ABT

Ich mag es ehrlich und direkt. Weder mit der Wimper oder dem Mundwinkel zu zucken, den Blick nicht abwendend – direkt ins Herz. Ich erzähle, weil ich viel erlebe, ich denke nichts aus, obwohl ich hin und wieder gern die Situationen überspitzt darstelle – wegen des Spannungbogens und der Neugierde, die es dringend zu erhalten gilt.

Mein Name ist Anastasia Umrik, ich bin „um die 30“ (ich habe keine Lust diesen Text jährlich am 9. Februar ändern zu müssen) und meine Lieblingsfarbe ist rot: Roter Lippenstift und roter Wein. Ursprünglich bin ich aus Kasachstan, aber ich spreche, denke und schimpfe akzentfrei Deutsch. Wobei ich die russischen Schimpfwörter lieber mag, weil sie nicht ganz so böse klingen und doch sehr deutlich machen: „So nicht, Freunde! Nicht mit mir.“

Ich könnte jetzt seitenweise erzählen, dass ich toll, witzig und engagiert bin. Und dass ich als ehemalige Sonderschülerin dennoch mein Abitur geschafft habe und sogar angefangen habe zu studieren. Vorher habe ich aber bei OTTO meine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht. Weil ich nicht mehr von einer besseren Welt ohne Vorurteile und mehr Liebe träumen wollte, habe ich beschlossen die Sachen selbst in die Hand zu nehmen und meine Sehnsucht in Kunst umzuwandeln.

So entstand u.a. das Fotoprojekt „anderStark – Stärke braucht keine Muskeln“, die Modenschau „anderFashion“, bei der Frauen mit und ohne Behinderung die neuste Hamburger Mode präsentiert haben, und anschließend gründete ich gemeinsam mit der Modedesignerin Kathrin Neumann das inklusive Designlabel „inkluWAS – design, das denken verändert“.

Puh!

Und ihr würdet all das lesend denken, dass ich es quasi von der Tellerwäscherin zur Spülmaschinenbesitzerin geschafft habe, und dabei anerkennend nicken.
Dass meine Noten aber durchgehend mehr schlecht als recht waren, und dass ich das Studium nach drei Semestern abgebrochen habe, werde ich aber lieber verschweigen. Und wie viele schlaflose Nächte ich im Kampf um die Selbstständigkeit hatte auch. Zu sehr genieße ich die Anerkennung und den Lob von den Menschen aus dem Internet.

Ich bin endlich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich nicht nach meinem Namen, höchstens noch nach dem Alter, direkt im Anschluss erwähnen muss, dass ich aufgrund einer Muskelerkrankung (Spinale Muskelatrophie, genannt auch SMA, Kugelbern Welander, Typ 3 – für Google) mit einem elektrischen Rollstuhl unterwegs bin.
Erstens, weil es im Internet nicht relevant ist, hier sind wir alle körperfrei. Zweitens, weil es erst relevant wird, falls man sich mit mir auf einen Kaffee oder Wein treffen mag. (Oder wenn du mich gern als Speakerin, Workshopleiterin oder Coach buchen möchtest.)

So. Und nun?

Ich bin meinen Weg gegangen und gehe ihn noch immer. Manchmal sind es breite Wege, manchmal schmale, geteerte (das sind meine Lieblingswege!) und manchmal stehe ich auf einem großen Platz, der aus Kopfsteinpflaster besteht – das ist dann Schwierigkeitsgrad 9 von 10.
Dort warte ich dann so lange, bis ich wieder in voller Kraft bin und weiterziehen kann. Es ist manchmal schwer, ja, aber nur so lässt sich die Leichtigkeit auf allen Ebenen anschließend intensiver spüren, genießen und weitergeben.

Lieber Besucher und liebe Besucherinn meines Blogs, ich freue mich aufrichtig, dass du deinen Weg zu meinen Texten gefunden hast. Bleib doch noch ein bisschen, lass‘ dich inspirieren, vielleicht nimmst du auch etwas für dich mit. Wenn du magst, schreib mir – deine Eindrücke, deine Gedanken, deine Hoffnungen. Ich kann nicht auf jede Mail antworten, aber ich werde alles lesen.

Hier ein Auszug aus einem Text, der mich schon sehr lange begleitet und mir viel bedeutet; es ist eine Einladung auch für dich:


Die Einladung

[…] Ich möchte wissen, wonach Du Dich sehnst und ob Du es wagst,
davon zu träumen, Deine Herzenswünsche zu erfüllen.

Es interessiert mich nicht, wie alt Du bist,
Ich möchte wissen, ob Du es riskieren wirst,
verrückt vor Liebe zu sein, vernarrt in Deine Träume,
in das Abenteuer, lebendig zu sein. 
[…]

Ich möchte wissen, ob Du die Mitte Deines Leids berührt hast,
ob Du durch Verrat, den Du im Leben erfahren hast,
aufgebrochen und offen geworden
oder geschrumpft bist und Dich verschlossen hast vor Angst und weiterem Schmerz.

Ich möchte wissen, ob Du dasitzen kannst mit Schmerz
– meinem oder Deinem eigenen –
ohne irgendeine Bewegung der Ausflucht,
ohne den Schmerz zu verbergen, ohne ihn verschwinden zu lassen, ohne ihn festzuhalten. 
[…]

Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die Du mir erzählst, wahr ist.
Ich möchte wissen, ob Du jemanden enttäuschen kannst, um zu Dir selbst ehrlich zu sein, […]

Ich möchte wissen, ob Du Schönheit sehen kannst, auch dann, wenn es nicht jeden Tag schön ist
und ob Du in Deinem Leben einen göttlichen Funken spürst.
Ich möchte wissen, ob Du mit Mißerfolg leben kannst
– mit Deinem und meinem –
und immer noch am Ufer eines Sees stehen und “Ja“ zum Vollmond rufen kannst. 
[…]

Ich möchte wissen, ob Du mit Dir selbst alleine sein kannst
und ob Du wirklich die Leute magst, mit denen Du Dich in Zeiten der Leere umgibst.

***
Oriah Mountain Dreamer (im Mai 1994, http://www.oriahmountaindreamer.com)
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jena Ilka Frey