Herr Müller über die Liebe – Rehatagebuch No.4

„Herr Müller…? Wir kennen uns, oder?“

Ich konnte es kaum glauben. Neben mir saß wieder er, der älterer Mann mit schneeweißem Haar und dem schönen Lächeln, der mir schon vor zwei Jahren hier begegnet ist. Genau hier: Die selbe Bank in dem Wartebereich vor der Ergotherapie.

„Ja!“, seine Augen strahlten. „Wir kennen uns. Wie schön dich zu sehen!“

Mein Herz klopfte ein kleines bisschen. Ich hatte noch so viele Fragen an Herrn Müller, die ich vor zwei Jahren nicht stellen konnte, weil die Zeit davon lief.

Ja, die Zeit… Die rennt hier besonders schnell. Menschen kommen und gehen, manche sind mürrisch, manche glücklich. Manche bleiben im Gedächtnis, manche im Herzen.

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Gourmet-Wahnsinn / Rehatagebuch No. 3

„Ich kann nicht essen, wenn der Mann mir gegenüber sitzt!“, sagt hier ein Patient, der nicht wie ein Patient aussieht, weil er körperlich allen überlegen ist und dennoch eine – unsichtbare – Einschränkung hat. „Gestern zog er so sehr an den Spagetti, dass die Soße auf mein Hemd und meine Brille spritzte – das ist doch nicht zumutbar! Oder?“
Abgesehen davon, dass ich Spagetti in einer Reha-Klinik unzumutbar und nicht durchdacht finde, stimme ich ihm zu – das ist nicht zumutbar und doch hat er keine andere Wahl, als später zum Essen zu gehen, wenn alle schon weg sind.

Inzwischen ist der alte Mann abgereist, dafür sitzt da jetzt jemand, der allen Damen am Tisch anzügliche Angebote macht: „Wollen wir ’nen Dreier machen? Morgen ist meine Frau da, sie ist erst 76!“ Die Damen werden rot, beschweren sich und sind empört über so viel Unverschämtheit. Ich finde es fast schon mutig von dem alten Mann, sage es aber nicht zu laut, möchte niemandem zu nahe treten. Immer was los hier!

Menschen, die kaum noch laufen (meistens Senioren oder Muskelkranke), die manchmal nicht deutlich kommunizieren oder essen können (meistens aufgrund des Schlaganfalls), große und kleine Rollstühle, gepflegte und stinkende Menschen. Alle sind sie hier. Und sie alle müssen irgendwie miteinander auskommen, insbesondere beim Essen.

Es kann Horizont erweiternd sein, muss es aber nicht. Wir sitzen alle im selben Boot des schlechten, zerkochten, ungewürzten Essens.

Es gibt hier einen großen Essenssaal, in dem man sich die Sitzplätze nicht frei nach Sympathie oder sonstigen Faktoren aussuchen kann. An den nummerierten langen Tischen sitzen sechs Patienten, die sehr unterschiedlich sind – manchmal zu unterschiedlich. Sie alle werden vom Personal zugewiesen und wenn es doch nicht passen sollte, ist es dann ja doch etwas peinlich den Platz zu wechseln. Umsetzen? Nee, das macht man nicht. „Geht schon irgendwie.“, sagen sie und quälen sich manchmal durch die Frühstücks-, Mittags- und Abendessenszeiten durch. Schweigend. Schnell essend. Blickkontakt meidend.

Ich schweige sowieso gern beim Essen und nutze die Zeit, um alle in meinem Sichtfeld zu beobachten.

Am Tisch direkt neben dem Buffet passt die Chemie absolut nicht.

Ein älterer Herr sitzt da, er ist ganz nett. Weil er sich mit niemandem unterhalten mag, isst er schweigend und guckt dann durch die Gegend. Viel kann er allerdings nicht sehen, weil vor ihm eine Säule ist. Ihm gegenüber sitzt eine redselige Frau im Rollstuhl, die immer und immer wieder versucht ein Gespräch mit ihm einzugehen, aber bisher erfolglos.
„Hallo!“
„Hallo.“
„Guten Apettit!“
„Danke. Ebenfalls.“
Inzwischen hat sie aufgegeben.

