Fahr wenn du kannst

Das war noch gar nicht allzu lange her, ich glaube im Herbst 2015. Ich war auf dem Weg nach Hause und traf an der Bushaltestelle in der Innenstadt meinen Nachbarn. Er ist ein ganz lieber älterer Mann, so um die 65. Er freut sich jedes Mal sehr mich zu sehen, lacht und fragt immer, ob es mir denn gut gehen würde. Wir reden gar nicht viel, aber wir lächeln uns nach dem kurzen Smalltalk immer lieb an – bis einer von uns aus dem Bus steigt. „Tschühüß!“, sage ich dann und weg ist er.

An dem besagten Nachmittag war alles wie immer. Wir stiegen einander anlächelnd in den Bus, der rappel voll war. Er stand neben mir.

„Ich halte dich fest.“, sagte er.
„Nein, nein, brauchen Sie nicht. Alles gut.“, ich lächelte. Ich bin ja nett und verdammt höflich. Manchmal zu höflich.
„Doch, doch.“
„Er meint es gut.“
, dachte ich und sagte nichts mehr dazu. „Kann er ja machen, wenn er sich dabei großartig fühlt.“

Ich merkte, dass er mir immer näher kam.

„Nein, nein, du spinnst. Du übertreibst. Das ist ein alter Mann, ihr kennt euch, er ist nett! So etwas würde er nicht machen… nein… oder… ALTER???!!!“ – ich riss die Augen weit auf und… ja, ich schwieg. Ich bekam kein Wort raus, meine übliche Schlagfertigkeit war wie weggeblasen. Nach dem ersten kurzen Schock hob ich meinen Blick, lächelte nicht mehr und machte, ohne einen Ton zu sagen, deutlich: „Alter Mann, du machst dich gerade SEHR lächerlich.“ Die Beule war verschwunden. Mein Abend ist gelaufen.

Das war nur eine Geschichte von ganz vielen, die ich erlebt habe. Mit Männern in jedem Alter, mit verschiedener Herkunft, unabhängig von der Bildung. Schöne, schlaue Männer, die einen nachts verfolgen, die aus dem Nichts ihre Schwänze fotografieren und es dir via Whatsapp oder E-Mail schicken, die am Fenster stehen und die plötzlich immer und immer wieder an ‚deinen‘ Orten auftauchen. Ja, das ist leider wahr und leider gar nicht mal so selten.

Inzwischen weiß die ganze Welt, was in der Silvesternacht in Köln / Hamburg und auch in anderen Städten passiert ist. Es ist ein Drama. Es bewegt mich. Aber ich möchte nicht auch noch meinen Senf zu dem Thema geben. Vielleicht sollte ich es nur in einem Satz zusammenfassen:

„Kriminelle Arschlöcher!“

In den Medien gehen u.a. auch Verhaltenstips für die Frauen rum: Sie sollen eine #eineArmlaenge Abstand zu unbekannten Männern halten, sie sollten möglichst sportliche oder flache Schuhe tragen, falls sie weglaufen müssen  und auf keinen Fall sich die Drinks ausgeben lassen!
Schön und gut, aber was ist mit der Gewalt im Alltag – ohne Masse, ohne Panik, wenn man ganz auf sich gestellt ist. Was, wenn der Mann gar nicht ein unbekannter Fremder ist, sondern dein Nachbar, vielleicht sogar dein (hoffentlich ehemaliger) Kumpel? Und was, wenn du nicht rennen kannst…?! Was, wenn du deine Arme nicht heben kannst, um dich zu wehren?

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Du kennst so etwas wie „Angst“ gar nicht.

Du kannst nicht rennen, ja, das wissen und sehen alle. Auch der Mann, der davon ausgeht, du seist eine leichte Beute. Bist du aber nicht! Du fährst. Und zwar schnell. Nicht zu schnell, weil du sowieso den Fußgängern unterlegen bist. Im schnellen Schritttempo auf Bordsteine und Glassplitter achtend. Du provozierst nicht unnötig mit wütenden Blicken oder Worten. Meide Blickkontakt und fahre los. Fahre in ein Café oder einen Laden, wo nicht allzu viele Menschen sind – dort bemerkt man dich eher. Menschenmassen sind fatal!

