Am Hamburger Flughafen wird über eine KOPFSTÜTZE diskutiert…

Es ist unfassbar. Hier hat alles begonnen und so geht es weiter…

11.06.2014, 18:19 Uhr

Sehr geehrter Herr E.,

auch ich bedanke mich für Ihre Antwort. Schön, dass Sie sehr ausführlich Ihren Standpunkt formulieren; das zeigt mir, dass Sie versuchen sich mit der Situation auseinanderzusetzen.

Gerne beschreibe ich Ihnen nochmal den Verlauf:

Bei meiner ersten Reise (September 2013) sagte man mir, dass es generell keine Alternativen gibt und ich müsse mich mit den vorhandenen Rollstühlen anfreunden. Diese Tatsache möchte und werde ich niemals akzeptieren.

Das heißt, dass ich bei meinem Abflug nach Antalya am 29. Mai 2014 gar nichts von der Option, meinen anstehenden Flug anmelden zu können, wusste. Um 5 Uhr morgens war es demnach zu spät (oder zu früh), um etwas zu ändern. Erst DANN hat mir Herr K. seine Kontaktdaten gegeben, die ich sorgfältig aufbewahrt habe. Vor meiner Rückreise nach Deutschland habe ich ihm dann auch geschrieben…
In Hamburg sagte mir ein (ebenfalls sehr netter) DRK-Mitarbeiter: „Da haben Sie aber Glück gehabt, dass der Rollstuhl zufällig in der Nähe war, so dass wir ihn mitnehmen konnten.“ Zufall?, hakte ich nach. Man habe nichts weitergeleitet? Nein, man wusste von nichts.

Es ist also dem ZUFALL überlassen, ob ich (eigentlich wir alle!) diese Tortur nochmal überstehen muss?

Die Aussage, dass der Rollstuhl mit einer Kopfstütze zu teuer in der Anschaffung sei, wurde an dem besagten Morgen getroffen – dafür habe ich drei Zeugen, aber ich würde mir wünschen, dass Sie mir in Zukunft glauben. Ich will weder Ihnen noch dem Ruf des Flughafens schädigen.

Ich bitte Sie um keinen Luxus. Ich erwarte kein Champagner, keine Rosen und keine persönliche Begrüßung. Aber ich verlange nach einer menschenwürdigen Möglichkeit in das Flugzeug zu gelangen. Es ist ja auch in Ihrem Sinne, dass Ihre Fluggäste entspannt, zufrieden und glücklich sind.

Wir haben 2014 und diskutieren ERNSTHAFT über eine Kopfstütze, die manche Passagiere aufgrund ihrer Behinderung oder Krankheit benötigen?! Ich bitte Sie…

Ich hoffe immernoch auf eine Lösung.

Mit freundlichen Grüßen
Anastasia Umrik

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Kleopatra Dreams Beach Hotel

Allgemein:

Das Hotel „Kleopatra Dreams Beach“ hat nicht nur mich positiv überrascht und beeindruckt. Auf den zweiten Blick aber erst. Nach der Ankunft kam der große Schreck: Wie soll ich DEN Berg runterkommen?! So etwas Steiles habe ich noch nie in Deutschland erlebt… zumindest nicht legal. Es ging. Es geht immer irgendwie! Ich nannte es liebevoll den „Teufelsberg“ und holte immer tief Luft bevor ich rauf oder runter fuhr.

Ich lebe noch.

Das Hotel:

Ebenerdig. Mit Fahrstuhl. Groß. Es gibt nichts zu meckern. (Man könnte ja immer, wenn man will…)
Das Essen war ausgezeichnet, sehr abwechslungsreich. Vegetarier würden dort überleben, Veganer jedoch eher nicht.

Das Zimmer:

Es geht besser, aber es geht definitiv auch schlechter. Das Zimmer und das Bad sind vergleichsweise zu den deutschen Standards sehr klein. (Wobei die Deutschen die Vorgaben hin und wieder gern mal ignorieren.) Wenn man nicht gerade viel Alkohol im Blut hat, dann bleibt die Möbel heil und der Rollstuhl auch.
Interessant war es beim Duschen: Die Dusche hat eine Stufe in Höhe von ca. 15 cm und ist mit nur wenigen Reifen überwindbar. Nach zahlreichen Überlegungen und Abwägungen und letztendlich der Notwendigkeit, musste ich auf dem Klo sitzend duschen. Diese Lösung hat sich als sehr effizient erwiesen und sollte aus diesem Grund weitergetragen werden.