Neben ihr sitzt eine ältere Dame, so um die neunzig, die immer vier bis sieben Mal Anlauf nehmen muss, um vom Stuhl aufzustehen. „Haaaaau… Ruck!“, fiebere ich jedes Mal mit. Während ich sie beobachte, zähle ich ihre Aufstehversuche und seit gestern, nach einer Woche, schlägt die Therapie an – sie kommt bei jeder Mahlzeit schneller hoch. Schade, dass es ihre Therapeuten nicht mitbekommen. Wobei ich zweifle, dass so kleine Erfolge hier jemanden interessieren…

An unserem Tisch „No.16“ wird viel gelacht. Ich habe Glück gehabt! Wir sind fünf Frauen, die gut miteinander auskommen, die sich viel zu erzählen haben, es aber nicht müssen, wenn jemand schweigen mag.

Gestern ist ein Mann dazu gekommen. Er sieht recht sportlich aus, trägt eine Glatze und hat einen grauen Bart. Ah, und schicke Sportschuhe trägt er! (Man achtet ja auch wirklich auf die Details…). Warum er hier ist, weiß ich nicht und es ist mir auch irgendwie egal.

„Warum liegt denn seine Namenskarte woanders?“, fragt Sabine, eine meiner Tischgefährtinnen.
„Wahrscheinlich findet er uns doof.“, antworte ich trocken, schulterzuckend. Mir kann es egal sein, ich nehme so etwas nicht persönlich.
„Ja, glaub‘ ich auch.“, bestätigt die Katha und wir sind uns alle einig, dass der Neue uns nicht mag.
„Wir dachten, wir setzen ihn an einen Männertisch, damit er mehr Gesprächspartner hat.“, sagt die Servicedame und meint wahrscheinlich, dass wir ja ständig lachen und er lächelt, aber schweigt. Er schweigt, weil er (noch) nicht gut sprechen kann, aber das ahnt man ja hier auch nicht. Mit Händen und Füßen machte er deutlich, dass er sich mit uns wohl fühlt und bei uns bleiben will. Hochsympathisch!

„Dürften wir uns umsetzen?“, fragt Carsten, ein Mann mit auffälligem grauen Lockenkopf.
„Nein.“, antwortet man ihm. Warum erklärt keiner. Das lässt er nicht auf sich sitzen, das wird ausdiskutiert. Bis einer weint.

Generell beschleicht mich hier oft das Gefühl, dass wir in einem katholischem Schullandheim sind: Frauen zu Frauen, Männern mit Männern, kein Spaß, kein Alkohol. Wo kommen wir denn da hin? Gut, dass hier viele wahnsinnig genug sind und sich nicht viel aus Regeln machen.

Und mir begegnen hier lustige Menschen – aber das muss ich bald genauer erzählen:

„Und was machen Sie, beruflich oder so?“
Ich wollte nicht ausholen, ich wollte schnell aus dem Gespräch kommen und kürzte die ganze Palette mit einem kurzen „Schreiben.“ ab.
„Ah! Postkarten?“

Ja, genau. Postkarten.
Will jemand eine?

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Der Mittelfinger – Rehatagebuch No.2

„Du musst den Ärzten unbedingt sagen, dass es dir schlechter geht und nicht wie viel Paar Schuhe du dabei hast!“, schrieb mir meine empörte Freundin, die vor einigen Jahren hier in der Klinik meine Physiotherapeutin war, nachdem sie meinen letzten Blogbeitrag gelesen hatte. Ich fand, dass sie übertreibt und lachte darüber.
Am Abend dachte ich dann, na gut, erzählst du es morgen mal dem Arzt. Und auch was sonst so (nicht mehr) geht.

„Nun, Frau Umrik, Sie kennen doch Ihre Erkrankung. Überrascht es Sie?“
Ich starre den Doktor, der irgendwie aussieht, als hätte er den Arztkittel in einem Kostümverleih bekommen und es nur so, aus Spaß, übergezogen. Meine Luftröhre verengt sich, mir ist auch ein bisschen übel.
Ja, ehrlich gesagt überrascht es mich immer und immer wieder. Ich habe die Muskelerkrankung schon seit knapp siebenundzwanzig Jahren und ich bin immer noch erstaunt, wenn ein Muskel sichtbar und spürbar wegfällt.
„Okay, ich schreibe Ihnen ein paar extra Therapien auf. Aber eigentlich…“
„Danke. Das wird super!“, unterbreche ich ihn. Gegen meine bescheuerte Euphorie kommt er gar nicht an. Am liebsten hätte ich wie ein Kind in die Hände geklatscht.

