Der kleine Finger – Rehatagebuch No.1

„Warten Sie auch auf das Abendessen?“, höre ich eine zittrige Stimme hinter mir.

Es ist 17:49 in dem wunderschönen Weserbergland, um 18:00 gibt es Abendbrot hier in der Klinik, wo ich gerade zur Reha bin. Warum ich so früh in der Kantine schon bin, weiß ich nicht und es ist mir auch ein bisschen peinlich mich unter die wartenden Senioren zu mischen, als hätte ich nichts anderes zu tun. Hab ich aber in der Tat auch nicht – heute Abend nicht. Ich warte auf den geschmacklosen Käse, die eklige Wurst und die mit Essig aufgepimpten Salate.

Ich spüre, wie mir jemand mit dem Rollator hinten in den Rollstuhl reinfährt. Ja, ich bin hier gut angekommen, Freunde!

Ich bin müde, körperlich meine ich. Seit zwei Jahren war ich nicht hier und das merke ich. Mein kleiner Finger der linken, eigentlich der besseren, Hand bewegt sich weniger. Es fängt immer mit dem kleinen Finger an und geht hoch – bis nichts mehr geht. Das will ich nicht. Ich habe noch so viel vor!

„Gut siehst du aus!“, sagt mir die Therapeutin, die ich schon aus den letzten Jahren kenne.

„Wenn du nur wüsstest.“, hätte ich am liebsten geantwortet, aber ich schweige und lächle nur müde. „Danke schön.“, antworte ich kaum hörbar.

„Und, warum bist du hier?“

Hier fängt jedes Gespräch, jedes Kennenlernen wie im Knast an. Jeder hat seine Geschichte, sein Leid, von dem man schnellstmöglich und so oft es geht berichten möchte. Ich höre meistens nur zu, ich habe gar nichts zu erzählen. Oder soll ich erzählen, dass sich mein kleiner Finger nicht mehr bewegt und dass es mir Angst macht? Dass ich gar nicht weiß, was ich ohne der Funktion meines kleinen Fingers tun soll und überhaupt weiß ich nicht, wie mein Leben später, wenn wirklich N I C H T S mehr geht, aussehen soll…

Also höre ich viele Geschichten über Schlaganfälle, über Diagnosen, über blöde Ärzte, über neue Hilfsmittel. Und danach kenne ich die Menschen immer noch nicht.

„Was beschäftigt DICH? Weg von deinen Krankheiten, deinen häßlichen Hilfsmitteln – WER bist du?!“ – darauf gibt mir hier keiner eine Antwort.

„Und, wie viele Paar Schuhe hast du diesmal dabei?“, fragt die Ärztin.

„Acht.“, antworte ich lachend.

Foto: nw.de

Anastasia Umrik

Anastasia Umrik

Bloggerin, Unternehmerin bei inkluWAS
Ich schreibe über das Leben. Ehrlich, humorvoll und überspitzt möchte ich in meinem Blog mutig sein und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt geben. Dass ich im Rollstuhl sitzend schreibe, ist nur dann relevant, wenn man sich mit mir auf einen Kaffee treffen will und auf der Suche nach einer barrierefreien Location ist.
Anastasia Umrik

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4 Kommentare

  1. Kopf hoch dieser Klinikalltag war,ist und wird immer das letzte sein samt diesen,, leckeren,,essen das tote weckt.

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