Das Personal:

In diesem Hotel hat keiner über mich oder über meinen Kopf hinweg mit meiner Begleitung gesprochen. Keiner dachte, ich sei nicht ansprechbar oder nicht in der Lage selbst zu antworten. Das sagt doch vieles aus, oder? Ob und inwieweit die Englischkenntnisse vorhanden waren, ist mir insofern ziemlich egal… (Sie konnten dennoch in drei Sprachen mit uns sprechen.)

Die Umgebung / Strand:

Zugänglich. Ich war nah am Wasser, aber nicht im Wasser (auch nicht im hoteleigenen Pool).
In der Sonne.
Shoppen konnte ich auch.
Ich bin eine glückliche Frau!

Der Leitsatz in diesem Hotel (und Land): Wenn etwas möglich zu machen ist, wird es möglich gemacht. Und zwar sofort.

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Gezählt: Es waren 1823 Blicke.

Hamburg, 7. Juni 2014

Sehr geehrter Herr E.,

erneut muss ich Ihnen leider schreiben. Obwohl, was heißt ‚leider‘? Ich schreibe Ihnen gerne, denn ich möchte, dass Sie als einer der wichtigsten Köpfe des Hamburger Flughafens über die dortige Mobilitätssituation erfahren. Es ist nicht vorwurfsvoll gemeint, wenn ich behaupte, dass Sie selten die Gelegenheit bekommen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Pünktlich waren wir am Flughafen: Ahnend, dass nicht alles glatt laufen und hoffend, dass es diesmal nicht allzu katastrophal enden wird. Um 05:00 Uhr kamen die Mitarbeiter des DRK mit einem Klapprollstuhl, das Objekt, das mich unmittelbar an das negative Erlebnis im September 2013 erinnerte, als ich zwei Wochen lang ohne Rollstuhl sein musste. Ich schmunzelte. Es hat sich also nichts geändert. Unermüdlich erklärte ich ERNEUT den Mitarbeitern, weshalb dieser Rollstuhl für mich absolut nicht gehen KANN… Man erinnerte sich an mich. Man habe meine E-Mail von damals gelesen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich in diesen furchtbaren Stuhl setzen zu lassen und mich erneut den unangenehmen Blicken, dem körperlichen Schmerz auszusetzen. Den ganzen Flughafen… rauf und runter, am ende jeden Ganges… und nochmal… und wieder… und die Kontrolle… und…

Beim Boarding endlich angekommen, sagte man uns, die Maschine würde sich wegen uns verspäten. Alle Passagiere wären schon drin und wir sollen uns beeilen. Noch mehr Blicke. Diesmal waren es Blicke voller Verachtung, Genervtheit und Unverständnis. Ich war die Zielscheibe dessen.

Wissen Sie, ich bin eine selbstbewusste Frau und im normalen Alltag kann damit wunderbar umgehen. Täglich ignoriere oder sehe ich die Blicke nicht. Sollen doch alle gucken! Sollen doch alle denken was sie wollen! Ich war urlaubsreif. Dachte: „Gleich ist es vorbei. Gleich sitzt du in diesem blöden Sessel und alles ist vorbei. Und du bist in der Sonne. Denk an den Strand, denk an das erste Getränk am Pool… Gleich ist es vorbei.“ Die Frau, die neben mir sitzen sollte, tauschte ihren Platz mit ihrem Ehemann. Man konnte ‚die Situation‘ schließlich nicht einschätzen. Der Herr neben mir war eingeschüchtert, war ängstlich. Wer weiß, wozu die Behinderte in der Lage ist…
Ich musste erst 27 Jahre alt werden, um DAS zu erleben. Ein schreckliches Gefühl!

(Ich provozierte ihn, indem ich zu meiner Freundin sagte, dass ich vermute gleich einen Anfall zu bekommen und sie wüsste ja was das zu bedeuten hat…)

Lieber Herr E., ich weiß, für die letzte beschriebenen Situation können SIE nichts. Aber irgendwie auch schon, denn hätte der Stuhl eine Kopfstütze gehabt, wären wir schneller am Gate, im Flugzeug und ich wäre nicht ‚die Behinderte, die ihren Kopf nicht halten kann und wegen der wir auch noch später losfliegen können‘. Ich muss es so drastisch formulieren – andere Worte finde ich nicht für meine Empfindung.
„Ein Rollstuhl mit einer Kopfstütze ist bei geringer Nutzung viel zu teuer.“, erklärte man mir. Das können Sie nicht wirklich so meinen oder?!