„Wissen Sie, ich wurde neulich operiert… seit dem geht gar nichts mehr!“, sagt die ältere Dame mit ihrem Gehwagen an unserem Tisch im Speisesaal stehen bleibend.
„Mmh.“, antworte ich mit dem Mund voller Bohnensalat, von dem es hier ganz viel gibt. Genau wie Gurken. Ist wahrscheinlich günstig.
„Sie haben es verdammt gut. Sie sind jung…“
„Ach waff, Fie doff auff!“, antworte ich mit vollem Mund. Sie versteht nicht, ist aber auch egal, weil sie zu den Menschen gehört, die ihr Leid beklagen, aber nicht zuhören können. Das ist auch die, die mir hinten bei der Essenschlange hinten immer reinfährt, um sich bei den Salaten dann nach vorn zu drängeln. So etwas kann ich ja nicht leiden.

Generell denken viele Menschen, dass ihre neuerworbene Krankheiten ihnen viele neue Freiheiten und Dreistigkeiten schenken.
„Die Fußgänger helfen gar nicht, wenn mir etwas hinunterfällt!“, beklagt sich eine Patientin mit künstlichen Fingernägeln. „Als ich noch alles konnte, war ich nicht so scheiße.“
„Jaaaa, genau… Wer’s glaubt!“, denke ich. „Also ich war schon immer scheiße!“, sage ich ironisch. Sie versteht offenbar meinen Witz nicht. Die waren aber auch schon mal besser.

Ich sitze in den Kabinen der Elektrogymnastik. In diesen Kabinen, die auch ein Drehort für Horrorfilme sein könnten, ist es dunkel, die gedeckten Farben aus den 70ern laden nicht zur guten Laune ein. Dass diese Geräte noch funktionieren, ist eigentlich ein Wunder.
Die Elektroden angelegt an bestimmten Muskeln stimulieren sie und ‚wecken‘ somit auf. Nach vier Wochen geht dann alles schneller und besser – war bis jetzt immer so.
„Ist deine rechte Hand schlechter geworden? Der Strom schlägt durch den Arm durch, es werden die falschen Muskeln angeregt…“, sagt die Therapeutin. Ich erzähle von dem kleinen Finger.
„Mmh… der Muskel ist weg. Also komplett. Den können wir nicht mehr retten.“, sagt sie.
„Scheiße.“, sage ich.
„Ja.“, sagt sie. „Irgendwann ist es nun mal soweit.“
Wir versuchen es trotzdem. Für’s Gefühl.
„Oh, dein Mittelfinger zuckt! Es funktioniert!“, freut sie sich. Meine Freude hält sich zurück, ich bin traurig.

Am Abend fragt mich jemand, ob meine Assistentin meine Tochter sei.
Und in diesem Moment bin ich froh, dass noch mein Mittelfinger einwandfrei funktioniert.

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Der kleine Finger – Rehatagebuch No.1

„Warten Sie auch auf das Abendessen?“, höre ich eine zittrige Stimme hinter mir.

Es ist 17:49 in dem wunderschönen Weserbergland, um 18:00 gibt es Abendbrot hier in der Klinik, wo ich gerade zur Reha bin. Warum ich so früh in der Kantine schon bin, weiß ich nicht und es ist mir auch ein bisschen peinlich mich unter die wartenden Senioren zu mischen, als hätte ich nichts anderes zu tun. Hab ich aber in der Tat auch nicht – heute Abend nicht. Ich warte auf den geschmacklosen Käse, die eklige Wurst und die mit Essig aufgepimpten Salate.

Ich spüre, wie mir jemand mit dem Rollator hinten in den Rollstuhl reinfährt. Ja, ich bin hier gut angekommen, Freunde!

Ich bin müde, körperlich meine ich. Seit zwei Jahren war ich nicht hier und das merke ich. Mein kleiner Finger der linken, eigentlich der besseren, Hand bewegt sich weniger. Es fängt immer mit dem kleinen Finger an und geht hoch – bis nichts mehr geht. Das will ich nicht. Ich habe noch so viel vor!

„Gut siehst du aus!“, sagt mir die Therapeutin, die ich schon aus den letzten Jahren kenne.