Angst? Nein. Die hilft dir nicht, das wird dich nur lähmen. Mach dir bewusst, dass Männer, die Frauen missbrauchen, verfolgen, stalken oder belästigen, meistens ganz arme Würstchen sind. Mit einem sehr kleinen Penis. Die können nichts mit Frauen, die ihnen die Stirn bieten, anfangen. Du hast keine Angst, du kennst so etwas gar nicht. Du bist stolz. Aber du bist wachsam und vorsichtig. Du kannst die Situation einschätzen und gibst dich seiner körperlichen Überlegenheit nicht hin, lässt dich nicht von den Beleidigungen einschüchtern. Du wählst die Nummer eines deiner Freunde / Familienmitglieds oder der Polizei und bist auf alles vorbereitet.

Weil du die Situation einschätzen kannst, kannst du auch einschätzen, ob es möglich ist mit dem Mann in einer üblichen Tonlage zu sprechen. Das erwartet er nicht, er findet es SO absurd, weil er nur mit Angst und Flucht rechnet. Damit könnte er umgehen, das bestätigt ihn in seiner ersehnten Macht.

Eine kurze von mir erlebte Geschichte: Ich war mit meiner Freundin unterwegs, als uns ein Mann aufgefallen ist, der ständig dort auftauchte, wo wir waren. Am Bahnhof, im Café, am Wasser… Wir wunderten uns und meine Freundin fühlte sich dabei unwohl, war total unentspannt, hatte angst mit der Bahn zu fahren. „Kann ich dir iiiiiiiiiiiirgendwie helfen?!“, rief ich zu ihm rüber. Er starrte mich erschrocken an. „Wenn nicht, wäre es großartig, wenn du uns nicht mehr verfolgst. Ehrlich. Das nervt!“ Er stammelte etwas von „Äh… ich… warte hier nur… äh…“ – „Dann warte gefälligst woanders, du Honk!“, rief ich wütend. Und weg war er. Ja, es war vielleicht etwas zu unvorsichtig, ich habe mich selbst dabei überschätzt. Es muss nicht immer so enden. Aber es kann.

Männer können selten damit umgehen, ausgelacht zu werden. Angst und Unsicherheit motiviert sie weiterzumachen, die Macht auszuüben und zu zelebrieren. Verachtung killt das Selbstbewusstsein. Und was deine Beine (oder Arme) nicht können, können deine Blicke und deine Mimik.

Belächeln und verachten. Das ist genauso wichtig, wie Liebe und Freundlichkeit. Es hilft dir, weiterzukommen oder dich zu wehren.

Ganz egal ob in Turnschuhen, Ballerinas oder High Heels.

Egal ob im Rollstuhl oder ohne. Du bist die Queen, du darfst dich kleiden wie du willst.

 

Trotzdem: Bitte nimm deine Erlebnisse ernst. Wisch es nicht mit einer unsicheren Handbewegung aus deinem Kopf, aus deinem Herzen. Immer dann, wenn das Gefühl Alarm schlägt, immer dann wenn der Körper sich verkrampft, stimmt etwas nicht. Sprecht darüber.

Hier ist eine gute Adresse, falls du es lieber anonym bzw. professionell haben willst:

SUSE, eine Beratungsstelle für Mädchen und Frauen mit Behinderung.

BFF, ein Verein für Frauen, die von Gewalt jeglicher Form betroffen sind.

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Happy Nikolow!

Heeeey Hooooooo! Der Niko war da!

Ich muss gestehen, ich finde den 6. Dezember bisschen sympathischer als den 24.: Kekse, Kerzen, alle sind (meistens) fröhlich, Weihnachtsstimmung – und all das ohne Druck. Ohne Geschenkezwang. Jeder freut sich über eine kleine Aufmerksamkeit, aber keiner ist beleidigt, wenn man nichts hat.

Wir von inkluWAS haben eine ganz besondere Überraschung zum Nikolaus für euch. Eine Special Edition mit dem „LOVE“-Design, das ihr vielleicht schon kennt. Ein Design, das auf eine schicke Art und Weise für die Gebärdensprache sensibilisiert und vor allem die Message hat: „All you need is love. Not war.“

Jetzt, nur für kurze Zeit, gibt es Shirts und Beutel mit einem Metallicprint!

