nicht mehr retten.“, sagt sie.
„Scheiße.“, sage ich.
„Ja.“, sagt sie. „Irgendwann ist es nun mal soweit.“
Wir versuchen es trotzdem. Für’s Gefühl.
„Oh, dein Mittelfinger zuckt! Es funktioniert!“, freut sie sich. Meine Freude hält sich zurück, ich bin traurig.

Am Abend fragt mich jemand, ob meine Assistentin meine Tochter sei.
Und in diesem Moment bin ich froh, dass noch mein Mittelfinger einwandfrei funktioniert.

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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2 Kommentare

  1. …warum schicken sie dich zu „Zombies“? Sie sollen dich mit Leuten „einpferchen“ – die Leben wollen und nicht mit Menschen die schon tot sind!

    * = KH, Kur, Arzt, etc. kommt für mich direkt nach Knast

    1. Anastasia wurde überhaupt nicht geschickt oder eingepferch – die Reha ist freiwillig, ja man muss dafür sogar kämpfen.

      Man muss es mir Humor nehmen, sonst geht es nun mal nicht.

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