„Wenn du nur wüsstest.“, hätte ich am liebsten geantwortet, aber ich schweige und lächle nur müde. „Danke schön.“, antworte ich kaum hörbar.

„Und, warum bist du hier?“

Hier fängt jedes Gespräch, jedes Kennenlernen wie im Knast an. Jeder hat seine Geschichte, sein Leid, von dem man schnellstmöglich und so oft es geht berichten möchte. Ich höre meistens nur zu, ich habe gar nichts zu erzählen. Oder soll ich erzählen, dass sich mein kleiner Finger nicht mehr bewegt und dass es mir Angst macht? Dass ich gar nicht weiß, was ich ohne der Funktion meines kleinen Fingers tun soll und überhaupt weiß ich nicht, wie mein Leben später, wenn wirklich N I C H T S mehr geht, aussehen soll…

Also höre ich viele Geschichten über Schlaganfälle, über Diagnosen, über blöde Ärzte, über neue Hilfsmittel. Und danach kenne ich die Menschen immer noch nicht.

„Was beschäftigt DICH? Weg von deinen Krankheiten, deinen häßlichen Hilfsmitteln – WER bist du?!“ – darauf gibt mir hier keiner eine Antwort.

„Und, wie viele Paar Schuhe hast du diesmal dabei?“, fragt die Ärztin.

„Acht.“, antworte ich lachend.

Foto: nw.de

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Office Inklusive: Der Job am Meer

Gemeinsam mit Microsoft Deutschland werde ich mich in den kommenden Wochen dem Begriff „Digitale Teilhabe“ widmen und mich auf die Suche nach neuen Potentialen von Teilhabe mit und durch Digitalisierung begeben. Wie kann man sein Netzwerk erweitern, produktiv von überall arbeiten oder mit moderner Technologie kreativ sein? Und was bedeutet eigentlich ein Internet ohne Barrieren? Mein Office ist bei dieser Suche übrigens inklusive und stets mobil dabei – denn ich blogge nicht nur vom Schreibtisch zu Hause, sondern auch von unterwegs, aus meinem Lieblingscafé oder eben dort, wo ich gerade bin.

***

An meinem Geburtstag erreichte mich ein Päckchen von meiner Freundin Julia, die ich lange nicht mehr persönlich gesehen habe. In dem schön verpackten, kleinen Paket war ein Buch, das mein Denken über die Arbeit und mein Leben – „Worum geht es hier eigentlich?!“ – nochmals verändern sollte. Das, was ich schon lange fühle und wonach ich versuche, zu leben, wurde mir nochmal nähergebracht. Ich habe das Buch an zwei Abenden verschlungen, nur um dann wach im Bett zu liegen und zu denken:
„Du kannst jetzt nicht schlafen. Das Leben wartet!“

Immer wieder beschäftigen mich die Fragen:

Warum arbeite ich? Warum arbeitest Du?“ und ich weiß aus Erzählungen und eigener Erfahrung, dass die meisten Menschen arbeiten, um irgendwann, wenn sie alt und sowieso zu schwach für alles Weitere sind, weniger arbeiten zu müssen.

Ich spüre, dass das nicht mein Weg ist. Ich ahne, dass ich gar nicht so alt werde, um die kleine Rente in einem Haus am See zu genießen. Wahrscheinlich werde ich nie die Zeit haben, um am Meer zu sitzen und endlich meine Ideen, Visionen und Erlebnisse aufzuschreiben.

Was, wenn es übermorgen vorbei ist und ich im Sterbebett liege und mich über den Stress im Job ärgere, die scheinbar ungenutzte Zeit herbei sehne?

Ich möchte so nicht das Ende meines Lebens nicht erleben. Es gibt nur diese eine Chance – ich will sie nutzen. Aber wie?

Nicht ich gehe zu meinem Job, sondern der Job geht mit mir.

Ich kann den Gedanken nicht ertragen, täglich an einem Ort zu sein, aus dem gleichen Fenster zu gucken und die Sonne auf meinem Gesicht nur an einem Samstagnachmittag zu spüren. Ich möchte mich nicht damit anfreunden, eine längere Arbeits-ToDo-Liste zu haben, als ich körperlich oder zeitlich schaffen kann. Ich möchte nicht mehr mit Luftnot ins Bett gehen und von ruhigeren Zeiten träumen. Sie werden nämlich nie kommen. Ich muss die ruhigen Zeiten selbst heranholen. Und ich spreche dabei nicht vom faul sein oder „chillen“.