All‘ das, damit ihr auf den Weihnachtsfeiern gut ausseht und nicht nur eure Augen leuchten. Gleichzeitig zeigt jeder, der das Shirt trägt: „Ich bin für mehr Toleranz und Vielfalt in unserer Gesellschaft!“

Achtung: Es gibt von jedem Artikel nur 50 Stück!! Wer zu erst bestellt, bekommt eins. 

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Schönen Sonntag an alle – mit hoffentlich ein paar Nikolausis!

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Wer mit den Augen lachen kann, der kann auch mit den Blicken küssen.

„Wie sage ich ihr denn ‚Hallo‘?“ schoss es mir durch den Kopf, als ich auf dem Weg zu der Verabredung mit meiner Freundin war, die ebenfalls eine Muskelerkrankung hat. Früher, als wir nur gute Bekannte, am Rand zur Freundschaft waren, war es einfacher. Da war die Welt noch in Ordnung, als wir uns nur mit einem Strahlen und einem „Heeeeeey!“ begrüßen konnten. Es war angemessen. Jetzt haben wir die Grenze überschritten und sind Freundinnen.

Die meisten meiner Freunde haben keine Behinderung. Sie umarmen und knutschen mich – ohne vorher zu fragen, weil wir es so machen. Wir umarmen und knutschen, ohne dass man vorher wie bei Fremden fragt: „Darf ich dich umarmen und ein Küsschen links-rechts-links-rechts-links-rechts geben?“ Das ist das Schöne an Freunden. Ich muss nicht extra sagen: „Ja, du darfst mich umarmen.“ oder „Darf ich dir einen Kuss geben?“

Die Freunde mit Behinderung kann ich weder umarmen, noch küssen. Sie mich auch nicht. Das ist ein technisches Problem: Der Rollstuhl ist im Weg oder der Körper zu unbeweglich, wir kommen einfach nicht bei einander an! Es ist wie es ist, wir können es nicht ändern. Aber das Bedürfnis, denjenigen den man mag, zu berühren, bleibt.

Ich sah meine Freundin schon aus der Ferne kommen. Wir grinsten uns vor Freude an und… ja, da kam dieser Moment in dem man sich umarmt hätte. Wir schauten uns an und es war so, als wüssten wir beide, was gerade in dem Kopf des Anderen abgeht.

„Fühl‘ dich umarmt. Ganz doll.“, sagte sie plötzlich. „Du dich drei Mal so doll!“, erwiderte ich und lachte erleichtert mit Tränen in den Augen. Ich war ihr so unendlich dankbar, dass sie das ‚Problem‘ so elegant und schön gelöst hat. Wir saßen noch lange in unserem Lieblingscafé und haben darüber gesprochen, wie es sich anfühlt, wenn man an eigene Grenzen kommt und das Gegenüber es nicht kompensieren kann. Wie es sich anfühlt Bedürfnisse zurück zu stecken, so zu tun als gäbe es sie nicht, sie zu verschweigen oder darüber traurig zu sein, dass es einfach nicht anders geht.

Da ist radikale Akzeptanz die einzige Lösung.

Aha, also muss man einfach alles verbalisieren und dann läuft der Hase? So scheint es, wenn man den oberen Textteil liest. Das echte Leben ist in den meisten Fällen leider viel komplexer, die Situationen verzwickter, die Schüchternheit überfällt einen unverhofft und will einfach nicht beiseite gehen. Was dann?

Das ist nicht nur in der Freundschaft ein Problem, sondern auch in der Liebe und Partnerschaft.

Zunächst sollten wir uns von der Vorstellung lösen, dass Nähe, Zuneigung oder Liebe nur durch körperliche Berührungen gezeigt werden kann.

Ich kenne Menschen, die fassen sich ganz viel an und trotzdem fühlen sie sich neben dieser Person einsam. Sie liegen neben einander, sie berühren sich auf unterschiedliche Art und Weise, und träumen dennoch von jemandem, der sie „sieht“. Sie träumen von der Nähe der besonderen Art.