Etwas Positives muss ich trotz allem loswerden. Sie haben großartige Mitarbeiter beim DRK-Mobilitätsservice. Ein Herr, der mich unterstützt hat (28.05.2014, 05:00 h) verdient eine Urkunde und eine Prämie dazu. Geduldig, sehr nett, höflich, charmant und professionell. Um solche Mitarbeiter dürfen Sie beneidet werden!

Gerade bin ich erholt. Mein Urlaub in Alanya war großartig, auch wenn es zunächst erneut in einer Katastrophe zu enden schien.
Übrigens fliege ich bald erneut, diesmal nach Paris.

Ich hoffe erneut, dass Sie eine Lösung für alle Beteiligten finden. Vielleicht kann ich Sie dabei unterstützen?

Mit freundlichen Grüßen

Anastasia Umrik

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„Der Fall Umrik“

Er zog seine linke Augebraue hoch. „Sooooo, Frau Umrik.“, sagte er langsam.
Ich mag es nicht, wenn man einen Satz mit „so“ beginnt und das „O“ länger als nötig in die Länge zieht. Es klingt so, als wolle er Zeit zum Nachdenken gewinnen, als wäre ich – Frau Umrik – ein besonders komplizierter Fall. Eine Akte, eine komplizierte Angelegenheit. Für Arbeitssuchende mit einer Behinderung gibt es sogar eine gesonderte Abteilung bei der Agentur für Arbeit. In manchen „Fällen“ ist das sicherlich sinnvoll und richtig, aber warum dabei jeder Mensch mit einer Behinderung über einen Kamm geschert wird, habe ich nicht verstanden. Es gibt schließlich auch keine Spezialabteilungen für Frauen.

Ich fragte: „Entschuldigung, was genau haben Sie mit mir vor?“
Er zog seine rechte Augenbraue hoch, als würde er nicht verstehen, was ich da von mir gebe. „Na, weil Sie einen Behindertenausweis haben. Und…“ – er guckte in die Akte – „Sie haben einen GdB 100 und…“ – er führte seinen Finger entlang der vielen Buchstaben (da hat sich jemand aber ganz viel Mühe gemacht meinen ‚Fall‘ aufzuschreiben, man fühlt sich ja beinahe geschmeichelt!) – „sogar ein ‚B‘ im Ausweis! Somit ist es ganz klar!“
Ich zog meine Augenbrauen zusammen. „Was ist klar…?!“
„Na, SIE finden keinen Job auf dem freien Arbeitsmarkt!“

Ich schnappte nach Luft. Mein Mund wurde trocken. Ich biss mir auf die Lippen. Ob ich schockiert war? Nein. Ich überlegte, ob ich gehen sollte oder ob ich mir die Lösungsvorschläge für meine Zukunft anhören sollte: Von jemandem, der mich zum ersten Mal sieht und nichts über meine Kompetenzen weiß. Ich blieb und tat so, als würde ich zuhören.
Ich hörte lediglich einige Stichworte: Werkstatt für Behinderte, Berufsbildungswerk, Verwaltung, Büro… Weiterbildungsmaßnahmen für Behinderte… Callcenter…

…unwillkürlich schaltete ich ab und schmiedete meinen eigenen Lebensplan.

In meinem Alltag lerne ich sehr viele Menschen mit einer Behinderung kennen. Wie bei den Nichtbehinderten auch, gibt es darunter Menschen, die faul sind oder aufgrund ihrer körperlichen / geistigen Verfassung nicht arbeiten können. Dennoch begegne ich vielen Akademikern, eloquenten und gebildeten Menschen, die durchaus in der Lage wären beruflich einiges zu erreichen! Wenn man sie ließe. Wenn man die Vermögensgrenze abschaffen würde, wenn die Arbeitgeber behinderte Arbeitnehmer als vollwertige Mitarbeiter betrachten würde, wenn man… dann…

Und ich wusste, ich werde mein Ziel erreichen.

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Bist du… behindert?!

Ich muss zugeben, das kann ich mir gar nicht vorstellen: Rausgehen, und ein ‚Geheimnis‘ mit sich zu tragen, von dem sonst nur die Wenigsten wissen. Man selbst weiß darüber alles, paar Freunde und einige Mitarbeiter diverser Behörden ahnen es, verstehen es aber nicht. Eine unsichtbare Behinderung! Wow! Ist das nicht toll?, habe ich mich mal gefragt. Nein!, riefen Betroffene. Schade.