Das Leben ist heute. Nicht gleich – sondern JETZT.

Ständig hört man, wie sich alle auf den Jahresurlaub freuen. Auf einen freien Abend. Auf das Ausschlafen. Auf mehr Zeit am Küchentisch. Mehr Zeit mit dem Partner, mehr intensive Momente generell.

Dann frage ich mich, warum man sich diese Zeit nicht nimmt? Wenn man nur dann produktiv arbeiten kann, wenn man ausgiebig gefrühstückt hat und vor zwölf Uhr sowieso nicht wirklich wach ist, dann ist es okay – man sollte ausgiebig frühstücken und ab zwölf Uhr den Arbeitsalltag beginnen. Wieso peitschen wir uns selbst so aus?! Warum gönnen wir uns so wenig Freiheit?

Es gibt genug Barrieren, genug Grenzen – sei nett zu Dir.

Ich weiß, dass meine Vision und mein Drang nach Freiheit illusionär zu sein scheint, ein bisschen naiv und leicht (!) verrückt ist. Unmöglich ist es dennoch nicht, das weiß ich. Wenn da nicht die üblichen Barrieren wären. Das Geld, die Erwartungen, die üblichen Arbeitsbedingungen… Erst wenn alle beginnen umzudenken und ihren persönlichen Wert auf etwas Anderes lenken, als „Das war schon immer so, deshalb bleibt es so!“, erst dann wird sich die Arbeitswelt und unsere Produktivität verändern. Sie wird nämlich gemeinsam mit unserer Lebensqualität und dem Glücksgefühl steigen.

Ich fahre ans Meer, weil ich dort am schnellsten zur Ruhe komme und dort gut arbeiten kann. Und ich nehme meine Ideen und meinen Arbeitsplatz – bestehend aus dem Surface 3, Microsoft Office und einer Bluetooth Tastatur – einfach mit!

Foto: Microsoft Corporation

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Gib mir die Inspirationsspritze (nicht so wie ihr jetzt denkt)!

Boah… wann ist der Vortrag endlich vorbei?!“, dachte ich während ich den Worten auf der Bühne zu folgen versuchte. Ich bin fast eingenickt. Noch 40 Minuten.

Ich schweifte ab. Ich überlegte, wo ich einen alten, schicken Spiegel für mein Schlafzimmer bekommen kann und dann fragte ich mich, wie ich wohl auf Bühnen wirke, weil ich ja gar nicht so doll Gestikulieren kann… Haben Menschen mit einer Muskelerkrankung oder einer sonstigen Behinderung, die sie sehr einschränkt, überhaupt so etwas wie ‚Körpersprache‘? Angeblich habe ich eine, aber ich kann es mir nicht so Recht vorstellen.

„Vielen Dank, dass Sie dabei waren! Ich hoffe, Sie gehen inspiriert nach Hause.“ Alle klatschen. ‚Inspiriert‘ sieht anders aus. Ich war überrascht, wie viele Gedankengänge man in einer Stunde durchdenken und sich dabei selbst inspirieren kann. Die Dame auf der Bühne hat es leider nicht geschafft. Mir tut es Leid um zwei Stunden meines Lebens, die flöten gegangen sind.

Dabei wünschen wir uns alle so sehr Inspiration! Jemanden, der uns ‚flasht‘, der uns etwas Neues erzählt, zeigt oder mit uns unternimmt. Der uns motiviert und zum Lachen bringt. Wir wollen die Dinge mal wieder so sehen, wie man sie noch nie gesehen hat – mal wieder einen „Aha-Moment“ erleben, mal wieder leuchtende Augen bekommen und das „Wow-Gefühl“ im Bauch spüren.