Vielleicht helfen diese kleinen Tips, die ich mir einst zu Herzen genommen habe:

Präsenz: Sei da. Immer wenn du dich mit einer Person verabredest oder mit ihr telefonierst, sei präsent, sei im Jetzt. Das spüren die Menschen. Dadurch kann man sehr leicht die Nähe herstellen und das ist unabhängig vom Körper und Schüchternheit. Egal wie viel du zu tun hast, wische deinen Stress und deine „ToDo-Liste“ kurz beiseite. Alles andere ist unfair.

Aufmerksamkeit: Höre immer aufmerksam zu und stelle Fragen. Ja ja, das steht in jedem Knigge, aber nimmt das auch jeder wirklich ernst?! Es gibt nichts schlimmeres und unhöflicheres, als Unaufmerksamkeit. Wenn du mal nicht aufmerksam sein kannst, weil gerade zu viel los ist in deinem Leben, dann sag die Verabredung lieber ab. Das ist nicht so schlimm, als wenn du mit den Gedanken woanders bist, während deine Freunde oder dein Partner (oder so) dir etwas erzählen.

Augenkontakt: Auch das steht in jedem Knigge, ja. Schau hin, höre zu, nehme ernst. Die Menschen werden dich dafür sehr schätzen und lieben.

Gedanken: Es gibt Menschen, die werden jetzt laut auflachen und einige werden wissen, dass es stimmt. Wenn ihr schüchtern seid, oder die Arme nicht heben könnt, oder sonstige Gründe im Weg sind, dann traut euch zumindest den Gedanken zu haben: „Ich umarme dich. Und eigentlich würde ich dich gern küssen. Ach was, ich küsse dich!“ (Die Gedanken kennen keine Grenzen, man kann damit auch ohrfeigen, wenn es angebracht ist.)

Die Menschen spüren es. Sie (wir!) spüren alles. Man muss sich nur darauf einlassen zu senden und zu empfangen…

Zusammengefasst kann man auch sagen:

Wer mit den Augen lachen kann, der kann auch mit den Blicken küssen.

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Ich, die der Wirtschaft nichts bringt

Es ist schon mehrmals passiert, dass ich vor der Fahrstuhltür stand und nichts rührte sich. Ich drückte, ich wartete, ich trank dabei meinen Coffee To-Go. Ich bin geduldig. Manchmal könnte man sogar behaupten, ich sei SEHR geduldig. Aber irgendwann, das passiert selbst den geduldigsten Menschen, platzt der Kragen.

Was ist passiert?

Ich war nun seit drei Wochen nicht bei der Physiotherapie, weil der Fahrstuhl kaputt ist und ich – wie bekannt – nicht die Treppe nehmen kann. Es ist grundsätzlich kein Drama, ich werde nach einer Woche „Therapiepause“ nicht sterben, ich werde den Unterschied kaum merken. Aber nach mehreren Wochen „Zwangspause“ merke ich’s und mir geht’s körperlich schlechter. Nein, mir geht’s schlecht. Ich habe Rückenschmerzen, fühle mich schwächer, merke, wie meine Muskeln wirklich ‚einschlafen‘. Ich übertreibe nicht.

Ich beschwere mich: Höflich, eindringlich, genervt, müde, traurig, laut. Als Antwort kommt ein Schulterzucken, manchmal ein: „Wir bemühen uns. Wir können nichts ändern.“ Und ich bin wehrlos. Ich werde mit meinem kalt gewordenen Kaffee weggeschickt und werde gebeten zu warten. Wie lange, wisse aber keiner.

Warum keine Hausbesuche oder eine andere Praxis?

Ich gehöre zu den Menschen, die Zuhause nur bedingt arbeiten können (außer am PC und am Fenster). Als Selbstständige finde ich es super alles was ich „auslagern“ kann, auch woanders machen zu können. Außerdem kann ich mich in einer Physiotherapie-Praxis besser auf den Körper konzentrieren, gezielter arbeiten, um mich anschließend besser zu fühlen. Außerdem kommt keiner auf die Idee bei jemandem zu sagen: „Hey, warum machst du deine Yoga-Übungen nicht Zuhause?“

Ja, ich könnte mir jeden Monat eine neue Physiotherapie-Praxis suchen, die gibt es wie Sand am Meer. Gute Therapeuten leider nicht. Wenn man einen guten Therapeuten / eine gute Therapeutin gefunden hat, sollte man sich an ihr festhalten. Ganz doll. Deshalb habe ich bisher noch nicht gewechselt, mache ich aber nun.

