„Der Fall Umrik“

Er zog seine linke Augebraue hoch. „Sooooo, Frau Umrik.“, sagte er langsam.
Ich mag es nicht, wenn man einen Satz mit „so“ beginnt und das „O“ länger als nötig in die Länge zieht. Es klingt so, als wolle er Zeit zum Nachdenken gewinnen, als wäre ich – Frau Umrik – ein besonders komplizierter Fall. Eine Akte, eine komplizierte Angelegenheit. Für Arbeitssuchende mit einer Behinderung gibt es sogar eine gesonderte Abteilung bei der Agentur für Arbeit. In manchen „Fällen“ ist das sicherlich sinnvoll und richtig, aber warum dabei jeder Mensch mit einer Behinderung über einen Kamm geschert wird, habe ich nicht verstanden. Es gibt schließlich auch keine Spezialabteilungen für Frauen.

Ich fragte: „Entschuldigung, was genau haben Sie mit mir vor?“
Er zog seine rechte Augenbraue hoch, als würde er nicht verstehen, was ich da von mir gebe. „Na, weil Sie einen Behindertenausweis haben. Und…“ – er guckte in die Akte – „Sie haben einen GdB 100 und…“ – er führte seinen Finger entlang der vielen Buchstaben (da hat sich jemand aber ganz viel Mühe gemacht meinen ‚Fall‘ aufzuschreiben, man fühlt sich ja beinahe geschmeichelt!) – „sogar ein ‚B‘ im Ausweis! Somit ist es ganz klar!“
Ich zog meine Augenbrauen zusammen. „Was ist klar…?!“
„Na, SIE finden keinen Job auf dem freien Arbeitsmarkt!“

Ich schnappte nach Luft. Mein Mund wurde trocken. Ich biss mir auf die Lippen. Ob ich schockiert war? Nein. Ich überlegte, ob ich gehen sollte oder ob ich mir die Lösungsvorschläge für meine Zukunft anhören sollte: Von jemandem, der mich zum ersten Mal sieht und nichts über meine Kompetenzen weiß. Ich blieb und tat so, als würde ich zuhören.
Ich hörte lediglich einige Stichworte: Werkstatt für Behinderte, Berufsbildungswerk, Verwaltung, Büro… Weiterbildungsmaßnahmen für Behinderte… Callcenter…

…unwillkürlich schaltete ich ab und schmiedete meinen eigenen Lebensplan.

In meinem Alltag lerne ich sehr viele Menschen mit einer Behinderung kennen. Wie bei den Nichtbehinderten auch, gibt es darunter Menschen, die faul sind oder aufgrund ihrer körperlichen / geistigen Verfassung nicht arbeiten können. Dennoch begegne ich vielen Akademikern, eloquenten und gebildeten Menschen, die durchaus in der Lage wären beruflich einiges zu erreichen! Wenn man sie ließe. Wenn man die Vermögensgrenze abschaffen würde, wenn die Arbeitgeber behinderte Arbeitnehmer als vollwertige Mitarbeiter betrachten würde, wenn man… dann…

Und ich wusste, ich werde mein Ziel erreichen.

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