Menschen mit einer Behinderung sind oft Inspirationsobjekte und ärgern sich darüber. Es gibt unzählige Blogbeiträge und Youtube-Videos dazu. Ja, ich verstehe nach wie vor worum es geht – und bin immernoch unfassbar genervt, wenn man sich an meiner Existenz erfreut. Aber darum geht es mir hier nicht… Noch vor einiger Zeit war auch ich auf dem Trip derjenigen, die laut gerufen haben:

Neeeeeiiiiin, Schluss mit der Inspiration! Hol sie dir woanders! Ich hab kein Bock mehr!!!“

Bis ich eines Tages – seit dem immer öfter – gemerkt habe, wie gelangweilt ich bin. Ich bin älter, reifer, erfahrener in einigen Sachen. Mich schockiert wenig. Mich überrascht noch weniger. Mich beeindruckt aber auch weniger. Leider! Und so machte ich mich auf die Suche nach einer Inspiration… Überall. In jedem Menschen suche ich nach der verdammten Inspiration, die mich auf den Boden der Tatsachen zurück holt oder mir das Gefühlt gibt, dass ich mehr will, höher will – dass ich nicht aufhören kann, dass ich erst begonnen habe… Ich suche nach dem „Boost“, nach der Motivations- und Inspirationsspritze.

Es gibt sie. Sogar sehr oft, wenn man die Augen offen hält. Und die mich Inspirierenden sind unterschiedlich. Es sind Frauen, es sind Männer, Kinder und Rentner, Akademiker und Menschen ohne einen Schulabschluss. Schwarze und Weiße, Behinderte und Menschen ohne einer sichtbaren Behinderung. Und sie alle haben eine Geschichte. Sie alle haben Meinungen, Gedanken, Anekdoten und Ängste. Und nur wenige beschweren sich darüber, dass sie mich mit ihren Geschichten inspirieren (außer die mit der Behinderung).

Neulich sagte ein älterer Herr zu mir im Bus: „Sie strahlen Ruhe aus! Das wird mich den heutigen Tag über inspirieren, vielen Dank dafür!“

Ich lache vor Freude und frage mich:
Warum wollte ich nochmal niemanden inspirieren?

Heute ist der internationale Weltfrauentag. Inspiriert und lasst euch inspirieren!

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Digitale Teilhabe in Zeiten der Inklusion

Wir haben das Jahr 2016 und inzwischen müsste jeder wissen, was mit dem Wort „Inklusion“ gemeint ist. Zumindest hat es jeder schon einmal gehört, auch wenn es begleitet mit einem genervten Stöhnen war: „Inklusion ist so teuer! Und wahrscheinlich ist es sowieso nicht machbar. Ein schöner Gedanke, eine nette Idee, aber…“

Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind:

Inklusion bedeutet (für mich), jeder darf und kann, muss aber nicht. Dabei sein, weg bleiben, Filme schauen, Theater und Ballett-Stücke sehen, arbeiten und faulenzen, sich beliebig kleiden und ernähren können. Und wie so oft im Leben, hängt es in den kleinen Details, versteckt im echten Leben, dem sogenannten ‚Alltag‘ – weil sich keiner darum kümmert, weil keiner laut ruft: „SO nicht! Es nervt!“

Beispiele aus dem echten Leben – aus der sitzenden Perspektive, die wirklich nerven:

Seit Wochen versuche ich meinen Sommerurlaub zu buchen. Abgesehen von den üblichen Schwierigkeiten, die jeder von uns kennt, wie das Suchen nach einer passenden Unterkunft, das Entscheiden für eine Region oder Land, den Vergleich mit den eigenen Ansprüchen / Wünschen und den gegebenen finanziellen Möglichkeiten, die eine gute Lage mit guter Anbindung, Komfort und Ausstattung mit einander vereinen, kommen bei mir als Rollstuhlfahrerin unzählige unfreiwillige Extrawünsche hinzu. Ich scheitere immer und immer wieder, mache müde und genervt meinen Laptop aus und denke: „Gut, dann nicht.“ Aber dann eben doch – einige Tage später sitze ich erneut da und habe zehn Seiten offen, auf denen ich verzweifelt versuche eine für mich passende Unterkunft zu finden. Übrigens hört sich das gerade nach mehr an, als es tatsächlich ist: Ich spreche gerade ’nur‘ von barrierefreiem Zugang und einer schwellenlosen Dusche. Ja, wirklich, das war’s!

In der Realität ist es aber unfassbar schwierig eine passende Unterkunft zu finden, die auch noch den sonstigen Ansprüchen gerecht wird und mich für den Rest des Jahres nicht arm macht. Und so beginnt man Abstriche zu machen, Kompromisse einzugehen: Zunächst bei der Ausstattung. Dann bei Komfort und anschließend bei der Lage. Ich kenne meistens – sobald ich mich für eine Region oder Land entschieden habe – alle Airbnb-Wohnungen auswendig, fast alle Hotels in der Umgebung und weiß immer noch nicht, ob alles ‚gut geht‘, wenn ich dort angekommen bin.