Es interessiert niemanden, dass ich nur am Rand der kompletten Schwäche bin und was es für mich bedeutet. Nur noch wenige Wochen, ich spüre es, dann werde ich kaum alleine essen können, kaum meine Augen am Morgen reiben können. Und das, auch wenn es total banal klingt, bedeutet „Freiheit“ für mich.

Die „Neuros“, die die eine Muskelerkrankung haben, bringen nicht viel Geld für die Praxen und der Therapieerfolg ist nicht so greifbar, wie bei jemandem, der Knieprobleme hat. Den Erfolg spürt der Physiotherapeut schneller, wenn der Patient wieder Trampolin hüpfen kann und lachend sagt: „Ich brauche keine Termine mehr!“

Ich werde immer Termine in Physiotherapie-Praxen brauchen.
Auch wenn ich kein wirtschaftlicher Boost bin, bin ich eine Frau, die ihre Freiheit erhalten will.

Über Tips und Empfehlungen zu guten Praxen in der Hamburger Innenstadt bin ich dankbar. Ehrlich.
(Bevorzugt: hübsche Physiotherapeuten.)

Beitragsbild: shirto.de

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Nagellack für ALLE!

Tjaaaaahaha… Mädels, ab sofort ist nichts mehr wie es war. Denn es wurde etwas entwickelt, etwas entdeckt, was nicht nur Spaß macht, sondern auch noch die Schönheit (wenn man es denn schön findet) für ALLE zugänglich macht.

Für ALLE?! Wie, für alle?

Und zwar so:
Egal ob Du ungeschickt bist, zwei linke Hände, zittrige Finger, oder eine Behinderung hast, die dich beim Auftragen des Nagellacks hindert – ab sofort hast Du keine Ausreden mehr! (Deine Assistenten auch nicht.)

Die Genies von Nails Inc haben den ersten Nagellack-SPRAY erfunden!!! Kein Korrigieren, kein Übermalen, kein Verzweifeln mehr. So oft haben einige von Euch geschrieben: „Anastasia, WIE machst du das?!“ und ich bin so glücklich Euch das Produkt präsentieren zu dürfen.

Es heißt Paint Can und wird ab dem 12. November 2015 für ca. 14 € hier zu haben sein. Noch weiß keiner, ob dieses Wunder auch nach Deutschland geliefert wird, aber diese Marke ist auch bei ASOS und Douglas vertreten. Die Hoffnung stirbt also zuletzt.

So funktioniert es:

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Und wenn alles daneben läuft: Wir wechseln uns mit den Wochenendtrips nach England ab und bringen eine Ladung Nagellacksprays mit. Wird schon!

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Die Zahnbürste und ich

Behinderte, Alte und Mütter mit Kindern – kommt bitte alle hierher!“

Ich blickte zu dem Sprechenden und widmete mich erneut meinem, inzwischen dritten, Kaffee. Ich fühlte mich nicht angesprochen. In erster Linie bin ich eine Frau. Zwar an diesem Tag eine müde, etwas zerzauste, vielleicht verwirrte, aber – verdammt nochmal – eine Frau!

(Es ist nicht so, dass ich in solchen Situationen denke: „Ohoooo, du darfst niemals vergessen, dass du nicht nur eine ‚Behinderte‘, sondern eine ‚Frau‘ bist, ohooo!“, sondern – ich fühle es tatsächlich. Und als der Mensch, wahrscheinlich vom Katastrophenschutz, seine Rede an die Schwachen hielt, fühlte ich mich einfach nicht angesprochen.)

Inzwischen war es gegen 14 Uhr und wir hatten genug Zeit und ausreichend Langeweile, uns gegenseitig zu betrachten. Natürlich heimlich. Um mich herum standen Menschen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe und die hier angeblich schon seit acht Jahren leben. Einige erzählten, die hätten heute die Arbeit geschwänzt. Andere, dass ihre Kinder die Windeln vollgeschissen hätten und sie nicht wüssten, was sie nun tun sollten. Den Vollschiss konnte man inzwischen auch schon sehen, aber nicht riechen – die ätherischen Öle übertönten alles. Gott sei Dank!

Ich hing rum. Anders kann man es nicht bezeichnen.