Meine Fantasie lässt mich dennoch nicht los. In meinen Gedanken gehe ich zum Bus – denn schnell laufen kann ich ja nicht. Macht aber nichts, ich habe Zeit. Der Bus fährt mir vor der Nase weg, ich ärgere mich nicht – warum auch? Ich hätte schließlich vorher losgehen können. Ich warte auf den nächsten Bus, der in zehn Minuten kommen soll, und genieße den Hamburger Wind, den ich sonst so verachte. Macht heute aber nichts, man kann sich schließlich warm anziehen. Neben mir stellt sich ein schöner Mann hin, er wartet wahrscheinlich auch auf den Bus. Er ist aus der Puste. Wie blöd. Und wie schön, dass ich so entspannt bin. Ich lächel ihn an und er – er guckt nicht wie üblich lächelnd nach unten, sondern wir können uns direkt in die Augen sehen und dabei lächeln. Eine neue Perspektive, irgendwie aufregend! Ich werde rot und bin mir sicher, das liegt an der neuen Perspektive. Er sagt irgendwas von „Muss los, meld‘ dich doch ma‘.“ und irgendwas von Kaffee. Schon halte ich seine Visitenkarte in der Hand und sehe keinen schönen Mann mehr. Und ich mag eigentlich keinen Kaffee. Wie blöd. Jetzt ist aber der Bus da und ich hüpfe im Rahmen meiner gegeben Möglichkeiten in den Bus und fahre zum Teetrinken in die Stadt. Im Bus guckt mich keiner an, ich bin eine von vielen. Für das nächste Mal beschließe ich einen bunten Hut anzuziehen, um irgendwie aufzufallen. Eine von vielen zu sein war noch nie so mein Ding, denke ich, und schiebe mir einen Bonbon in den Mund.

Freunde, die ein ‚Geheimnis‘ mit sich tragen, erzählen aber von solchen Situationen:

„Ach, blöd, schon wieder war der Behindertenparkplatz besetzt! Ständig parkt ein anderes Auto dort! Und wenn du glaubst, das wären Menschen, die darauf angewiesen sind, dann täuscht du dich. Ha! Nur die Wenigsten haben einen Parkausweis! Und überhaupt sind Behindertenparkplätze in Hamburg eher eine Mangelware…“

„Wenn ich laufe, sieht man mir zwar nichts an, aber am Liebsten würde ich ‚NICHT SCHUBSEN, ICH HABE JOGURT IM RUCKSACK!!!‘ rufen! Ich fühle mich so unsicher auf den Beinen, dass ich angst vor jedem Windstoß habe.“

„Gestern habe ich mich mit einer älteren Dame im Bus streiten müssen. Sie wollte, dass ich für sie aufstehe und ich erklärte ihr, dass ich nicht alleine aufstehen kann. Sie pöbelte mich an, wie unverschämt ich mit meinen jungen Jahren sei… Wirklich peinlich!“

Was lernen wir daraus? Behindert ist nicht gleich Behindert. Und nicht sichtbar Behindert ist nicht gleich Nichtbehindert.

Und: Hört auf, auf den Behindertenparkplätzen (zu mindestens in Hamburg) zu parken!!!!!!! Sonst fliegen bald rohe Eier an die Frontscheiben!!!

Ach nee, ich krieg‘ die Arme nicht hoch, auch wenn man es mir nicht ansieht.
Egal. Trotzdem. Hört auf damit. Bitte!

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Wo sind sie denn, die Rollstuhlfahrer?

03:00 Morgen. Totmüde im Bett liegend postete ich auf Facebook:

„Ich war heute beim Ball Papillion – ein Charityball der Deutschen Muskelschwundhilfe e.V. zugunsten von Muskelkranken. Die einzigen Rollsruhlfahrer waren der Veranstalter selbst und meine Wenigkeit. Ich frage mich: WO seid ihr? WIE wollt ihr zur Inklusion beitragen?? Ich bin enttäuscht. Ich bin empört.

Gleich hinterher twitterte ich unter @AnastasiaUmrik:
„Auf einem #Charityball eine von zwei Rollstuhlfahrern zu sein, ist wie Fahrradfahren ohne Fahrrad.“

Am nächsten Morgen wusste ich, es werden viele Kommentare und vielleicht sogar Mails dazu kommen. In der Tat (vielen Dank dafür!): Einige schrieben, die Anfahrt zu dem Event sei ihnen zu weit gewesen; andere schrieben, 200 € Eintrittspreis sei eine Frechheit und bei so viel Geld verginge ihnen die Lust auf jegliche Inklusion. Andere schrieben wiederum, dass ein Besuch auf dem Marktplatz effektiver zu der Inklusion beitragen würde. „Stimmt!“ – dachte ich, und testete es aus.

