Über das Schreiben – online und offline

Es war eine dieser Deutschstunden mit einem Lehrer, der mehr von sich und seinem Leben sprach, als uns etwas beizubringen. Ich hatte mal wieder Liebeskummer und saß ganz hinten. Ich saß in der Schule immer gern ganz hinten, damit keiner sehen konnte, was ich in den Ringblock kritzelte: „IluvU“, gebrochene Herzen und meine Übungsunterschrift für den Perso, den ich erst in drei Jahren bekommen sollte.

„…eine Kurzgeschichte über die Liebe. Bis nächsten Dienstag!“, hörte ich wie aus einem kaputten Lautsprecher vom Weiten.

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„Fuck it!“ – sagte Romy immer.

Ich stehe am Waschbecken meines Badezimmers, putze mir die Zähne und betrachte mich im Spiegel. Ich sehe immer noch recht frisch aus, obwohl es schon spät ist: 02:17 zeigt die Uhr an. Der Blick ist klar, nur der Eyeliner ist etwas verschmiert, die Lippen vom Rotwein etwas bläulich und das Rot vom Lippenstift ist wahrscheinlich auf seinem Mund oder auf dem Strohhalm geblieben.
Romy sitzt auf dem Klodeckel und beobachtet mich. Ich sehe an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie am Liebsten fragen würde: „Wer ist das? Was macht er? Was kann er?“

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Langsam langsamer

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie einfach so anspreche…“, stammelt der Mann um die sechzig. „Ich beobachte Sie nun schon seit zwei Stunden. Ich bin hier mehrere Runden im Park mit dem Rad gefahren. Und immer wieder begegnen Sie mir. Und da habe ich gedacht, ich sage es Ihnen einfach.“ – er holt tief Luft, lächelt etwas schüchtern – „Sie sehen so, so, so glücklich aus! So ausgeglichen und ruhig. Als hätten Sie Ihren Frieden gefunden, als könne Sie nichts durcheinander bringen.“, er beugt sich zu mir runter und senkt seine sowieso schon tiefe Stimme und zwinkert mir vielsagend zu. „Sagen Sie, was machen Sie dafür? Meditieren Sie oder schlafen Sie einfach genug?“ 

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Leo, mein Held

 

Ein Mann packt mich doll an der Schulter und wirft mit einer kleinen Taschenlampe Lichtstrahl in die Pupillen. Meine Augen sind schwer, ich kann den Körper nicht kontrollieren. Nichts kann ich kontrollieren, bekomme keinen klaren Gedanken zustande. Die Realität ist dumpf, Schmerzen sind keine da, das Licht ist grell, ich will einfach meine Ruhe haben.

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Mein unperfekter Körper den ich lieben lernte

Mein Blick, wie so oft etwas zu kritisch, die Augenbrauen zusammengezogen wie die eines meckernden Erwachsenen mit einem Kind, das sowieso schon unsicher ist und allein deshalb alles falsch macht, mustert die dreißig jährige Frau mit den dunkelbraunen Haaren und den vollen Lippen sehr genau im Badezimmerspiegel. Es ist vom Duschen ganz beschlagen, man erahnt nur den Körper, aber sieht genug um zu wissen, dass es sich hier um ’schiefe Angelegenheiten‘ handelt. Die Beleuchtung ist schlecht.

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Der Abschied von den Muskeln

Whooohooo!“, ruft jemand hinter mir, während der Saal vor Begeisterung tobt und alle laut klatschen. Das Ensemble des Theaterstücks kommt auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses und eine Frau aus den ersten Reihen ruft:

Heinz, ich will ein Kind von dir!“

Heinz grinst, formt seine rechte Hand zu einer Pistole, macht auf die langhaarige blonde Frau zielende Schießbewegungen und zwinkert ihr dabei zu.

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Digital Detox – so offline es geht

Ich sitze in einem meiner Lieblingscafés „Koppel 66“ und trinke schon den zweiten Cappuccino, während ich auf meine Freundin warte. Ich bin ausnahmsweise viel zu früh da, was mich sogar selbst überrascht, weil es so gut wie nie vorkommt. Ich habe Zeit…

Neugierig gucke ich durch die Gegend, beobachte die anderen Besucher und lasse meine Gedanken schweifen. Hinten in der Ecke sitzt ein älterer Mann allein und beißt genüsslich in das gut duftende Croissant, das er vorher mit einer dicken Butterschicht beschmiert hat. „Oh ja, genau so hätte ich es auch gemacht!“, denke ich. „Gleich werde ich das Gleiche bestellen, mit einer extra Portion Marmelade dazu.“ Die Tür geht auf und ich werde aus meinen Gedanken herausgerissen.

Ich blicke zur Tür, zurück in das Jetzt geschmissen und sehe, dass an der Tür eine Frau steht, die ich zu meinen Facebook-Freunden zähle. Ich würde schon behaupten, dass wir uns kennen – irgendwie. Sie sieht mich auch. Online ist diese Frau sehr aktiv, kommentiert, liked, und verteilt viele Herzchen unter meinen Einträgen. Im echten Leben, so stellte sich in diesem Augenblick heraus, verteilte sie nichts, nicht einmal ein Lächeln.

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