Wir hatten ja sonst nix.“, erzählte meine Nachbarin ihre Kriegsgeschichte. Etwas fehl am Platz, etwas ungünstig, aber durchaus interessant. Wahrscheinlich erlebten die Alten gerade einen Flashback und die Anderen DAS Abenteuer ihres Lebens, von dem sie noch im Sterbebett erzählen werden. „Damals, in Rothenburgsort, als wir alle in Jogginghosen da standen und es im Hochbunker explodierte…“ Ja ja, das waren noch Zeiten.

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Einige Kerle hatten bereits paar Biere intus. Die haben ja sonst nix. Ich bestellte mir auf den ganzen Schock noch einen Kaffee. Wo ich pinkeln werde, wusste ich noch nicht

Natürlich waren viele Pinkel-Möglichkeiten in der Nähe. Kiosk, Bäcker, Dönerladen… alles nur über Stufen erreichbar. Nirgendwo ein Rollstuhl-WC in Sicht.

Mist.

Wo sind deine Betreuer?“, fragte mich meine Nachbarin, die über mir wohnt. Fast hätte ich geantwortet: „Die betrinken sich gerade. Auf den Schock und so.“ Stattdessen murmelte ich nur „Kein Plan. Ehrlich nicht.“

(Für ahnungslose Leser: Ich habe keine Betreuer. Ich hatte noch nie Betreuer. Ich werde niemals Betreuer haben.)

Meine Mutter weinte. Ich konnte sie nicht trösten. Ich musste pinkeln…

„Frau Umrik. Bitte beruhigen Sie sich. Was können wir für Sie tun?“

„Hallo. Ich muss pinkeln. Richtig richtig doll.“ Wenn ich könnte, würde ich von einem Bein aufs andere hüpfen, so wie sie es immer in den Filmen machen.

Ich musste so sehr pinkeln, dass ich nicht mal mehr die Postleitzahl von dem Bunker wusste. Puh!

Ja… da weiß ich jetzt auch nicht… da können wir auch nicht…“

Das war klar!“ Ich wurde panisch.

Vielleicht fährt die Feuerwehr Sie ins Krankenhaus?“

Ich bin nicht krank, ich muss P I S S EN!!!“

Es kam einfach aus mir heraus. Also die Worte, noch nicht das Andere.

Lirumlarum. Ich habe im Altersheim um die Ecke pinkeln können. Und habe mir – für den Notfall – schon einen Schlafplatz für die kommende Nacht organisiert. FALLS ich nicht zurück kann, woran ich eigentlich nicht glaubte. Nee nee, das ist um spätestens 21:53 vorbei. Ganz bestimmt.

Gegen 17 Uhr kam die Verkündung, dass wir heute definitiv nicht zurück konnten. Es brach eine erneute Panik aus, es flossen viele Tränen und noch mehr Bier. Das fiel allerdings kaum auf, weil es sehr stark regnete…

Die Polizisten, die übrigens wirklich gut organisiert waren, brachten nun alle Haustiere und notwendige Medikamente heraus.

Was brauchen Sie?“, fragte mich eine Polizistin in der Gasmaske.

Keine Medikamente, nicht mal einen Hamster. Aber das Ladegerät für meinen Rollstuhl und – bitte bitte – meine elektrische Zahnbürste.“ Es ging einfach nicht mehr. Zähneputzen: sofort! Zwei Stunden lang!

Sie brachte mir alles.

Zahnbürste liebevoll in Klopapier gewickelt.

Und so ging ich in meiner Jogginghose, einem Top, einer Unterhose und die in Klopapier gewickelte Zahnbürste zu meiner neuen Bleibe.

Müde, schlapp, mit der Hoffnung, dass morgen alles wieder gut ist.

>> Fortsetzung folgt. <<

Fotos: shz.de und abendblatt.de 

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Geht runter wie ätherisches Öl

„Diese dummen Kinder! Ich muss hier dringend weg, diese Gegend macht mich fertig!“, schoss mir durch den Kopf, als es gegen 05:15 an meiner Tür klingelte. Ich ignorierte es und schlief wieder ein. Als um 05:25 mein Telefon nicht aufhörte zu klingeln, wusste ich: Es sind nicht die dummen Kinder. Es ist etwas passiert.