Es ist mir – als Morgenmuffel – nicht leicht gefallen extra früher aufzustehen, aber ich wusste wofür ich es machte: Feldstudie für meinen nächsten Blogbeitrag. Konnte es tatsächlich sein, dass ausschließlich wegen des Preises die Betroffenen nicht zu dem Ball gekommen sind und auf dem Markt wirklich mehr Menschen mit einer Behinderung sich tummeln und unterhalten, handeln und einkaufen würden? Ich hoffte es!
Ich blickte mich um: Viele Menschen, alle Altersgruppen, vermutlich alle Ethnien, nur kein einziger Rollstuhlfahrer. Mission gescheitert? Nein. Ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben: Vielleicht lag es ja an meiner Wohngegend, vielleicht am Wetter, vielleicht wohnen hier tatsächlich wenige Rollstuhlfahrer – und die, die hier wohnen, wollten ausgerechnet heute Morgen nicht auf den Markt? Bestimmt.

Ich wollte an diesem Morgen nicht umsonst aufgestanden sein und machte mich auf den Weg zu einem anderen Markt, der zentraler, größer, noch besser besucht war. Voller Hoffnung schaute ich mich erneut um: Viele lachende (in Hamburg schien die Sonne, was leider sehr selten ist), ’schnackende‘ und gutgelaunte Menschen flanierten, blieben stehen, suchten sich Obst und Gemüse aus. Kein einziger Rollstuhlfahrer in Sicht. Nun, vielleicht sind die vielen Rollstuhlfahrer ja schon weg?! Vielleicht bin ich ja zu spät?! Ich fragte einen Händler, der nahe am Eingang seinen Stand hatte, ob er heute morgen (er erzählte, er sei schon ab 6 Uhr dort gewesen) andere Rollstuhlfahrer oder ‚zu mindest‘ Menschen mit einer sichtbaren Behinderung gesehen hätte. Er schüttelte den Kopf. „Manchmal kommt hier die Renate aus der Nachbarschaft her. Aber das war’s dann auch schon. Selten hier jemand mit ’nem Wagen oder sowas.“, erzählte er in einem sympathischen Hamburger Dialekt. Ich wollte dennoch nicht aufgeben, bestellte mir einen Kaffee, genoss die Sonne und prüfte die Menschen auf ihre Behinderungen. An diesem Morgen bin ich mit der Erkenntnis nach Hause gefahren, dass es entweder wenige Menschen mit einer Behinderung in Hamburg leben oder diese schlicht und einfach nicht rausgehen.

(Falls dieser Gedanke Ihnen gerade durch den Kopf geht: Ich gehe wirklich oft raus. Nur in 1 von 28 Malen begegne ich im Durchschnitt einem anderen Menschen mit Behinderung. Klingt unglaubwürdig, ist aber so.)

Fakt ist: Ganz egal, ob der Eintritt 2 € oder 200 € kostet, WIR sollten rausgehen. Wir sollten Gesicht zeigen und damit beginnen, zu unserer Behinderung zu stehen und mit Selbstbewusstsein über der Tatsache, dass noch nicht alles in unserer Gesellschaft optimal ist, stehen. Und auf die Misstände hinweisen, sie – wenn möglich – verbessern.

Lasst uns doch mal effektiv – bei UNS, die davon abhängig sind – mit der Umsetzung der Inklusion beginnen:

– Falls Sie ein behindertes Kind haben: Schicken Sie es niemals auf eine ‚Sonderschule‘. (Falls nicht: Sprechen Sie mit ihrem Kind offen über andere Behinderungen, erlauben Sie ihm Fragen zu stellen und auch mit dem Finger auf andere zu zeigen.)

– Gehen Sie aktiv raus, lächeln Sie und atmen Sie die dreckige Stadtluft ein.

– Meckern Sie nicht über Stufen und sonstige Barrieren, sondern über die Bundestagswahl oder die NSA.

– Suchen Sie sich ein Hobby wie Kochen, Backen oder Holzschnitzen. Konzentrieren Sie sich nicht permanent auf die negativen Seiten Ihrer Behinderung!

– Lachen Sie, wenn jemand über Sie stolpert. (Kann doch mal passieren.)

– Sagen Sie jemandem, wie schön und interessant Sie jemanden finden und fragen Sie nach seiner / ihrer Telefonnummer (sofern Sie nicht schon jemanden Zuhause warten haben. Wenn doch: Wann haben Sie das letzte Mal Ihrem Partner gesagt, wie attraktiv Sie ihn finden?)

– Diese Liste ist beliebig fortzuführen und natürlich in einzelnen Punkten variierbar.

– Fangen Sie einfach mal an… Der Rest wird sich schon ergeben.

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