Wie in Trance klicke ich die Bilder auf Airbnb-Angeboten durch und obwohl ich „für Rollstuhlfahrer zugänglich“ angeklickt habe, heißt das noch lange nichts. Im Schnitt sind nur 2/30 Wohnungen für einen Rollstuhlfahrer zugänglich. Die meisten Seiten haben nicht einmal die Filterfunktion für die Barrierefreiheit… und selbst wenn, vertrauen sollte man darauf nicht.

Da bleibt einem doch keine Zeit zum Leben, weil man nur auf der Suche nach der zugänglichen (kein ‚Luxus‘!!!) Unterkunft ist.

Einfache Lösung: Mehr Filter (trivago.de hat es ganz gut gelöst) auf die Websites einbauen, damit man schnell zur gewünschten Erholung kommen kann. Der Urlaubsort sollte sich an mich anpassen, nicht andersrum. Und zack, kann man auch als Mensch mit einer Behinderung sich vom stressigen Alltag erholen.

Also gut, wenn sich das mit dem Urlaub hinzieht, dann sollte ich bis dahin mehr Kultur erleben und… Kurz gesagt, ist das Buchen von Konzerten, Theater- oder Ballett-Karten oder sonstigen kulturellen Veranstaltungen, eine Katastrophe. Schnell und per Mausklick an die Tickets kommen? Bei Menschen mit einer Behinderung, die entweder auf eine Begleitperson angewiesen sind oder aufgrund der Eventlocation nicht in der Masse stehen dürfen und deshalb extra auf die ‚Behindertentribüne‘ müssen, eine Fehlanzeige! Es folgen lange Telefonate mit langen Wartezeiten, Weiterleitungen, vergessenen Zurückrufen und dann – endlich – das Ticket. Vielleicht, wenn man Geduld und Glück hat.

Die Aussage, ob ein Konzert ausverkauft sei, ist nicht zuverlässig, weil die Rollstuhlplätze nicht online vermerkt und gezählt werden.

(Übrigens, ein kleiner Tip unter uns: Wenn die Location relativ klein ist, ihr euch darin auskennt und wisst, wie der Einlass und die Veranstaltungen dort aussehen, kauft euch einfach EIN Ticket und geht mit eurer Begleitperson hin. Es schont die Nerven und hebt den Spaß.)

Wehe, man plant auf ein Konzert in einer anderen Stadt zu gehen! Der Organisationskreis ist dann noch größer, weil keine Location – ganz egal ob Konzerthalle, ein Theater, Restaurant, Café – jemals öffentlich geschrieben hat: „Wir sind barrierefrei!“ – oder: „Wir sind absolut nicht barrierefrei.“, das würde ja auch schon einiges an Zeit und Aufwand ersparen.

Einfache Lösung: Jede Institution, jeder Location, jede Veranstaltung MUSS auf ihrer Website (o.ä.) angeben, ob diese barrierefrei zugänglich ist und mithilfe von Icons erläutern für wen (mobilitätseingeschränkte Personen, Gehörlose, Blinde).

Das Kaufen der Tickets sollte per Mausklick funktionieren: Einfach einen Haken setzen. Das kann doch nicht so schwer sein.

Was meine Herausforderungen wiederum für blinde oder gehörlose Menschen bedeuten können (oder nicht von großer Bedeutung sind), kann und mag ich nicht beurteilen. Ich kann es mir nur vorstellen und bin überzeugt: Man könnte so vieles besser machen. Wenn wir nur wollten.

Bei den großartigen Ideen und Planungen für das digitale Arbeiten, organisieren und auf ‚zack‘ sein, wurde ein großer Teil der Gesellschaft kaum beachtet: Menschen mit Behinderungen, die ältere Generation, verschiedensprachige Menschen und Menschen mit kognitiver Einschränkung…

Huch… es hat nur ein ganz kleiner Teil zum grenzenlosen Internet?!

Ich bin noch lange nicht am Ende meiner Erzählungen. Aber ich muss jetzt leider nach einem Hotel suchen und mir eine Bahnfahrt buchen.

Titelbild: digitale-chancen.de

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