Blaulicht vor dem Fenster. Leise, als wolle keiner jemanden wecken, im Stillen als Helden des Morgengrauen sind sie gekommen und wollten so auch wieder weg sein.

Fehlanzeige.

Hellwach war ich plötzlich, wie noch nie zuvor um diese Uhrzeit. Klar und direkt, ruhig und leicht nervös. Das Bewusstsein, was wäre wenn… setzte noch nicht ein. Da fragte mich meine Assistentin was ich anziehen will und ich, Idiot, sage:

„Jogginghose und Top, das reicht. Wir kommen doch gleich wieder rein.“

Hätte ich gewusst, dass ich die nächsten Wochen nicht in die Wohnung komme, hätte ich mein schönstes Kleid und fünf Unterhosen übereinander angezogen. Aber wer ahnt denn schon, dass die Katastrophe spontan und direkt vor der Tür ist. Zack – und dein Leben steht auf dem Kopf. Plötzlich vergisst du die Luxusprobleme von gestern, bist nur noch froh zu leben und deine Familie, die im gleichen Haus wohnt, atmen zu sehen.

Die Mama zu umarmen und der #Kleinumrik die Tränen der Angst aus dem Gesicht zu wischen. Nur der Papa, der schweigt. Er hat schon immer die Sachen mit sich selbst ausgemacht – im Stillen. Er schweigt und sagte nur leise:

„Alles ist gut, wir haben uns.“

Recht hat er. Aber das versteht man erst danach, wenn man im Bett liegt – irgendwo. Wo das sein wird, das wusste an diesem Morgen noch keiner.

So saß ich also da in meiner Jogginghose und glotzte aus dem Fenster, beobachtete den Rauch. „Schön sieht es ja irgendwie aus.“, dachte ich und schämte mich bisschen dafür.

Ein Feuerwehrmann winkte mir durch die Glasscheibe. Weil er hübsch war, lächelte und winkte ich zurück. In meiner Wohnung roch es nach ätherischem Öl und weil es so warm war, stellte ich mir vor, dass ich in der Sauna sei. In Jogginghose. Meine Sinne wurden leicht benebelt und ich weiß nicht, ob es die Müdigkeit war oder der Geruch. Die Sicht klarte draußen auf, die Feuerwehrmänner packten ein und machten Selfies vor ihren Wägen.

Jemand klopfte an die Tür.

„Dürfen wir ein Baby durch Ihre Wohnung retten? Draußen ist es zu verraucht.“

„Klar. Natürlich.“

Und wieder war Stille in der Wohnung. Eine unerträgliche Stille. Ich beschloss, bevor die Ruhe auch vor dem Fenster eintritt, raus zu gehen. Sensationsgeil bin ich, das muss ich gestehen.

„Wollen wir etwas mitnehmen? Brauchen wir etwas?“

„Nein, wir kommen ja gleich wieder rein. Ich will nur kurz mal gucken gehen.“

Einanhalb Stunden saß ich vor dem Fenster und habe gedöst, geträumt, beobachtet. Nichts gepackt, nicht einmal Zähne geputzt, sehr naiv und dumm. Wenn ich nur gewusst hätte, was passiert und dass sich mein Leben verändern wird, dann hätte ich… ja, dann hätte ich!

„#Kleinumrik bei mir und alle anderen in Sicherheit. Alles gut. Gleich gehen wir in die Wohnungen. Ich hol‘ mir nur noch schnell einen Kaffee.“, dachte ich.

Plötzlich – dieser Knall.

Schwarze Rauchwolke, noch mehr Gestank und jemand gibt per Funk durch: „…wir müssen erstmal schauen, ob unsere Leute noch am Leben sind.“

Ich erstarre. Mein Herz überschlägt sich, ich kann nicht einmal meinen Arm heben, um mir die Hände vor’s Gesicht zu schlagen. Ich muss zusehen, wie die Leute panisch werden, weinen, rennen. Aber wohin eigentlich? Wohin…?!

Und so stand ich da, in einer Jogginghose mit ungeputzten Zähnen und erfuhr unfreiwillig, in welchen Outfits meine Nachbarn ihre Nächte verbrachten.

Es roch nun nicht nur nach Öl.

Es roch nach einer echten Katastrophe.

>> Fortsetzung folgt. <<

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